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Sterbehilfe: Wann darf man sterben?

Frau K. wählte den Freitod und geholfen hatte der gelähmten Frau die Schweizer Organisation Dignitas. Wie lange ist ein Leben noch lebenswert? Darf man beim Sterben helfen? Ein Streitgespräch.

Herr Minelli, zu Ihnen kommen Menschen, die nicht mehr leben wollen, weil sie zum Beispiel unheilbar krank sind. Was machen Sie mit diesen Menschen?

Minelli: Sie stecken in einem Dilemma, fragen sich: Muss ich bis zum bitteren Ende leben? Oder muss ich mich vor den ICE werfen? Aus diesem Dilemma erlösen wir sie, indem wir ihnen den Notausgang öffnen. Wir schaffen ihnen Zugang zu einem tödlichen Medikament und bieten die Möglichkeit, auf schmerzfreie, sichere Art ihr Leben zu beenden.

Herr Hoppe, warum müssen diese Menschen in die Schweiz fahren?

Hoppe:

Menschen, die das wollen, finden auch in Deutschland einen Weg - nur nicht mit ärztlicher Begleitung. Es gehört nicht zum Arztberuf, den Tod herbeizuführen. Wir als Ärzte wollen den Tod zulassen, ihn aber nicht zuteilen.

Minelli:

Ärzte sind nicht nur für die goldene Seite der Medizin, die Verlängerung des Lebens, verantwortlich, sondern auch für die dunkle Seite des medizinischen Fortschritts - wenn Menschen schlimme Krankheiten haben, aber einfach nicht sterben dürfen. Sie lassen diese Menschen allein.

Hoppe:

Wir lassen sie nicht allein. Aber wir töten sie nicht, sondern begleiten sie so, dass ihr Sterben für sie erträglich wird.

Wie würden Sie solch einem schwer kranken Menschen helfen, Herr Hoppe?

Hoppe:

Ich würde versuchen, ihm durch alle therapeutischen Methoden den Rest seines Lebens - der bei dieser Diagnose nur ein kleiner Rest sein kann - erträglich zu machen. Wir erleben es immer wieder, dass die Leute dankbar sind, wenn sie diese Zeit noch erleben können, die Zuwendung und Liebe ihrer Angehörigen, die Möglichkeit, sich zu verabschieden, so lange, bis der Tod natürlich eintritt.

Minelli:

Und wenn der Patient das ablehnt? Wenn er das nicht als Hilfe, sondern als Verlängerung seiner Qual empfindet? Dann lassen Sie ihn langsam und qualvoll verrecken!

Hoppe:

Nein, er wird sie akzeptieren, diese Hilfe. Andernfalls wäre es eine schlechte Behandlung. Der Arzt hätte seinen Auftrag verfehlt.

Minelli:

Sie nehmen für sich in Anspruch, die letzte und einzige Instanz zu sein. Sie akzeptieren nicht die Selbstbestimmung des mündigen Menschen, der sagt: Ich habe ausreichend gelebt, das Leiden, das mich getroffen hat, will ich nicht weiter ertragen.

Hoppe:

Die einfache Antwort ist: Der Patient hat das Recht zu sterben. Er hat aber nicht das Recht, getötet zu werden. Schon gar nicht von Ärzten. Für mich gibt es zwischen Ihrer Beihilfe zum Suizid und aktiver Sterbehilfe keinen Unterschied.

Minelli:

Oh doch, wir reden über Menschen, die im letzten Moment autonom entscheiden können: Will ich wirklich dieses Glas mit dem Medikament trinken, oder will ich doch weiterleben?

Wie können Sie sicher sein, dass ein Mensch, der heute sagt: "Ich will sterben", nicht morgen sagen würde: "War eine dumme Idee, ich will doch gern leben"?

Minelli:

Es ist ja nicht so, dass wir einen Express-Service hätten, wo jemand klingeln kann, und zehn Minuten später ist er tot. Das Verfahren dauert länger, zum Teil Monate, manchmal Jahre. Außerdem sagen wir den Menschen: Der Umstand, dass Sie A gesagt haben und nach Zürich gekommen sind, heißt nicht, dass Sie auch B sagen und sterben müssen. Sie sind völlig frei, diesen Raum wieder zu verlassen.

Herr Hoppe, was würde dagegen sprechen, wenn Menschen auch in Deutschland Zugang zu diesem Medikament hätten?

