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So liebt die Welt, Teil 1: Südkorea: Lust ohne Liebe

Sex gilt in Südkorea kaum als Ausdruck einer romantischen Beziehung. Er ist Ventil für männliche Bedürfnisse. Nur die Frau sollte treu sein. Zwar verschwindet dieses Rollenverständnis allmählich. Aber Südkorea ist noch immer ein Land mit traditionellen Werten - und sehr prüde.

Von Teja Fiedler

Die Brüste sind golden, die Dame ist nackt. Von Kopf bis Fuß zehn Meter lang krümmt sie sich in ekstatischer Rückenlage. Papa Lee lehnt nonchalant am Hintern der Riesenplastik, Mama Lee posiert mit der fünfjährigen Tochter neben ihm. Der Schnappschuss mit Selbstauslöser ist fürs Fotoalbum bestimmt zur Erinnerung an den Ausflug ins Loveland auf Koreas Honeymoon- Insel Cheju. Übermorgen schon wird Herr Lee das Bild "Der Orgasmus und wir" kichernd den Schwiegereltern zu Hause in Seoul zeigen.

Zusammen mit den anderen Highlights des Themenparks: Da ist der Riesenfinger, der in einer farbenfrohen Vagina steckt. Da verrenkt sich eine überlebensgroße Dreiergruppe aus Pseudomarmor zum akrobatischen Liebesspiel. Selbst der Türgriff zur blitzblanken Toilette des Parks ist ein Penis samt Anhang, Größe XXL.

Eine Reisegruppe vom Land - krumme Rücken, rissige Hände - aus der Nordprovinz Kyongi schart sich um ein ganz besonderes Exponat, einen weinroten Straßenkreuzer mit dunkel getönten Fenstern. Das Auto schaukelt sehr eindeutig, und wer die Nase an den Scheiben platt drückt, kann im Halbdunkel des Innenraums zwei Puppen unterscheiden, die es miteinander treiben, untermalt von lustvollem Tonband-Gestöhne. "Von vorne musst du gucken, da sieht man besser", sagt ein Bäuerlein zum anderen. "Wenn man nur die Tür aufmachen könnte!", sagt seufzend der Angesprochene.

Weißer Fleck in der Statistik

Im "Museum für Sex und Gesundheit", dem zweiten Höhepunkt auf der Insel der Liebenden, fingern junge Paare ungeniert an ausgestellten Dildos und studieren die Fotos nachgestellter Kamasutra-Positionen. Die Hintergrundmusik dazu ist schwer und schwülstig wie ein akustischer Schwellkörper. Diagramme erklären, wer auf dieser Welt am häufigsten Liebe macht: Russen und Italiener. Und wer am seltensten: Inder und Vietnamesen. Wer die meisten Sexualpartner hat: angeblich die Türken. Nur Koreaner tauchen in keiner Grafik auf. Ihre Heimat erscheint auf den Charts der Begierde als weißer Fleck.

Die Poster an der Wand eines angeblich naturgetreu ausgestatteten Puffzimmers zeigen Menschen ohne Mandelaugen, vorzugsweise blond, auch die sich in Verzückung windenden Monumentalplastiken tragen auffällig westliche Züge.

Korea ist ein prüdes Land. Das Thema, das auf Cheju so explizit pornografisch und ohne Scheu vor Peinlichkeit ausgebreitet wird, ist sonst überall tabu. Sex gilt noch immer als nationale Verschlusssache. Selbst Paare, die Loveland besuchen, blenden Gefühle aus und studieren die Exponate wie ausgestopfte Kleintierrassen im Heimatmuseum.

Totgeschwiegene Sexualität

"Seit den Chosun-Herrschern war der Sexualakt in totale Geheimhaltung gehüllt. Das ist auch heute noch weitgehend so, in der Ehe, in der Familie und in der Öffentlichkeit", sagt Choi Hyung-Ki, Koreas bekanntester Sexologe. "Wenngleich diese Haltung aus dem 15. Jahrhundert vor allem durch den Einfluss des Internets in den vergangenen Jahren aufgeweicht wurde." Obwohl sich Koreaner heute zu mehr als 90 Prozent zu Christentum oder Buddhismus bekennen, prägt der Konfuzianismus - einst Staatsreligion - noch immer ihr Verhalten. Dessen Sittenlehre verlangt vom Individuum Konformismus und Unterordnung getreu dem berühmten Spruch des Meisters: "Ist der Einzelne in Ordnung, ist die Familie in Ordnung. Ist die Familie in Ordnung, ist der Staat in Ordnung. Ist der Staat in Ordnung, dann ist es auch die Welt."

