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Die stern Sozialreportage: Willkommen in Manhattan

Zwei Häuser in Brandenburg, die Skyline des Dorfs Letschin. Im linken Haus wohnen nur noch Tauben. Im rechten 37 Menschen, vier von ihnen haben Arbeit. An keinem Ort würden die Mieter lieber leben.

Von Laura Himmelreich

stern-Sozialreportage: Manhattan liegt in Brandenburg

Manhattan liegt an einem Rapsfeld sieben Kilometer vor Polen. Dahinter führt eine Landstraße Richtung Oder. Gurkenfelder, Rübenfelder, mehr ist da nicht.

Es gab eine Zeit, da wollten alle nach Manhattan, damals, 1987. Familien zogen hin, Zahnärzte, Lehrer, Erntehelfer und Mechaniker. Manhattan, das war die neue Skyline des Dorfs Letschin. Ein DDR-Traum in Beton. Staatlich geplante Moderne mit Kachelöfen, Balkonen und Innentoiletten. Junge Paare heirateten extra, um in Manhattan wohnen zu dürfen.

Die stern-Sozialreportage: Willkommen in Manhattan

Manhattan liegt in Brandenburg: Die Skyline des Dorfes Letschin


Wohnungen waren damals knapp, hier in den Deichlandschaften des Oderbruchs, am östlichen Rand der Republik. Rund 200 Leute zogen ein, in die Häuser, die sie Manhattan tauften. Die Straße, in der diese stehen, nannten sie Straße der Jugend. Es dauerte nur zwei Jahre, dann fiel die Mauer. Plötzlich war die Moderne bereits wieder Vergangenheit. 

Heute fliegen im linken Häuserblock Tauben durch die zerbrochenen Fenster. Im rechten Block legen einige Mieter zusammengerollte Handtücher auf die Fensterbretter, damit der Regen nicht reinläuft.

Ein Bewohner tapeziert seine Wände mit Alufolie, um sich vor Kälte zu schützen. Sicherungskästen brummen, wenn man das Licht einschaltet. In einem der Treppenaufgänge riecht es wie in einem Raubtiergehege, weil Katzen auf die Stufen pinkeln. 37 Menschen leben hier, unter ihnen acht Kinder. Ein weiteres ist auf dem Weg. Wer es sich leisten konnte, ist längst weggezogen. Von den 80 Wohnungen sind 18 belegt. Nur vier Mieter haben Arbeit.

Man ist unter sich. Abgeschottet von der Welt da draußen, in der die Bewohner Manhattans ihre Sicherheiten verloren haben. Sie treffen sich in ihren Garagen, um gemeinsam Bier zu trinken. Niemand guckt schräg, wenn einer mittags die erste Flasche aufmacht. Sie verbringen die Tage auf ihren Sofas oder hinterm Haus in den Gärten, in denen sie Obst und Gemüse anbauen. Manhattan ist ein Ort der Tristesse.

Und der Selbstbehauptung.

Die Menschen müssen sich jeden Morgen selbst einen Grund suchen, um aufzustehen, auch wenn kein Wecker klingelt.

Die stern-Sozialreportage: Willkommen in Manhattan

Thomas’ Kinderzimmer ist im Erdgeschoss des ersten Hausaufgangs von rechts. Außer ihm wohnen noch sieben weitere Kinder in Manhattan, darunter zwei Babys.


Im Dorf mit seinen Aufbau-Ost-restaurierten Bürgerhäusern will niemand so genau wissen, wie es ist, in den Wohnblöcken zu leben. Manhattan steht in Letschin synonym für Hartz IV und Leute, mit denen man besser nichts zu tun hat. Der Hausverwalter sagt: "Ich lasse die in Ruhe, die lassen mich in Ruhe." 

Manhattan ist ein in sich geschlossenes System. Die Bewohner kümmern sich um sich selbst und umeinander. Die Welt da draußen lässt sie in Ruhe, um sich mit ihren Problemen nicht schmutzig zu machen. So erfährt niemand ihre Geschichten. Sie handeln von Selbstmord, Alkohol, Zusammenhalt und von der großen Liebe. Sie erklären, warum Menschen an Orten wie Manhattan landen und warum sie nicht wieder wegwollen, selbst wenn das Haus um sie herum zusammenfällt. 

