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Star-Schauspieler: Sexskandal erschüttert Hongkong

Er ist in Hongkong bekannt wie Eminem. Doch nun ist Edison Chen in einen handfesten Sex-Skandal verwickelt. Im Internet tauchen seit Wochen immer neue Sex-Bilder des bekannten Sängers und Schauspielers auf. Nun hat sich sogar Hongkongs Regierungschef in den Fall eingemischt

Von Ellen Deng, Peking

Edison Chen, 27 Jahre alt, in Vancouver und New York aufgewachsen, ist ein erfolgreicher Hip-Hop-Sänger und Trendpionier. Er sieht gut aus, bietet unterhaltsame Shows, ist geschmackvoll und modern gekleidet. In China ist er so bekannt wie Eminem im Westen. Aber jetzt ist er in einen Abgrund gefallen.

Während der gerade zu Ende gegangenen Frühjahrsfest-Feiertage verfolgten Chinesen die täglich neuen Nachrichten über ihn in den Zeitungen und Online-Diensten wie eine Seifenoper. Es begann am 28. Januar damit, dass ein anonymer Internetnutzer, der sich "Kira" nennt, in einem Internetforum ein Foto von zwei Menschen veröffentlichte, die sich im Bett vergnügen. Der Mann sah aus wie Edison Chen und die Frau wie Gillian Chung, 27, bekannt als die schönere Hälfte des Pop-Duos "Twins".

Jeden Tag neue, spektakuläre Bilder

Viele Chinesen bezweifelten, ob das Foto echt ist. Deshalb legte Kira, der/die offenbar gern die Polizei herausfordert, jeden Tag nach mit immer neuen Bildern, die nichts auslassen - vom Blowjob bis zu Edisons Fingern auf der Klitoris einer Partnerin.

Darauf erkennbar sind mindestens acht Prominente. Darunter Cecilia Cheung, 28, eine populäre Schauspielerin, verheiratet und gerade Mutter geworden, sowie Vincy Yeung, 20, Nichte des Besitzers eines der größten Hongkonger Filmunternehmen und die einzige, die bisher als Freundin Edison Chens bekannt war.

Die Polizei ermittelt, Chen entschuldigt sich

Die Hongkonger Polizei hat in den letzten zwei Wochen neun Personen verhaftet, die die Bilder im Internet verbreiteten. Aber "Kira", mit dem alles anfing, ist noch nicht gefasst. Die Aufnahmen gehen zurück bis ins Jahr 2001. Die Polizei vermutet, dass die Bilder in einem Computerladen kopiert wurden, in den Edison Chen seinen Laptop zur Reparatur brachte.

Nach ein paar Tagen des Schweigens entschuldigte sich der Bloßgestellte am 4. Februar per Video bei "jedem, der von dieser merkwürdigen Feuerprobe betroffen ist", und bezeichnete die Veröffentlichung der Fotos als "bewusst verletzend und heimtückisch". Er rief alle, die Bilder besitzen, dazu auf, sie sofort zu vernichten.

Für die Frauen eine Tragödie

Verglichen mit dem unsorgfältigen Kerl, der im Entschuldigungsvideo bleich und verzweifelt aussieht, ist das Schicksal der betroffenen Frauen viel tragischer. Gillian Chung entschuldigte sich in der vergangenen Woche ebenfalls, sagte: "Ich war dumm und zu naiv, aber jetzt bin ich erwachsen geworden." Am Sonntag nahm sie an einer Wohltätigkeitsshow teil. Aber ein Konzert ihrer "Twins", das für April angesetzt war, wurde wegen des Skandals auf September verschoben.

Bobo Chan, eine der anderen Frauen, hatte sich schon vor den turbulenten Ereignissen aus dem Showbusiness zurückgezogen. Aber ihr Traum, einen reichen Mann zu heiraten, hat sich in Rauch aufgelöst. Die Mutter ihres Verlobten hat die für August geplante Hochzeit abgesagt.

