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Spurensuche: Warum glauben wir?

Fast fünf Milliarden Menschen bekennen sich zu einer der sechs Weltreligionen. Der Siegeszug der Wissenschaft hat nichts daran geändert, dass die Menschen Sinn und Orientierung in einer göttlichen Ordnung suchen - wie zu Abrahams Zeiten.

Kein Löwe betet. Keine Gazelle glaubt. Nur der Mensch kennt Glaube, Liebe, Hoffnung. Denn er kennt die Furcht. Tiere erleben Schreck, Stress, Panik - körperliche Reaktionen auf Bedrohung. Aber sie kennen nicht die Kategorie des Möglichen. Sie haben keine Angst. Nur Menschen besitzen Verstand. Was der nicht begreift, erregt Furcht. Wer beendet den Tag und lässt die Sonne untergehen? Woher kommen Unwetter, Krankheit, Unfall, Missernte? Der Mensch will Antworten. Er spürt die Macht der Elemente und starrt ins Dunkel. "Sieht man lange ins Dunkel, so ist immer etwas darin", notierte der irische Schriftsteller William Butler Yeats. Die Elemente bekommen Namen, Gesichter, Eigenschaften. Re heißt der Sonnengott der Ägypter, Thot der Gott des Mondes. Agni ist der Feuergott in den heiligen Schriften der Hindus, Indra der Gott des Regens. So bevölkert die Menschheit Himmel und Erde, Meer und Berge, Wüsten und Wald mit Göttern. Die erklären sollen, was geschieht, und den angstvollen Verstand besänftigen.

"Und die Erde brüllte auf wie ein Stier. Da sandte Enlil, der Herr der Winde, die Flut, um zu ertränken das Geschrei und den Lärm." Fast 4000 Jahre alt ist das sumerische Epos von Gilgamesch, frühester Mythos eines grausam verschlingenden Meeres, der in vielen Schilderungen der Sintflut wiederkehrt. Wenn die Eskimos hungern, dann flehen ihre Zauberpriester zur Göttin Arnaquagssaaq, die auf dem Grund des Ozeans in einem weißen Palast wohnt, und bitten sie um Robben und Wale.

Wer über das Leben gebietet, den will man gnädig stimmen. Opfer werden gebracht, Blumen, Früchte, Tiere, manchmal Menschen. Magische Rituale bilden sich. Naturreligionen entstehen.

Glauben als Gegenentwurf zur Angst: Feindselige Gewalten sollen freundlich gestimmt, Dürre in Regen, Krankheit in Gesundheit, Hunger in Jagdglück, Furcht in Zuversicht verwandelt werden. Angst ist die eine Säule der frühen Religionen, Dankbarkeit die andere. Dankbarkeit für Verschonung; Verehrung für die göttliche Gewalt, deren Blitz nicht getötet, deren Flut nicht verschlungen, deren Hagel nicht zerschmettert hat.

Es sei nichts weiter als das Gefühl der Abhängigkeit von einer bedrohlichen Natur, das den Glauben an Götter begründe: Ludwig Feuerbach schrieb das in seinem 1846 erschienenen Buch "Das Wesen der Religion". Seine Erklärung der Religion aus der Furcht werde "vor allem durch die Erfahrung bestätigt, dass fast alle oder doch sehr viele rohe Völker nur oder doch hauptsächlich die furcht- und schreckenerregenden Erscheinungen oder Wirkungen der Natur zum Gegenstand der Religion machen".

Aber weshalb verschwindet der Glaube nicht einfach, wenn Wissenschaft die Dunkelheit vertreibt und die Welt erklärbar macht? Wenn Blitzschlag, Sturmflut, Dürre verstehbar, gar abwendbar werden? Weil das Leiden bleibt und auch der Tod.

Der Mensch ist das Tier,

das weiß, dass es sterben wird. Was kommt danach? Was war davor? Welchen Zweck hatte es? Ohne Antwort auf diese Fragen scheint das Leben sinnlos. Nichts als ein verrückter Witz im unendlichen Raum der Ewigkeit.

"Religion ist Verzweiflung am Weltzweck", stellte Karl Ferdinand Gutzkow 1835 fest. "Wüsste die Menschheit, wohin ihre Leiden und Freuden tendieren, wüsste sie ein sichtbares Ziel ihrer Anstrengungen, einen Erklärungsgrund für dies wirre Durcheinander der Interessen, sie würde an keinen Gott glauben."