Es sind Geschichten wie die von Familie Zielinski, Ronny und Nancy und Wolfram Krill. Zu Besuch in drei Wohnungen in der Straße der Jugend, Aufgang 19, 20 und 22. 

Zu Hause sein in Manhattan


Familie Zielinski, Str. der Jugend 19, EG

Dienstags, donnerstags und samstags ist bei Zielinskis Badetag. Die 15-jährige Cindy öffnet die Klappe des Badeofens, schiebt fünf Holzscheite, drei Stück Kohle und einen brennenden Grillanzünder in den Ofen. Eine Stunde später ist das Wasser im Kessel warm. Zuerst steigt der 13-jährige Thomas in die Wanne. Wenn das Wasser danach noch sauber aussieht, legt sich die Cindy rein. Wenn Mutter Uta und Vater Siegbert gemeinsam in die Wanne steigen, hören die Kinder ihre Eltern durch die Badezimmertür kichern.

Manchmal nimmt Uta aber auch ihre acht Monate alte Enkeltochter mit. Gelegentlich kommt die 20-jährige Tochter Jenny aus der Nachbarwohnung rüber. Wie viele Menschen in der 72-Quadratmeter-Wohnung der Zielinskis leben, das schwankt - in den vergangenen zwölf Monaten waren es zwischen vier und acht Personen. 

Drei Monate lang schlief Jasmin auf dem Wohnzimmersofa, eine Freundin der ältesten Tochter. "Ich bin auf der Flucht", sagte sie. Jasmins Geschichte beginnt mit einer Vergewaltigung im Alter von 14. Es folgten Kinderpsychiatrie, eine Schwangerschaft mit 15, die Geburt ihres Sohnes mit 16. Mit 17 war sie Teil einer kriminellen Clique und durfte ihr Baby nicht mehr sehen.

Ein Teenagerleben als Odyssee - mit Zwischenstopp Manhattan. Im Frühjahr zog sie weiter, klaute aber vorher noch das Fahrrad von Mutter Uta. Die Zielinskis haben sie seitdem nie wieder gesehen. Danach schlief fast ein halbes Jahr der Cousin der Zielinskis auf dem Sofa. Er hatte es nicht geschafft, sich rechtzeitig beim Jobcenter um eine Wohnung zu kümmern.

Jeden Freitag kommt die 18-jährige Franzi nach Hause. Unter der Woche lebt sie wegen ihrer spastischen Behinderung in einem Heim. Daneben springen in der Wohnung noch Hund Molly herum und fünf bis acht unkastrierte Katzen. Je nachdem, ob wieder eine zugelaufen oder abgehauen ist oder eine überfahren wurde.  

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Die Schwestern Jenny (l.) und Cindy. Sie streiten und lieben sich


Einmal hat eine Mitschülerin zu Jenny Zielinski gesagt: "Deine Familie ist asozial." Jenny hat sich mit ihr geprügelt. Zum Arrest saß sie in einem Schulgebäude fest. Ihre Mutter hat ihr heimlich Döner durchs Fenster gereicht. "Meine Tochter hat sich nicht zu entschuldigen", sagt sie. Die Zielinskis verlassen sich nicht auf viel - aber aufeinander.

 

Wolfram Krill, Str. der Jugend 22, 1. OG

Wolfram Krill begreift nicht, warum so viele Zielinskis auf so engem Raum zusammenwohnen. Die Mädchen könnten doch zu ihm ziehen: "Ich hab Möbel und Platz", sagt er, "aber keine Frau." Seit seine Frau Heidi 2012 gestorben ist, lebt Krill auf seinem Wohnzimmersofa. Dort sieht er fern, dort isst er, dort schläft er. Früher hat er das Sofa zum Schlafen noch ausgeklappt. Den Aufwand findet er aber mittlerweile übertrieben. Die anderen beiden Zimmer seiner Wohnung betritt Krill nicht. "Was soll ich da?", sagt er. Sein Doppelbett im Schlafzimmer erscheint ihm sinnlos ohne Frau.

Heidi ist gestorben, weil ihre Leber den Goldbrand für 3,99 Euro die Flasche irgendwann nicht mehr ausgehalten hat. "Warum sich Heidi kaputtgemacht hat, krieg ich nicht in den Kopf", sagt Krill. Nach ihrem Tod war er so verwirrt, dass er ihre Beerdigung verpasst hat.