Wo Ordnung mehr ist als nur das halbe Leben, hat spontaner Trieb kaum Platz. Geschlechtsverkehr ist der Fortpflanzung vorbehalten, ein notwendiges Übel zur Familiengründung, über das man am besten schweigend hinweggeht. "Kinder wachsen in dem Glauben auf, dass sexuelle Unwissenheit gut ist", sagt Choi Hyung-Ki, "sie werden noch immer dazu ermuntert, nicht über Sexualität zu sprechen."

Hi-Jun und Ut-Jin kennen sich übers Internet seit Jahren. Er ist Telekommunikationsmanager, sie Krankenschwester. Die beiden sind ein modernes Paar aus Seoul. Sie trägt ein Designer-T-Shirt mit Pailletten, er rote Sneaker neuesten Zuschnitts. Beide sind immerhin 31, doch erst bei einem Wintersportwochenende ihrer Chat-Gruppe funkte es. "Er ist so fantastisch Snowboard gefahren", sagt Ut-Jin lächelnd, "das hat mich für ihn eingenommen."

Partnerfindung in Korea

Die Kontaktbörse Internet ist heute die coolste Form, einander zu finden. Ansonsten kriegt man von einem Freund eine Telefonnummer: "Ruf doch mal an. Eine Studienkollegin. Ich glaube, die würde zu dir passen." Oder die Eltern vermitteln ihrer Tochter ein Treffen mit dem angeblich ganz besonders netten Sohn eines ganz besonders engen Geschäftsfreundes.

Als guter Freund, als gehorsame Tochter trifft man sich dann mit dem oder der Auserwählten. Geht abendessen, anschließend Kaffee trinken, vielleicht noch ein halbes Stündchen unter den Bogenlampen der Uferpromenade am Han-Fluss spazieren und getrennt nach Hause. Dann wartet man auf den Rückruf (oder ist froh, wenn keiner kommt).

Früher gab es keine Widerrede, wenn die Eltern einen Heiratskandidaten ausgesucht hatten. Im modernen Korea können die jungen Leute "Nein, der nicht!" sagen. Beim nächsten Vorschlag von Vater und Mutter müssen sie aber pflichtschuldigst wieder ran. Spontane Flirts sind selten und verpönt.

Nicht vor der Ehe

Fünf Monate sind Kim Hi-Jun und Do Ut-Jin nun zusammen - was man in Korea "zusammen" nennt. Vor den Augen anderer würden sie nie weiter gehen, als Händchen zu halten. Beide wohnen weiterhin bei den Eltern. Wollten sie intime Stunden verbringen, müssten sie ein Love-Hotel aufsuchen. Diese Begegnungsstätten sind anders als in Japan keine eindeutigen Liebestempel, sondern auf typisch koreanische Art so gesichtslos wie nur möglich. Bloß nicht auffallen.

Doch die hübsche Ut-Jin will bis zur Heirat im Herbst noch nicht mit ihrem Liebsten schlafen: "Und Hi-Jun respektiert das." Er nickt, wenn es ihn auch schmerzt. Wie Ut-Jin denkt die Mehrheit der Koreanerinnen. Bei einer Umfrage unter Studentinnen vor ein paar Jahren fanden rund 45 Prozent "zarte" Küsse akzeptabel, 31 Prozent Händchenhalten, 20 Prozent richtiges Küssen und Petting. Auf Geschlechtsverkehr vor der Ehe aber wollten sich nicht einmal zwei Prozent einlassen. "Daran hat sich bis heute kaum was geändert", sagt Hi-Jun. Trotz Internet und Globalisierung.