Gott hilft aus der Verzweiflung. ER wird zum großen Ordnungsprinzip für alle menschliche Wirrnis, zum Ziel aller Anstrengungen, zum Sinnstifter des Lebens. ER verhindert, dass wir uns fühlen wie die Feder im Wind. "Wir wollen einen Grund für das, was uns zustößt", schreibt Bestsellerautor Stefan Klein ("Die Glücksformel"). "Wo wir keinen erkennen können, halten sich viele Menschen an den Glauben, die unverständlichen Begebenheiten des Lebens folgten in Wahrheit einem wohlüberlegten Geschick. Die Vorstellung einer Ordnung, einer höheren Absicht beruhigt, selbst wenn wir ihr ausgeliefert sind. Man kann Religionen als eine Frucht dieser Sehnsucht nach Sinn ansehen."

Das auf einen Gott ausgerichtete Leben erhält Sinn - durch ihn. Es bekommt Struktur und Bedeutung. Und es hat Bestand über den Tod hinaus. Himmlische Verheißungen, göttliche Gebote und irdische Lebensregeln entwickeln sich zur Glaubenslehre. Die beschreibt und gestaltet die Beziehungen zwischen Gott und den Menschen. Und gleichzeitig erwächst aus ihr ein System von Ethik und Moral, das die Verhältnisse unter den Menschen regelt.

Als Moses vom Berg Sinai stieg, brachte er die Zehn Gebote mit, die er nach Gottes Diktat niedergeschrieben hatte, der Überlieferung nach auf zwei Steintafeln. Auf der ersten sollen die Gebote gestanden haben, die sich auf das Verhältnis zu Gott beziehen, auf der zweiten Tafel jene, die den Mitmenschen gelten.

Gott hat viele Gesichter.

Für Juden, Muslime und Christen ist er der personale und universelle Schöpfergott, der den Kosmos aus dem Chaos geschaffen hat, mit dem Menschen als Höhepunkt und der Verheißung eines paradiesischen Miteinanders von Mensch und Gott am Ende der Zeit. Für die Religionen Asiens ist er ohne Antlitz, keine Person, eher ein göttliches Prinzip, eine Weltseele, die - allhörend, allsehend, allverstehend - den Kosmos durchsetzt wie Salz das Meer und dem Menschen die Chance bietet, mit ihr eins zu werden, wenn er tugendhaft lebt.

Der Glaube hat viele Kraftzentren. Sie finden sich zunächst in Höhlen, Quellen, Bäumen, Hainen. Die werden zu Heiligtümern, "Nabeln" der Welt, wie der "omphalos", der Fels in Form eines Bienenkorbs, der im Zentrum des Apollon-Tempels von Delphi stand, überzogen von einem Netz-Relief, das vielleicht seine guten Energien festhalten sollte. Der Glaube wohnt auf Bergen wie dem Kailash im Himalaya, der eigentümlichen Pyramide aus Fels und Eis, die gläubigen Hindus als Achse des Universums und Sitz der Götter gilt.

Der Glaube wohnt an den Flüssen Thailands, wenn in der November-Vollmondnacht kleine Boote aus Lotosblüten zum Meer treiben, bestückt mit Kerzen und Weihrauch und der Last des schlechten Karmas, die der Strom fortträgt. Der Glaube wohnt in den lärmenden chinesischen Neujahrsfeiern, die den alten, "verbrauchten" Zeitabschnitt auslöschen, böse Geister verjagen und an diesem Nullpunkt die Wiederholung des Weltanfangs zelebrieren. Der Glaube wohnt in der kleinen Gnadenkapelle von Altötting, die voll gestopft ist mit Dankbildern für geschehene und mit Bittbildern für erwartete Wunder. Der Glaube ist schrill und still, tief und naiv, er hat vielfältige Gebote, Gebete, Gesichter, Gestalten.

Und viele Gegner. Feuerbach, der scharfe Kritiker jeden Jenseitsglaubens, schrieb: "Gott ist nichts anderes als das in die Unendlichkeit des Himmels projizierte Wesen des Menschen. Die Menschen sollten an sich selbst glauben, statt an ein Spiegelbild ihres eigenen Wesens. Der Zwiespalt zwischen Diesseits und Jenseits muss aufgehoben werden, damit sich die Menschen auf das Jetzt, auf das Leben in der Welt mit allen Sinnen konzentrieren können."

Für Karl Marx war Religion dann nur noch der "Seufzer der bedrängten Kreatur", "Opium des Volkes", eine schädliche Droge, um die Menschen von der Schaffung des Paradieses auf Erden abzuhalten. Und Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, sah in Religion lediglich eine psychische Störung, eine Art universelle Zwangsneurose: Gott sei nichts anderes als der in den Himmel "erhöhte" leibliche Vater, von dem man sich nicht lösen könne, der Gläubige ein auf der Infantilitätsstufe der Entwicklung Steckengebliebener. Kein Wunder, wenn solche Menschen dann besonders leicht beeinflussbar sind und sogar dazu gebracht werden können, im Namen Gottes und der Nächstenliebe Kriege zu führen.