An den meisten Tagen beschränkt sich Krills Kontakt zur Außenwelt auf die Stimmen, die aus einem Walkie-Talkie kommen. Das Funkgerät steht auf der Lehne seines Sofas. Er hört damit den Polizeifunk ab: "Die Geschwindigkeitskontrolle ist abgebrochen." Rauschen. "Den Einsatz in Bad Saarow könnt ihr beenden." Rauschen.

Krills rechte Gesichtshälfte ist gerötet. Warum, weiß er nicht. Er war nie beim Arzt. Seine Nägel hat er sich einen halben Zentimeter lang wachsen lassen, damit er seine roten Stellen besser kratzen kann.


Ronny und Nancy, Str. der Jugend 20, 1. OG

Hätte sich die 30-jährige Nancy nicht vor sechs Jahren in Ronny verliebt, wäre sie längst weg aus Manhattan. Ihr Bruder hat sich in Immendingen in Baden-Württemberg ein Haus gekauft. Vor einem Jahr sind ihre Eltern zu ihm gezogen. Nancy glaubt, sie könnte dort, wie ihre Mutter, einen Job finden, vielleicht als Zeitarbeiterin oder in einer Wäscherei. Aber ohne Ronny geht sie nicht.

Nancys erste große Liebe hat sich umgebracht. Der Zweite hat sie geschlagen, als er betrunken war. Beim Dritten waren die Schläge so schlimm, dass sie vor ihm geflohen ist. Sie hat sich bei einer Freundin versteckt und dort Ronny getroffen. 

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Ronny und Nancy (vorn rechts) feiern mit Freunden Silvester


Ronny steht mit nacktem Oberkörper im Wohnzimmer. Fünf vernarbte Tattoos prangen auf Brust, Rücken und Armen, Tribals aus verschlungenen Linien. Seine Kumpel haben ihm mit einem angespitzten Draht die Haut aufgerissen und dann Füllertinte reingestochen.

Im Kinderzimmer, in dem sein elfjähriger Sohn schläft, wenn er zu Besuch ist, zeigt Ronny auf den Flachbildfernseher: "Um den beneiden ihn alle." Er bleibt im Wohnzimmer vor dem Kachelofen stehen: "Ich brauch keine Heizung." Er präsentiert stolz das Laminat am Boden: "Von meinem Schwager." Aufs Sofa haben er und Nancy Decken mit Katzenmotiv drapiert. "Ist doch bombig hier." Nancy sagt, sie habe Ronny nie gefragt, ob er weggehen würde: "Ich weiß, er kommt nicht mit."

Arbeiten in Manhattan

In Aufgang Nr. 19 verlässt ein Zielinski Letschin nur, wenn alle Zielinskis mitkommen. In Nr. 20 zieht Nancy nicht ohne Ronny weg.

Und Wolfram Krill aus Nr. 22 war ohnehin nie besonders mobil. Seine weiteste Reise ging nach Cottbus. Im Westen war er nur einmal, im Winter 1989, kurz nach dem Mauerfall. Er fuhr nach Berlin- Tegel, um sich bei der Bank seine 100 Mark Begrüßungsgeld abzuholen. Danach fuhr er gleich zurück. Hartz IV wurde auch erdacht, damit Arbeitslose flexibler werden. Das Wort "Heimat" taucht im Bericht der Hartz-Kommission an keiner Stelle auf.

Jeder in Manhattan versteht, was einer meint, wenn er sagt, er arbeitet "bei  Müller". "Bei Müller" waren sie alle schon. Horst Müller war bereits in den 80er Jahren der Chef der meisten, damals in der "LPG Pflanzenproduktion". Heute leitet er die Arbeitsinitiative Letschin. Müller hat Arbeit, wenn sonst niemand Arbeit hat. Auf seinem Feld pflanzen Ein-Euro-Jobber Salat, Lauch und Erdbeeren an. Ein-Euro- Jobs sind Teil des Hartz-IV-Versprechens: Arbeitslose sollen beweisen, dass sie sich anstrengen. Der Staat verspricht dafür, sie weiterzubilden. 