Falls koreanische Mädchen überhaupt einmal Ja sagen, tun sie es indirekt. "Ich bin so müde", ließ eine Studentin einen Kommilitonen wissen, der in den USA aufgewachsen war. "Dann musst du dich hinlegen", riet der. Bis ihn ein einheimischer Kumpel aufklärte, dass ihre Bemerkung die für koreanische Ohren höchst eindeutige Aufforderung war, sie wolle nicht allein, sondern mit ihm ins Bett gehen.

Das Geschäft Heirat

Die Ehe ist das Lebensziel der überwältigenden Mehrheit aller Koreaner. Man strebt es pragmatisch an. "Sobald hier jemand den Entschluss fasst zu heiraten, vollzieht er ihn wie geplant. Ein passabler Partner reicht. Die Institution Ehe ist wichtiger als die große Liebe," sagt Heidi Kang. Die Germanistikprofessorin kam 1963 mit ihrem koreanischen Mann nach Seoul. Eine von 200 Deutschen im ganzen Land. "Ich wurde auf der Straße angestarrt wie eine Außerirdische."

Im Vergleich zu damals habe sich Korea geöffnet. "Doch was als nicht konform gilt, ist auch heute noch Gegenstand von Geringschätzung und Hänseleien." Jeder Eheschließung geht traditionell ein zähes Feilschen um die Mitgift und die Kosten der Hochzeit voraus. Die Seite des Bräutigams ist für die Wohnung der Neuvermählten verantwortlich, die der Braut für die Einrichtung. Werden die Erwartungen einer Partei enttäuscht, kann das zum jähen Ende der jungen Ehe führen.

So gingen kürzlich zwei koreanische TV-Stars nach wenigen Tagen wieder auseinander, weil das Apartment, das er einbrachte, nur 90 Quadratmeter maß. "Meine Tochter ist eine Wohnung mit 170 Quadratmetern wert", sagte die Schwiegermutter. Angesichts der exorbitanten Immobilienpreise in Seoul ein königlicher Brautpreis.

Zeremonie in rosa und weiß

Die Hochzeitszeremonie spiegelt Koreas Spagat zwischen Tradition und Moderne wider. Teil eins findet vor Hunderten geladener Gäste im Bankettsaal eines Hotels statt oder in der Festhalle eines kommerziellen "Heiratspalastes". Dort werden junge Paare in meist pseudo-klassizistischem Ambiente mit viel weißem Stuck, Bleikristall und schluchzenden Geigen im Zweistundentakt abgefertigt.

Sim Ji-Young trägt Weiß mit Schleppe, Leutnant Jeon Yong-Hoon seine Paradeuniform. Der Laufsteg ist überreich von Blumen gesäumt. Vorbei an einer Eisplastik - einem Herz, auf dem zwei Turteltauben schnäbeln - schreiten Braut und Bräutigam zum Podium. Es ist heiß im Hochzeitssaal des Garden Hotel, und den Täubchen auf dem kalten Herz tropft das Schmelzwasser von den Schnäbeln.

Die Lichter gehen aus. Ein einziger Scheinwerfer strahlt die Hochzeiter an. Eine Nebelmaschine hüllt sie wie Popstars in eine wabernde Wolke, weiß und rosa. Als sich die Schwaden lichten, stehen die beiden vor dem Zeremonienmeister und legen kurz und bündig den Eheschwur ab. Dann defiliert die Gratulationscour der Gäste an den Jungvermählten vorbei. Händeschütteln. Umarmungen. Erinnerungsfotos. Diskrete Briefumschläge mit Bargeld als Starthilfe ins Eheglück. Schließlich werden den 600 Gästen koreanische Spezialitäten serviert. Importierter Rotwein hebt die Stimmung im Saal deutlich.

Klare Rollenverteilung

Doch da sind die Brautleute bereits mit Teil zwei beschäftigt, dem überlieferten Ritual. In einem kleinen Hochzeitszimmer - viel Holz, fernöstliche Ornamentik, Sitzkissen auf dem Boden - holen sie sich den Segen der Eltern und der engsten Verwandten. Sie trägt jetzt einen bestickten Hanbok, die koreanische Entsprechung des japanischen Kimonos, auch sein buntes Gewand ist traditionell bis zur golddurchwirkten schwarzen Hochzeitshaube.