Hongkonger Medien schreiben, Gangster wollten Edison Chen "eine Lektion erteilen" oder ihn gar umbringen. Denn einigen Schauspielerinnen können die Sexfotos die Karriere kosten - und das Filmbusiness in Hongkong, so die Mutmaßungen, werde von der Mafia kontrolliert.

31 Millionen mal angeklickt

Die Skandal-Geschichte ist jedoch der Renner. Nicht nur die Hongkonger Boulevardblätter berichten ausführlich und melden Verkaufsrekorde, sondern auch die seriösen Zeitungen und Zeitschriften. Obwohl die Polizei dazu aufgerufen hat, die Fotos zu vernichten, verbreiten sie sich rasend schnell auf Websites in Hongkong, Taiwan, auf dem chinesischen Festland und bis hin in die USA. Ein Kommentar auf Chinas größtem Online-Forum unter der Überschrift "Ist es echt...?" wurde 31 Millionen mal aufgerufen, es gab 170.000 Diskussionsbeiträge dazu. Selbst schwangere Frauen warteten bis Mitternacht vor dem Computer, um die neuesten Bilder zu sehen.

Der erste Mann, der in Hongkong wegen Verbreitung der Bilder ins Gefängnis musste, Chung Yik Tin, 29, wurde wieder freigelassen. Ein Hongkonger Tribunal kam zur Auffassung, die Fotos seien nicht "obszön", sondern "unzüchtig" - ein kleineres Vergehen. Eine schwierige Aufgabe für die Polizei. Einige Internetnutzer in Hongkong finden, die Beamten seien "übereifrig" vorgegangen und hätten individuelle Freiheiten verletzt. 400 Menschen demonstrierten jüngt gegen das Vorgehen. Sie meinen, die Behörden nehmen sich des Falls vor allem deshalb an, weil es um Prominente geht, und fürchten, der Fall werde als Vorwand für mehr Zensur genutzt.

Während die Hongkonger über diese rechtlichen Fragen diskutieren, streitet die Öffentlichkeit auf dem chinesischen Festland vor allem über das, was man auf den Fotos sieht, und über die sozialen Folgen. Manche beschimpfen die Schauspielerinnen mit schmutzigen Worten. Aber viele weisen das zurück. Mehrere chinesische Blogger zitieren die Bibel: "Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein."

Der Skandal wirft gesellschaftliche Fragen auf

Einige Internetnutzer meinen, die Entschuldigung der Sängerin Gillian Chung sei unnötig: "Warum und wofür soll sie sich entschuldigen? Für einen Blowjob oder für Geschlechtsverkehr?" Immer mehr hinterfragen die Stereotype, mit denen Popstars belegt werden: "Gillian Chung wurde lange als `Jade-Jungfrau´dargestellt (ein chinesischer Ausdruck für ´gutes und sauberes Mädchen´), aber sie hat sich nie selbst als Jade-Jungfrau bezeichnet. Und überhaupt, darf eine Jade-Jungfrau kein Sexualleben haben?"

Liang Wendau, ein bekannter Hongkonger Aktivist, sagte, das öffentliche Interesse an einem "guten und sauberen Mädchen" resultiere aus dem tradionellen asiatischen Verlangen nach Sex mit einer Jungfrau. In einer Fernsehsendung sagte He Liangliang, ein Kommentator für politische und soziale Fragen: "Es geht zu weit, wenn das Privatleben von Prominenten zu einem öffentlichen Ereignis wird."

Chen bleibt erst einmal abgetaucht

Laut einer Umfrage der Hongkonger Tageszeitung "Wenwei" haben mehr als 40 Prozent der Hongkonger Teenager die Bilder gesehen. Nun hat sich sogar Hongkongs Regierungschef Donald Tsang des Falls angenommen: Die Polizei solle ihn schnell lösen. Außerdem müsse die moralische Erziehung der Schüler verbessert werden.

Edison Chen wollte am vergangenen Wochenende nach Hongkong fliegen und sich den Fragen der Journalisten dort stellen. Doch er kam nicht. Es heißt, er halte sich seit Bekanntwerden des Skandals irgendwo in Nordamerika verborgen. Ein Ende von "Sex-Photo-Gate" ist nicht in Sicht.