Siegbert Zielinski würde gern bei Müller arbeiten. "Hauptsache, ich komme aus der Bude", sagt er. Er ist 44 Jahre alt, gelernter Melker und seit 19 Jahren arbeitslos. Wegen einer Schlägerei fehlen ihm im Oberkiefer alle Zähne bis auf einen Backenzahn. Schon vor der Wende ist er oft betrunken in den Kuhstall gekommen. Seine damaligen Chefs haben ihn pusten lassen. Hat sich das Röhrchen von braun auf grün verfärbt, musste er nach Hause gehen. Am nächsten Tag durfte er wiederkommen.

Als der Betrieb nach der Wende privatisiert war, ist Zielinski weiter betrunken zur Arbeit gekommen. Auch die neuen Chefs haben ihn nach Hause geschickt. Doch jetzt durfte er nicht wiederkommen. In der neuen Welt gab es für jemanden wie Zielinski keinen Platz mehr.

Zweimal hat er versucht sich aufzuhängen, 1996 und 1997. Beim zweiten Versuch hat das Seil seine rechte Halsschlagader abgeklemmt. Er erlitt einen Schlaganfall. Seitdem kann er nur noch 15 Stunden die Woche arbeiten. Im Amtsdeutsch ist Zielinski ein "Fall mit multiplen Vermittlungshemmnissen". Ein Job bei Müller wäre perfekt für Zielinski. Er käme unter Leute und würde machen, was er am besten kann, Obst und Gemüse anbauen und heimwerken.

Doch das Gesetz sieht das nicht vor. Ein-Euro-Jobs dürfen nicht dauerhaft sein. Stattdessen schickt ihn sein Berater im Jobcenter in ein Seminar, in dem er lernen soll, Bewerbungen zu schreiben. "Das kann ich nicht", sagt Zielinski: "Wenn ich groß schreiben muss, schreib ich klein. Und dann die Kommas!" Seine Hausaufgaben übernimmt deswegen seine Frau Uta. Dank Jobcenter-Maßnahme noch weniger Selbstbewusstsein. Ohne Selbstbewusstsein noch schlechtere Jobchancen.

An der Universität Hildesheim wurden kürzlich die Erfahrungen von Langzeitarbeitslosen untersucht. Das Ergebnis: Die Hilfe des Arbeitsamts schadet oft mehr, als sie nutzt. Bei Ronny hat das Jobcenter kapituliert. Als er bei Müller arbeitete, legte er sich mit einer Betreuerin an. Er fragte sie, ob sie "schlecht geschissen" habe. Ronny musste gehen. Kein Müller mehr. Keine Fortbildung. Hartz IV überweist das Amt weiter. 

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Im Sommer schmiert Nancy, 30 , ihrem Freund Ronny, 31, Brote für seine Arbeit als Gurkenpflücker. Den Rest des Jahres ist er arbeitslos

Jobs für Menschen, die das Arbeitsamt aufgegeben hat, gibt es in Letschin nur im Sommer. Sieben Jahre lang hat Ronny Gurken gepflückt, bis zu neun Stunden täglich. Weil er auf der Erntemaschine auf dem Bauch liegt, läuft Blut in seine Augen. Äderchen platzen, die Augäpfel schwellen an. Neben ihm liegen neun andere Erntehelfer. Die Matratze unter ihm ist nass von seinem Schweiß. Hat er Spätschicht, legt er sich auf den Schweiß des Vorgängers. Wenn er aufs Klo muss, kann er die Maschine nicht stoppen. Einmal hat sich ein Kollege neben ihm in die Hose gepinkelt. "Die Arbeit ist scheiße", sagt Ronny. "Aber ich mach sie wegen der Leute. Die Polen rufen mich Ronega." Abends reibt Nancy seinen Rücken mit Schmerzsalbe ein.

Nancy hat sich in einer Wäscherei im 30 Kilometer entfernten Bad Freienwalde beworben. Hätte sie einen Führerschein, sagt sie, hätte sie den Job bekommen. Ohne Auto schafft sie es nicht zur Frühschicht, morgens um fünf Uhr fährt noch kein Zug. Das Jobcenter schickt sie zu Müller.

Wolfram Krill bekommt mit Ende 40 Erwerbsminderungsrente. Das Jobcenter lässt ihn auf seinem Sofa sitzen. "Mir fehlt die Bildung, um mich fortzubilden", sagt er. 