Auf einem Tischchen sind Esskastanien und Datteln kunstvoll aufgeschichtet. Die Neuvermählten spannen ein Tuch zwischen sich auf, und die Elternpaare werfen eine Handvoll Früchte hinein. Das soll den Kindersegen beschwören: Kastanien stehen für Jungen, Datteln für Mädchen. Dann schleppt der Bräutigam die Braut Huckepack durch den Raum - ähnlich unserem "auf Händen tragen". Noch in der Nacht brechen sie zur Hochzeitsreise auf.

Nach dem Honeymoon, der selten länger als eine Woche dauert, sind die Rollen klar verteilt: "Der Mann ist der Himmel, die Frau ist die Erde. Der Himmel ist hoch, die Erde ist niedrig", sagt Konfuzius. Daher, so Choi Hyung-Ki, diene die gesamte Sexualkultur Koreas dem Ziel, die Bedürfnisse des Mannes zu befriedigen. "Diese Abwertung der Frau macht die natürlichen, intimen Beziehungen zwischen den Geschlechtern so bedenklich verquer."

Frauen sind Hausmenschen

Frauen haben in korrektem Koreanisch ihre Männer mit höflichem "Sie" anzusprechen. Umgekehrt werden sie von ihren Gatten geduzt. Wörtlich übersetzt heißt die Vokabel für Frau "Hausmensch". Auch heute noch hilft der Hausmensch seinem Mann ins Jackett und nimmt ihm die Aktentasche ab, wenn er heimkommt. Ein Begrüßungskuss an der Wohnungstür ist dagegen ungewöhnlich.

Viele Frauen legen ihrem Gatten jeden Tag ganz selbstverständlich Hemd und Unterwäsche zurecht. "Immerhin würde mein Mann im Notfall auch selbst seine Sachen finden", sagt Frau Choe, Journalistin und mit einem Biologieprofessor verheiratet, "mein Vater hingegen weiß bis heute nicht, wo seine Socken überhaupt aufbewahrt werden."

Mit wachsendem Wohlstand sind in den vergangenen Jahrzehnten die koreanischen Familien kleiner geworden. Heute ist zumindest in den Großstädten die Ein- oder Zwei-Kind-Ehe die Regel. Familie Kim, die in Seoul einen privaten Wellness-Club betreibt, ist eine Ausnahme. Sie hat drei Söhne und würde sogar ein viertes Kind in Betracht ziehen: "Wenn wir sicher wären, dass es sich um ein Mädchen handelte."

Mädchen unerwünscht

Das ist mehr als ungewöhnlich. In Korea ist die Abtreibungsrate so hoch wie fast nirgendwo auf der Welt, obwohl die Gesetze restriktiv sind. Sie werden stillschweigend umgangen, nach einer Studie von 1996 hat jede zweite Frau eine Abtreibung hinter sich. 80 Prozent der Abbrüche dienen dazu, unerwünschten weiblichen Nachwuchs zu verhindern. Denn noch immer ist es wichtig für die Frau, einen Sohn zu gebären, damit sie von den Eltern des Gatten respektiert wird. Außerdem bereiten Mädchen bis zur Heirat Kosten und Mühe, scheiden dann aus der Familie aus und sind auch im neuen Heim nicht besonders wohlgelitten. "Ein Schwiegersohn ist ein Gast für 100 Jahre, eine Schwiegertochter ist ein zusätzlicher Esser bis zu ihrem Tod", so der Volksmund.

In den vergangenen zehn Jahren jedoch sind Koreas Frauen selbstbewusster und finanziell unabhängiger geworden. Sie stellen heute die Hälfte der Hochschulabgänge. Sie sind weniger bereit, sich klaglos in die dienende Rolle zu fügen.

Außerdem sind Frauen in Korea knapp. Die Praxis, weiblichen Nachwuchs zu verhindern, hat demografische Spuren hinterlassen. "Die Mädchen von heute können wählerischer sein", sagt Kim Hyun-Jeong, Kulturmanagerin in Seoul, "zum Beispiel tun sich jetzt erstgeborene Söhne ziemlich schwer, eine Frau zu finden. Der älteste Sohn hat traditionell für seine Eltern zu sorgen, und das hieße dann für das Mädchen, mit der Schwiegermutter unter einem Dach zu wohnen. Das schreckt oft ab."