Neben die philosophische, sozialwissenschaftliche und psychologische Kritik am Glauben trat die naturwissenschaftliche. Je mehr die Forschung über die Entwicklung der Erde und die Evolution des Lebens herausfand, desto weniger waren die Ergebnisse mit den Schöpfungsmythen der Religionen vereinbar. Auch für die zyklischen Abläufe von Werden und Vergehen, wie sie asiatische Glaubensrichtungen annehmen, fanden sich keine Indizien. Stattdessen haben amerikanische Hirnforscher in jüngster Zeit sogar ergründet, wie durch chemische Reaktionen im Kopf des Menschen religiöse Gefühle ausgelöst werden. Sie beanspruchen damit nicht weniger als "den Ursprung der Religion im menschlichen Gehirn lokalisiert" zu haben.

Glaube - ein Produkt der Chemie?

Und Gott eine Formel? Selbst wer so weit nicht geht, kann heute mit dem alten Bild des bärtigen Gottvaters meist nichts anfangen, den man um Erfüllung seiner Wünsche und um Erlösung von dem Bösen bittet. In Deutschland ist Gott nur noch für 17 Prozent der Gläubigen eine Person und direkter Ansprechpartner. Mit der Vorstellung der Dreieinigkeit von "Vater, Sohn und Heiligem Geist" können nur noch zwölf Prozent etwas anfangen. 57 Prozent begreifen laut Umfrage des "Sonntagsblattes" von 1997 Gott als "göttliche Kraft". Je höher die Bildung, desto weniger wird das traditionelle Kirchen-Bild von Gott akzeptiert. "Ist Gott auf einem unaufhaltsamen Weg direkt in die Abstraktion?", fragt die Kirchenzeitung.

Immer mehr Menschen setzen ihren Glauben heute aus verschiedensten Bestandteilen zusammen. "Die Menschen", so das "Sonntagsblatt", "konstruieren, sehr zum Verdruss der Kirchen, ihre eigene Religion. Sie adaptieren, modellieren, verändern Formen und Inhalte. Kirchliche Pauschalangebote, gleichsam religiöse Pakete, sind ziemlich unbeliebt." Das erstaunliche Ergebnis: 27 Prozent der Protestanten und 18,5 Prozent der Katholiken geben an, sich keiner Religion nahe zu fühlen.

Dabei sind sie in bester Gesellschaft. Albert Einstein, der große Physiker des vergangenen Jahrhunderts, hielt jenseits allen Kirchenglaubens am Gedanken fest, dass es hinter dem sinnvollen Aufbau unserer Welt eine Art Ordnungsprinzip geben müsse: "Im unbegreiflichen Weltall offenbart sich eine grenzenlos überlegene Vernunft. Die gängige Vorstellung, ich sei Atheist, beruht auf einem großen Irrtum." Auch Stephen Hawking, der große Physiker der Gegenwart, hat versucht, eine Brücke zwischen Wissen und Glauben zu schlagen: "Wenn Sie wollen, können Sie sagen, Gott sei die Verkörperung der physikalischen Gesetze."

Ähnlich sieht es - von der anderen Seite kommend - der katholische Denker und Kirchenkritiker Eugen Drewermann: "Wir können vom Geist und von der Materie nicht mehr so sprechen, wie wir es im christlichen Abendland gewohnt waren. Wir erkennen, dass Geist eine Struktureigenschaft aller komplexen Systeme ist. Sinn stellt sich auf dem Weg der Evolution selber her. Gott ist in diesem Sinne etwas, das sich in der Welt und mit der Welt selber entfaltet."

Zu einer solchen Vorstellung

von Gott passt kein Alleinvertretungsanspruch irgendeiner Religion mehr. Die Gläubigen sind da oft weiter als die Kirchen. Die konfessionellen Milieus alter Prägung sind in Auflösung begriffen. 62 Prozent der Befragten finden die Spaltung der christlichen Kirche in katholisch und evangelisch befremdlich, jüngere Christen fühlen sich auch vom Buddhismus angezogen. "In Zukunft wird nur noch eine Religion glaubwürdig sein", sagt Drewermann, "die sich nach außen nicht gewalttätig und exklusiv darstellt, sondern integrierend und dialogisch."