Die Bewohner Manhattans jammern nicht. Sie arrangieren sich. Sie trinken Pilsator für 45 Cent die Flasche, anstatt ins "Bistro Istanbul" am Marktplatz zu gehen, wo die Flasche Bier 1,50 Euro kostet. Sie drehen ihre Zigaretten mit Tabak vom Markt in Polen, 30 Euro der Ein-Kilo-Sack. Sie haben ihre Bedürfnisse angepasst.

Die Leiterin des Jobcenters Märkisch- Oderland sieht ratlos aus, wenn man ihr von ihren "Kunden" aus der Straße der Jugend erzählt. Am Ende eines eineinhalbstündigen Gesprächs sagt sie: "Ich darf hier keine politische Wertung abgeben. Aber die Frage ist: Will es sich unsere Gesellschaft leisten, das System so umzubauen, dass diese Menschen integriert werden können?" Ihr resignierter Tonfall macht klar, wie ihre Antwort auf die Frage lautet.

Lieben in Manhattan 


Jenny Zielinski und Drago Novak, Nr. 19

Ist Jenny langweilig - und das ist ihr oft - loggt sie sich beim Internetchat Jappy ein. Im April 2012, Jenny war 18 Jahre alt, da tauchte der 23-jährige Drago erstmals auf ihrem Bildschirm auf. Am nächsten Tag chatteten sie wieder. Er schrieb gleich: "Ich liebe Dich." Dann haben sie telefoniert. "Ich fand ihre Stimme toll", sagt er. "Er war total schüchtern", sagt sie.

Drei Wochen später hat Jenny ihn in Berlin-Spandau besucht. Sie haben herumgestöbert bei Karstadt und zwei Ringe entdeckt, Edelstahl, 20 Euro das Stück, darin eingraviert zwei Herzchen und die Worte "LOVE KISS HEART". Noch im Karstadt haben sie sich verlobt. Fünf Monate später hat Jenny die Pille vergessen.

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Jenny, hier im fünften Monat schwanger, mit Drago, dem Vater des Kindes

Am 10. Juli 2013 ist Jaqueline Sophie geboren. Das Baby war drei Monate alt, da hat Jenny Drago aus der Wohnung geschmissen. "Er war eifersüchtig", sagte sie. "Sie hat mich wie Scheiße behandelt", sagte er. Drago hat seinen Ring einer anderen gegeben.

Jenny fand im Internet einen neuen Freund. Drei Monate waren sie getrennt. Im Dezember trafen sie sich mal wegen ihrer Tochter. Jetzt wollen sie neue Ringe. 

Aufwachsen in Manhattan

 

Familie Zielinski, Nr. 19

Acht Monate ist Jaqueline Sophie jetzt alt. Sie schläft gut, lacht viel und isst am liebsten Fruchtzwerge und Vanillepudding. Die Zielinskis nennen sie "Püppi".

Vor ein paar Wochen lag Püppi mit einer Bronchitis im Krankenhaus. Seitdem darf niemand mehr rauchen, wenn das Baby im Raum ist. Die Ärztin sagte den Zielinskis, sie müssten jetzt auch nach jeder Zigarette ihre Kleidung wechseln, bevor sie die Kleine wieder auf den Arm nehmen. Weltfremd finden die Zielinskis das. "So viel zum Anziehen hab ich nicht", sagt Jenny.

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Die Zielinskis wechseln oft die Haarfarbe, hier probiert Siegbert, 44, Schwarz


Im Wohnzimmer der Zielinskis stapeln sich Dutzende Bücher von Brockhaus: "Der Historische Weltatlas", die "Chronik des Rätselhaften", "Brockhaus Philosophie", zwölf Bände "Wissen A-Z" mit Goldschnitt. Im Monatstakt brachte der Paketbote neue Lexika. Die Zielinskis kauften auch CDRoms und einen elektronischen Stift mit Lautsprecher, der ihnen die Texte vorlesen kann. Alles zusammen: 14.141 Euro.

Dreimal kamen Vertreter vorbei. Weil die eigentlich nicht an Hartz-IV-Empfänger verkaufen dürfen, haben sie in die Verträge bei der Spalte "Beruf" die Lehrberufe von Uta und Siegbert Zielinski hineingeschrieben: Melker und Melkerin. Die Zielinskis haben unterschrieben. Bezahlung per Rate über sechs Jahre hinweg, Zinssatz 10,9 Prozent. "Wir haben die Bücher für die Kinder gekauft", sagt Siegbert. Fast alle Bücher sind noch eingeschweißt.