Auf Brautschau im Ausland

Viele Männer weichen in die Fremde aus. "Interwedding" ist eine der zahlreichen Agenturen, die Koreanern ausländische Frauen vermittelt. Mehr als 2000 Ehen habe er seit 1998 schon gestiftet, sagt Interwedding-Chef Lee Eun-Tae, ein früherer Reiseleiter. Seine Agentur ist mit Postern einladend lächelnder Damen aus acht Ländern geschmückt. Auf rund 10.000 Dollar summiere sich eine erfolgreiche Eheanbahnung für den Kunden, und jedes Alter sei willkommen. Er habe schon einem 69-Jährigen sein spätes Glück vermittelt.

"Liebe ohne Grenzen - grenzenlose Liebe" lautet der Slogan von Herrn Lee. "Am gefragtesten bei unseren Männern sind Vietnam und China, wegen der kulturellen Nähe. Aber auch blonde Damen aus Sibirien finden ihre Liebhaber." Die Mädchen, meist aus jenen asiatischen Staaten, die deutlich ärmer sind als Korea, melden sich bei Lees Repräsentanten vor Ort. Dann organisiert Lee einen Sammelflug heiratswilliger Koreaner. Sie treffen die Frauen in einem Hotel, suchen die passende aus, füllen die nötigen Formulare aus und fliegen wieder zurück. Ein paar Wochen später kommt die Auserwählte mit gültigem Visum nach.

Woo Jung-Jue, 36, und Woo Natalya, 22, sind ein Vorzeigepaar von Interwedding. Er handelt mit Handtaschen. Sie kommt aus Taschkent. Beide sehen glücklich aus. Sie sind seit eineinhalb Jahren verheiratet. Die schöne, langbeinige Studentin ist froh, Armut und Inflation in Usbekistan entronnen zu sein. Er ist erleichtert, dass sie mit der Schwiegermutter klarkommt, die bei ihnen wohnt. "Koreanerinnen schauen zu sehr aufs Geld und sind oft zu hochnäsig", begründet Woo seine Brautwerbung in der Ferne, usbekische Frauen seien noch so, wie es sich gehöre. "Sie sind aufopfernd und glauben an ihren Mann."

Der schöne Schein

Die strengen Regeln des Konfuzius verlangen Keuschheit vor und Treue in der Ehe. Allerdings nur von der Frau. Ist der Mann doch laut Konfuzius der sexuell Überlegene und Aggressive, der seinen Trieb intensiver ausleben muss als die Frau. Männern bleibt demnach gar nichts anderes übrig, als ihre hormonelle Spannung zu "entladen". "Koreaner haben keine Schuldgefühle, wenn sie zu Prostituierten gehen", sagt Sexologe Choi. "Es darf nur nicht offen geschehen." Der schöne Schein geordneten Familienlebens muss gewahrt bleiben.

Seit 2004 ist die käufliche Liebe auf Betreiben der Frauenverbände sogar gesetzlich tabu. Doch die Kontrollen sind mehr als lax, Prostitution ist ein blühendes Gewerbe und so fadenscheinig getarnt wie in kaum einem anderen Land.

Nachts um ein Uhr mitten im Zentrum von Seoul. Einladend drehen sich die blauweiß- roten Zylinder vor einer Tür. Eine solche Rolle ist das international übliche Zeichen für ein Friseurgeschäft. Doch auch im fleißigen Korea lässt sich nach Mitternacht niemand mehr die Haare schneiden. Zwei blau-weißrote Walzen deuten darauf hin, was sich im Laden bestätigt. Der Friseurstuhl ist nur ein Schaustück, der Kunde wird gleich zu einer Massageliege komplimentiert, wo leichtgeschürzte Mädchen seinen Körper bearbeiten.

Friseur mit Sonderleistungen

Das geht ganz dezent los. Wer wirklich nur seinen verspannten Rückenmuskel durchgeknetet haben möchte, zahlt umgerechnet etwa 30 Euro. Ab 100 Euro gibt es Sex komplett. Allein Seoul hat einige Tausend Barbershops und "An ma", ähnlich funktionierende Massagesalons.