Vielleicht bietet gerade die Entkirchlichung und Befreiung aus engen Konfessionsschranken dem Glauben eine neue Zukunft. "Die Religion wird heftig aufleben", prophezeit der Berliner Religionswissenschaftler Hartmut Zinser. Wohl auch deswegen, weil immer mehr Menschen den einen Glauben hinter allen Glaubensformen suchen; die eine Wahrheit, der alle Religionen nahe zu kommen versuchen. In ihrem Kern nämlich gleichen sie sich. "In allen", schreibt der Religionswissenschaftler Gerhard Staguhn, "geht es um den einen unfassbaren Gott oder die eine unfassbare kosmische Kraft. Namen wie Brahma, Tao, Jahwe, Gott oder Allah sind sprachliche Fassungen für das Unfassbare. Jede Feindschaft zwischen den Religionen ist von daher vollkommen unsinnig." Oder, mit den Worten des indischen Gurus Ramakrishna: "Es ist nicht gut zu meinen, dass nur die eigene Religion wahr ist und alle anderen falsch. Es ist damit wie mit dem Wasser im Teich. Manche trinken es an einer Stelle und nennen es Jal, andere an einer anderen Stelle und nennen es Pani, noch andere an einer dritten Stelle und nennen es Wasser. Die Hindus sagen Jal, die Christen Wasser und die Muslime Pani, aber es ist ein und dasselbe."

Das Bunkerdenken religiöser Fundamentalisten - egal, ob in islamischer Selbstmordversion oder in der Gestalt "bibeltreuer" US-Christen, die Darwins Evolutionslehre aus dem Schulunterricht verbannen - ist nichts anderes als Rückkehr zum Ursprung: ein Angst-Reflex auf die Erschütterung, Veränderung und Unverständlichkeit der Welt.

Das alte Denken der Kirchen

und Konfessionen ist wie das der alten Physik: Wo ein Objekt ist, kann kein anderes sein; wo ein Glaube herrscht, ist für einen anderen kein Platz; wenn einer wächst, muss ein anderer weichen. Moderne Systemtheorie sieht das anders. Es geht immer um ein Ganzes, dessen Teile voneinander abhängen. Wer andere verdrängt, beschädigt das Ganze und damit sich selbst. Wer wächst, bereichert auch alle anderen. Keiner besitzt die volle Wahrheit, jeder nur Elemente von ihr. Austausch und gegenseitige Ergänzung bereichern alle. Religionen bilden ein Netzwerk. Glaube ist ein Prozess.

Ein Prozess, dessen Ausblick eine Vision ist. Die Sehnsucht, so sagte es der Philosoph und Soziologe Max Horkheimer, "dass es bei dem Unrecht, durch das die Welt gekennzeichnet ist, nicht bleiben soll, dass das Unrecht nicht das letzte Wort sein möge. Diese Sehnsucht gehört zum wirklich denkenden Menschen." Drastischer formulierte es Drewermann: "Menschsein besteht darin, Träume zu haben, die wirklicher sind als die gottverdammte Wirklichkeit. Religiöse Visionen widerlegen das, was wir wirklich nennen. Nur deshalb ist Religion ein Ort von Hoffnung."

Es ist letztlich keine andere Hoffnung als die auf Neuschaffung der Welt. Auf die Erneuerung des Menschen. Wer glaubt, erlebt sie schon. Darum glauben wir.

Peter Sandmeyer / print
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18jähriger Kater und Welpe geht das?
Hallo, wir haben einen 18-jährigen Kater der aber noch recht fit ist. Er ist zwar eigentlich nur zu meiner Mutter anhänglich also kommt immer am Abend auf die Couch und lässt sich streicheln von ihr sonst ist er eigentlich den ganzen Tag in seinem Bett im Keller oder oben auf einer Decke die im Schrank liegt. Erzieht sich also zurück. Nun ist der Wunsch nach einem Welpen doch sehr groß und der einzige Grund der dagegen spricht oder der infrage kommt warum wir keinen holen würden wäre unser Kater. Habt ihr Erfahrung mit alten Katzen und welchen gemacht? Unser Kater ist nämlich Hallo, wir haben einen 18-jährigen Kater der aber noch recht fit ist. Er ist zwar eigentlich nur zu meiner Mutter anhänglich also kommt immer am Abend auf die Couch und lässt sich streicheln von ihr sonst ist er eigentlich den ganzen Tag in seinem Bett im Keller oder oben auf einer Decke die im Schrank liegt. Erzieht sich also zurück. Nun ist der Wunsch nach einem Welpen doch sehr groß und der einzige Grund der dagegen spricht oder der infrage kommt warum wir keinen holen würden wäre unser Kater. Habt ihr Erfahrung mit alten Katzen und welchen gemacht? Unser Kater ist nämlich eigentlich nicht So gut auf Hunde zu sprechen also wenn ein Hund an seinem Garten vorbeigeht springt er schon hinterm Zaun ein bisschen hoch und fängt an zu fauchen. Denkt ihr nicht das Man wird vorsichtiger Eingewöhnung es schaffen könnte dass die beiden sich verstehen? LG und danke im Voraus