Sterben in Manhattan

 

Familie Zielinski, Nr. 19

Bevor Siegbert Zielinski 1996 zum ersten Mal auf den Heuboden stieg, um sich dort zu erhängen, hatte er eine Lebensversicherung abgeschlossen. Er selbst konnte seiner Frau Uta und den Kindern nicht mehr viel bieten. Seine Arbeit als Melker hatte er verloren, sein Geld an der Theke vom "Bistro Istanbul" gelassen, das damals noch "Charly's Imbiss" hieß. Wie lange er auf dem Heuboden hing, weiß er nicht mehr.

Uta hat ihn rechtzeitig gefunden.

Ein Jahr später, beim zweiten Versuch, ist der Strick gerissen. Er musste zur Reha. Uta hat ihm gesagt, wenn er jetzt nicht mit dem Trinken aufhöre, sei sie mit den Kindern weg. Seitdem ist er trocken.

 

Ronny und Nancy, Nr. 20

Nancy war 22, als sich ihre erste große Liebe, ein junger Russe, im Keller erhängte. Sie sagt, sie wisse nicht, warum er das getan hat. Er sei anders gewesen als die Männer, die danach in ihr Leben traten. "Er hat nur manchmal getrunken", sagt sie. "Er war ein liebevoller Mann."

Vielleicht habe er nicht mehr leben wollen, weil er keine Arbeit hatte. Vielleicht, weil er einen Autounfall verursacht hatte, bei dem seine Mitfahrer gestorben sind. Er hat ihr nur einen Zettel hinterlassen. "Ich liebe dich", stand darauf. Und eine Zeile auf Russisch. Nancy weiß bis heute nicht, was sie bedeutet. 

Arbeitslosigkeit, Alkohol, Gewalt, Gedanken an Selbstmord. Ein Kreislauf, den so gut wie alle Bewohner Manhattans kennen. Nur die Reihenfolge unterscheidet sich, in der sie ihn erleben.

 

Wolfram Krill, Nr. 22

Wolfram Krill wird diese Geschichte nicht mehr lesen. In den vergangenen Monaten hatte er oft davon gesprochen, sich umzubringen. "Ich schmeiß mir was ein", sagte er. Am Ende hat er sich nicht umgebracht. Er ist einfach umgefallen. Am 13. Januar ist er gestorben. Er wurde 48 Jahre alt.

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Wolfram Krill verließ sein Sofa selten. Im Januar ist er mit 48 gestorben


Ausnahmsweise hatte er sein Sofa verlassen und seinen einzigen Kumpel im Ortskern besucht. Es war vormittags, die Männer saßen im verrauchten Wohnzimmer des Bekannten in grünen Veloursesseln und schauten auf einen Röhrenfernseher. Sie warteten darauf, dass im ZDF "Notruf Hafenkante" anfängt. Krill war wie immer, außer, dass er an diesem Tag keinen Kaffee wollte. Plötzlich fingen seine dünnen Beine an zu zittern. Dann zuckten seine Arme. Er stammelte wirr. Der Bekannte wollte ihn hinüber zum Sofa tragen, damit er sich hinlegen kann. Kurz vor dem Sofa brach Krill zusammen. Er fiel auf den beigefarbenen PVC-Boden.

Todeszeitpunkt "11.04 Uhr", notierte die Notärztin auf dem Totenschein. Todesursache unbekannt. Denn Krill war ja nie beim Arzt. "So ist das, mit diesen Kameraden", sagt Krills Sozialbetreuer, "die stehen vor einem, im nächsten Moment zucken sie, fallen um, und es läuft Schaum aus dem Mund."

Das örtliche Bestattungsinstitut Möse organisierte die Beerdigung. Krill liegt in einem anonymen Grab am Rand des Letschiner Friedhofs. Zu seiner Beisetzung kam niemand. 

Weiterleben in Manhattan

 

Wolfram Krill, Nr. 22

Der Cousin von Zielinskis hat Wolfram Krills Wohnung ausgeräumt. Keiner von Krills Verwandten wollte sich darum kümmern. Was einen Wert hatte, hat Zielinskis Cousin verkauft. Für alles zusammen hat er 21 Euro bekommen. 