Noch viel direkter - und etwa um die Hälfte billiger - ist schneller Sex in den Liebesgassen nahe den großen U-Bahn-Stationen. Da sitzen Mädchen im knappen Bikini in neonbeleuchteten Glaskabinen. Viele haben ein winziges Hündchen im Arm und auf einem Tischchen einen Föhn, zwei Haarspraydosen, einen Aschenbecher und manchmal sogar eine Schere.

Wer vorbeikommt, wird hineingewinkt und nach Geschäftsabschluss in einem Hinterzimmer oder dem nächsten Love-Hotel bedient. Wer eine Kamera zückt, den umringen wie aus dem Nichts ein paar grimmige Zuhälter. Sie ruhen nicht eher, bis sie den Film in der Hand haben oder die digitalen Fotos gelöscht sind: Schließlich ist Prostitution illegal. Man kann ja nie wissen.

Diskretes Wegschauen

Bei der Liebesallee am U-Bahnhof Yongdu liegt eine Polizeistation 50 Meter um die Ecke. "Prostitution?", sagt ein Beamter in faltenfrei gebügelter Uniform, "wir greifen sofort ein, falls wir etwas Illegales sehen. Aber solange die Mädchen nur rumstehen, wenn wir mit dem Streifenwagen durchfahren, gibt es keinen Grund." Für Zivilfahndung sei das Revier nicht zuständig. Bedauere.

Auch für die unzähligen Karaoke-Bars scheint niemand zuständig, die auf der Straße eindeutige Prospekte verteilen lassen: Die Mädchen, die gegen ein "Trinkgeld" von 40.000 Won (gut 30 Euro) mit den Gästen singen, sind wieder im Bikini - und verschwinden mit Kunden, die einen nicht unwesentlichen Aufschlag bezahlen, diskret in ein Hotel.

Es gehört zum Pflichtprogramm des koreanischen Berufslebens, mit Kollegen und Geschäftspartnern bis spätabends einen draufzumachen. Wer nicht mittrinkt, ist draußen. In den Business-Room-Clubs kann man diese auch von den Ehefrauen akzeptierte Routine erfüllen. In Etablissements mit Namen wie High Society oder Bourgeois Bohemians noch ein bisschen mehr. Man trinkt teuren Importwhiskey oder Cognac in meist rot-plüschiger Umgebung. Wohlerzogene und kostspielige Mädchen sowie intime Hinterzimmer stehen jederzeit zur Verfügung. "Ein Abend mit vollem Programm für drei, vier Geschäftsfreunde kann da schnell vier- bis fünftausend Euro kosten", so ein deutscher Firmenrepräsentant.

Der "zweite Stopp"

Es bleibt ein Rätsel, wo in einem Land, das von den Frauen Wohlanständigkeit verlangt, zwischen 500.000 und einer Million Prostituierte herkommen. So groß ist nach offiziellen Schätzungen die Zahl der Beschäftigten in der Liebesindustrie. Mädchen, die von zu Hause weggelaufen oder vorbestraft sind, von ihrem Vater missbraucht wurden, verwitwete oder geschiedene Mütter, die den Lebensunterhalt für Kinder verdienen müssen, listet die internationale Sexenzyklopädie im Kapitel Korea auf. "In den Business Rooms sind das auch ganz normale Studentinnen, die einmal richtig Geld verdienen wollen", vermutet der deutsche Geschäftsmann.

Die meisten koreanischen Ehefrauen wissen, dass ihre Männer nach dem abendlichen Gemeinschaftssaufen noch gern einen "zweiten Stopp" einlegen, wie der Puffbesuch im Macho-Jargon heißt. Die Männer, so trösten sich die Betrogenen, seien zu Hause bessere, zärtlichere Liebhaber, wenn sie vorher schon richtig Dampf abgelassen haben.

Gut verdienende Frauen vergelten inzwischen Gleiches mit Gleichem. In ganz verschwiegenen Clubs lassen sie sich von Männern professionell verwöhnen, meist von hübschen Studenten, die wohlbehütet zu Hause bei Muttern wohnen. Da deren Familien nichts vom Verstoß gegen die ehernen Regeln des Konfuzius wissen dürfen, haben die Bars einen hübschen Namen: "Sagt bloß Mama nichts!"

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