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Stapellauf vor 100 Jahren: Der Fluch der "Titanic"

Vor 100 Jahren feierte ganz Belfast den Stapellauf der "Titanic". Heute ist von dem Prunkstück nur noch ein Fluch geblieben. Die verbliebenen Werftarbeiter haben nicht viel mehr als ihre Erinnerungen.

Von Manuela Pfohl

Weißt Du noch? Im "Dockers Club", hinter den Hallen der Werft von Belfast, fangen die meisten Abende mit "Weißt du noch?" an. Wann immer es geht, treffen sich die Docker, die mal hier gearbeitet haben, in der kleinen Kneipe. Schon die Väter von John und Brian und ihren Kollegen haben im Pub ihr Stout getrunken und über die alten Zeiten geredet, in denen die Männer noch als Helden gefeiert wurden. Wie damals, vor genau 100 Jahren, am 31. Mai 1911, als die "Titanic" mit Pauken und Trompeten vom Stapel lief.

Für die Docker ein verfluchtes Datum. Die meisten sagen, es war der Tag, an dem das Unglück begann. Und sie meinen damit nicht nur, dass der Luxusliner ein Jahr nach dem Stapellauf, bei seiner Jungfernfahrt in der Nacht vom 14. zum 15. April 1912, sank und dabei 1523 Menschen ums Leben kamen. Sie meinen auch den Untergang der einst größten Werft der Welt und ihrer so stolzen Helden. 14.000 Männer verdienten 1912 bei Harland & Wolff ihr Geld. Heute gibt es nur noch wenige Beschäftigte auf den Docks.

Wenn 2012 der große "'Titanic'-Themenpark" in Belfast eröffnen soll, wird auch Johns Geschichte ein Mosaikstein der Stadthistorie sein. Sie soll den Touristen ebenso wie den unzähligen "Titanic"-Verrückten vom schicksalsschweren Leben der Docker berichten. Marian Dalton hat für das von der EU geförderte Projekt die Erinnerungen der Docker gesammelt.

Johns Großvater Bob Campbell war aus dem Häuschen, als sich im Frühjahr 1907 in Sailorstown unten am Laganfluss herumsprach, dass die Werft drei Riesenschiffe bauen soll. "Du musst dir vorstellen, dass da zehn bis zwölf Leute in winzigen Zimmern hausten. Das Plumpsklo war hinterm Haus und auf den Tischen stand selten eine warme Mahlzeit. Da war es überlebenswichtig, Arbeit zu bekommen", erfährt Marian von John.

"Auf der Titanic liegt ein Fluch"

4000 Männer wurden allein für den Bau der "Titanic" gebraucht. Lord William James Pierrie, Direktor von Harland&Wolff, suchte dafür nur die Besten aus. Täglich standen die Väter und Söhne vor dem Tor und hofften darauf, zu den Glücklichen zu gehören. Wer genommen wurde, hatte in drei Schichten rund um die Uhr zu arbeiten. So mussten unter anderem über 2000 Stahlplatten am Rumpf der "Titanic" befestigt werden. Ein Job für die Nieter, die in waghalsigen Aktionen am Schiffsrumpf hingen und insgesamt drei Millionen Stahlnägel in die Außenhaut der "Titanic" schlugen. Sechs Tage die Woche, von morgens acht bis abends sieben Uhr. Exakt sieben Minuten pro Tag durften die Männer aufs Klo. Zeit, die gestoppt wurde. Der Wochenlohn für die Plackerei war lächerlich. Er lag bei einem einzigen Pfund.

17 Arbeiter verunglückten dabei tödlich. "Die Männer bekreuzigten sich jedes Mal, wenn sie hörten, dass Kollegen ins Schiff eingebaut worden waren, die in schwer zugängliche Spalten des unteren Decks gefallen waren", erzählt John. Konnte auf soviel Leid Gutes gedeihen? Viele Docker fürchteten Schreckliches. "Auch weil irgendwann mal ein Arbeiter gefragt hatte, ob die "Titanic" wirklich unsinkbar sei, wie immer behauptet wurde. Nicht einmal Jesus könnte sie untergehen lassen, hatte jemand geantwortet." Gotteslästerung, die - so flüsterten die Männer damals - noch Unglück bringen würde.

Als die "Titanic" am 31. Mai 1911 bei schönstem Wetter um exakt 14.15 Uhr Ortszeit vom Stapel lief, schienen allerdings all die Mühen, Sorgen, Angst und Trauer der Docker vergessen. Die Vorstellung des Ozeanriesen war ein Welt-Ereignis, das mit großem Pomp gefeiert wurde. Nur einige der 100.000 Schaulustigen fanden Plätze am Albert Quay in Belfast, für die vorher Tickets gekauft werden konnten. Salutschüsse wurden abgefeuert. Schwere Anker und Ketten waren im Einsatz, um den mit Schwung im Wasser landenden Riesen zu stoppen. Und genau dabei passierte es. James Durbin, einer der Arbeiter, rutschte von einem Gerüst und starb. Ein weiteres schlechtes Omen für das Schiff. John: "Noch heute glauben viele Docker, dass deswegen auf der 'Titanic' ein Fluch lag. "Egal, in welche Familie du kommst, du wirst nirgendwo ein Bild oder ein Modell oder sonst etwas von der "Titanic" finden. Jeder weiß, dass man sich damit den Fluch des Untergangs ins Haus holt."