Familie Zielinski, Nr. 19

Siegbert Zielinski würde heute nicht mehr auf die Idee kommen, dass sein Leben keinen Sinn hat. Täglich arbeitet er im "Mama", sagt Jenny, "ich finde, ihr habt das gut gemacht." 

Jenny Zielinski und Drago Novak, Nr. 19

An einem Abend vor einem Jahr sitzen Jenny und Drago beim Essen zusammen. Damals ist Jenny gerade im fünften Monat schwanger. Sie reden über die Zukunft. "Mein Traum wäre ein kleines Haus", sagt Drago. "Oder eine Dreizimmerwohnung. Hauptsache, hier in der Gegend."

Jenny sagt: "Ich hoffe, dass Jaqueline Sophie mal eine Ausbildung hat." Drago sagt: "Vielleicht wird sie Koch." Jenny guckt skeptisch: "Sie muss ja nicht unsere Träume leben." Drago überlegt ein paar Sekunden: "Vielleicht wird sie auch was Krasses. Ärztin oder so." 

Träume in der Straße der Jugend.

Verlässt man Manhattan und fährt durch Letschin über die Karl-Marx-Straße raus aus dem Dorf, durch die Alleen, dann landet man nach 15 Kilometern in Seelow. Im Landratsamt wartet Gernot Schmidt, Landrat von Märkisch-Oderland, SPD-Mitglied. Er sitzt an einem drei Meter langen Konferenztisch und lehnt sich zurück in seinen Ledersessel: "Ich kenne meine Assis", sagt er über die Bewohner Manhattans. Er wisse, wie das Leben dort läuft, er stamme ja selbst aus einfachen Verhältnissen, sei ein "Arbeiterkind".

Er erzählt, Angela Merkel sei zwar schon im Landkreis gewesen, aber das bringe den Armen nichts. "Das Problem ist, dass die politischen Vertreter den Bezug zur Realität verloren haben." Und er? Was tut er als Landrat? "Ich weiß es nicht", sagt er. "Ich glaube, die müssen sich selbst helfen." In Manhattan war er noch nie.

 

Die Fotografin Stephanie Steinkopf gewann mit ihrer Arbeit "Manhattan" mehrere Preise. Über vier Jahre hinweg hat sie die Bewohner begleitet. stern-Reporterin Laura Himmelreich besuchte im vergangenen Jahr immer wieder die Menschen in Letschin.

Themen in diesem Artikel
18jähriger Kater und Welpe geht das?
Hallo, wir haben einen 18-jährigen Kater der aber noch recht fit ist. Er ist zwar eigentlich nur zu meiner Mutter anhänglich also kommt immer am Abend auf die Couch und lässt sich streicheln von ihr sonst ist er eigentlich den ganzen Tag in seinem Bett im Keller oder oben auf einer Decke die im Schrank liegt. Erzieht sich also zurück. Nun ist der Wunsch nach einem Welpen doch sehr groß und der einzige Grund der dagegen spricht oder der infrage kommt warum wir keinen holen würden wäre unser Kater. Habt ihr Erfahrung mit alten Katzen und welchen gemacht? Unser Kater ist nämlich Hallo, wir haben einen 18-jährigen Kater der aber noch recht fit ist. Er ist zwar eigentlich nur zu meiner Mutter anhänglich also kommt immer am Abend auf die Couch und lässt sich streicheln von ihr sonst ist er eigentlich den ganzen Tag in seinem Bett im Keller oder oben auf einer Decke die im Schrank liegt. Erzieht sich also zurück. Nun ist der Wunsch nach einem Welpen doch sehr groß und der einzige Grund der dagegen spricht oder der infrage kommt warum wir keinen holen würden wäre unser Kater. Habt ihr Erfahrung mit alten Katzen und welchen gemacht? Unser Kater ist nämlich eigentlich nicht So gut auf Hunde zu sprechen also wenn ein Hund an seinem Garten vorbeigeht springt er schon hinterm Zaun ein bisschen hoch und fängt an zu fauchen. Denkt ihr nicht das Man wird vorsichtiger Eingewöhnung es schaffen könnte dass die beiden sich verstehen? LG und danke im Voraus