Krieg zwischen den Dockern

Die Gewerkschaften allerdings hielten schon 1911 nichts von Aberglauben. Sie stellten Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen und fragten, warum Katholiken, die auf der Werft in der Minderzahl waren, schlechter behandelt wurden als die protestantischen Kollegen. Die wiederum warfen den Katholiken Nationalismus vor, weil sie ein von Großbritannien unabhängiges Irland forderten. Vorboten des späteren Terrors.

Auf der Werft gab es eine Dreiviertel Stunde Mittagspause. Früher hatten die Arbeiter in dieser Zeit gemeinsam Karten gespielt, die Bibel gelesen und gegessen. Jetzt diskutierten sie über Politik und über den Job. Eine explosive Situation, die das Meisterwerk der Ingenieurkunst immer mehr überschattete. Im Februar 1912 gehörten Leibesvisitationen auf den Docks zum Alltag, denn mehr als einmal waren die Kollegen mit Waffen auf einander losgegangen. 12.000 Soldaten wurden in Belfast stationiert und sollten für Ruhe sorgen. Lord Pierrie, der "Vater" der "Titanic" musste vor der Gewalt nach London fliehen und sah die "Titanic" nie wieder.

Als das nagelneue Traumschiff nur vier Tage nach Beginn der Jungfernfahrt unterging, herrschte in Belfast und auch auf der Werft nicht nur maßlose Trauer und Entsetzen, sondern auch Angst. Das größte Schiff der Welt von der größten Werft der Welt war zum Inbegriff der größten maritimen Katastrophe der Geschichte geworden. Die Helden von Belfast wurden zu Verlierern und standen wieder ohne Job da.

"Wir haben viel getrunken, sonst hätte man das nicht ausgehalten"

"Seitdem hat sich die Werft nie wieder richtig erholt", sagt John. Er wurde erst 24 Jahre später in einer der winzig kleinen Arbeiterwohnungen beim Hafen geboren. Die Zeiten waren immer noch schlecht. Es gab kaum Aufträge. Aber immerhin, Johns Vater konnte in den nächsten Jahren ein paar Pfund beim Be- und Entladen der Frachter verdienen, die in Belfast mit Waffen, Stahl und Lebensmitteln für die Soldaten beladen wurden.

Als John 16 war, nahm ihn sein Onkel David mit auf die Werft und stellte ihn vor. Es war Tradition, dass ein erfahrener Docker für den Lehrling bürgt und auch dessen Ausbildung bezahlt. "Onkel David machte das. Damit begann mein Leben auf der Werft. Ich wog 104 Pfund, genau so viel, wie die Säcke, die ich schleppen musste." Im Akkord, wie schon sein Onkel 1912.

"Wir haben viel getrunken, sonst hätte man das nicht ausgehalten. Am Sonntag hat der Pastor uns dafür die Leviten gelesen." Johns Freunde im Pub schmunzeln. Jeder von ihnen kann solche Geschichten erzählen. Weißt du noch? Immer wieder haben sie darüber nachgedacht, warum die Werft, der Stolz der Docker, untergegangen ist. "Vielleicht haben wir selber ja zum Untergang und unserem eigenen Ruin beigetragen", meint John und denkt dabei an die Terrorzeiten in der Stadt. 1969 nahmen die Unruhen zwischen Protestanten und Katholiken in Nordirland zu. Dutzende Investoren sprangen ab, als der Bürgerkrieg in Belfast ausbrach. Arbeitsplätze gingen verloren und wurden nie wieder besetzt.

John ist überzeugt: "Die 'Titanic' hat uns kein Glück gebracht. Glaub mir." Marian protestiert. "Im Gegenteil. Mit den Geschichten über die 'Titanic' und von eurem Leben werden wir hier was richtig Tolles aufbauen. Komm Terry, bring noch ein Guinness, lasst uns auf die Zukunft anstoßen", ruft sie dem Wirt zu.

Am 100. Jahrestag des Stapellaufs der "Titanic", hält sich Harland &Wolff in Belfast mit der Reparatur von Bohrinseln geradeso über Wasser. Belfast hat die Werft längst abgeschrieben. Die beiden Kräne Samson und Goliath, die einst so wichtig waren, dienen nur noch als Kulisse für die Kameras der Touristen und Filmteams.

Nur im "Dockers Club" lebt die Vergangenheit weiter. Manchmal, wenn junge Leute sich hierher "verirren" und fragen, wer die Männer auf den vielen Fotos an den Wänden sind, hören sie von den Dockern die alten Geschichten. Weißt du noch?

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