Hoppe: Das ist eine gesellschaftliche Frage. Natürlich gibt es Fälle von todkranken Menschen, bei denen man Mitleid und Verständnis hat, wenn diese nicht mehr weiterleben wollen. Aber wer hier im Grundsatz nachgibt, riskiert einen Bewusstseinswandel. Wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat und pflegebedürftig ist, wenn man für die Gesellschaft teuer und für Angehörige eine Last wird, dann würde es künftig heißen: "Hör mal, hier gibt es doch einen Ausweg, da gibt es doch dieses Medikament." Da entsteht Druck auf alte, kranke Menschen. Das wäre verheerend.
Minelli: Das schwächste Argument, weil es keine Beweise dafür gibt.
Hoppe: Dann sehen Sie mal nach Holland, wo die Sterbehilfe sehr liberal gehandhabt wird. Dort tragen mittlerweile alte Menschen Plastikkarten mit sich, auf denen steht, dass sie nicht getötet werden wollen, wenn sie nicht mehr geschäftsfähig sind. Andere ziehen in deutsche Pflegeheime, weil sie Angst haben, in ihrer Heimat getötet zu werden.
Minelli: Deshalb sage ich, dass Sie mit dem Schweizer Modell, dem assistierten Suizid, das geringste Missbrauchspotenzial haben - weil der Mensch selbst die letzte Handlung vollziehen muss. Und wenn er das nicht will, tut er es nicht.

Viele Menschen haben Angst, am Ende ihres Lebens in die endlose Maschinerie eines Krankenhauses zu geraten.

Hoppe:

Es ist richtig, dass die Intensivmedizin Erfolge hat, die auch Probleme mit sich bringen. Die Zahl der Wachkoma-Patienten etwa hat enorm zugenommen. Manchmal rettet die Medizin Menschen, ohne sie ins Leben zurückzuholen.

Minelli:

Da sagen die Leute: Ich will nicht als Gemüse vegetieren. Sollen Menschen jahrelang als lebende Leiche gepflegt werden und kein Bewusstsein mehr haben? Ich kann das mit ärztlichem Ethos nicht in Übereinstimmung bringen.

Hoppe:

Es ist eine Frage der ärztlichen Kunst, hier die Grenzen der Medizin zu erkennen und richtig zu entscheiden. Eine Behandlung in sinnlosen Fällen weiterzuführen, ist ethisch nicht vertretbar.

Woran erkennt man, wann eine Behandlung sinnlos ist?

Hoppe: Wenn man einem Menschen Leiden zufügen oder sein Leiden verlängern würde. Wenn keine Rettung mehr möglich ist, sondern nur noch Betreuung.

Was macht man in solchen Fällen?

Hoppe:

Es ist vieles möglich: Sie können alle künstlichen Lebenserhaltungsmaßnahmen entfernen. Jeder Patient hat das Recht, eine begonnene Behandlung abzubrechen. Wenn er keine künstliche Beatmung mehr will, ist der Arzt verpflichtet, sie zu beenden.

Was ist der Unterschied zum tödlichen Medikament?

Hoppe:

Es ist keine Tötung, sondern Erfüllung des Patientenwillens. Es ist der Übergang ins Sterbenlassen, unterstützt durch eine Basispflege und zum Beispiel eine Schmerztherapie.

Minelli:

Es gibt Fälle, in denen Sie Schmerzsituationen nicht beherrschen können, es sei denn, Sie betäuben den Menschen so, dass er narkotisiert ist. Außerdem haben Sie in Deutschland den niedrigsten Verbrauch an Morphinen in Europa: Die Schmerztherapie funktioniert längst nicht flächendeckend.

Hoppe:

Es gibt andere Medikamente außer Morphinen, aber ich gestehe zu: Wir haben in der so genannten Palliativmedizin noch Ausbaubedarf. Dagegen sind wir im Hospizwesen schon sehr weit vorne.

Minelli:

Damit lösen Sie nicht das Problem, dass man in Deutschland nicht über das Thema Suizid spricht, obwohl hier alle 54 Sekunden ein Mensch versucht, sich umzubringen.

Hoppe:

Die allermeisten möchten nicht wirklich sterben, sondern wollen auf sich aufmerksam machen.

Minelli:

Weil sie mit niemandem angstfrei über das Thema reden können. Das geht nur, wenn ich für deren Wunsch offen bin, wenn ich sage: Ich versuche, dich wieder ins Leben zurückzuführen. Aber ich wäre auch in der Lage, dir zum Tode zu verhelfen. Erst diese Situation öffnet den Weg in eine bessere Zukunft.

Hoppe:

Nach meiner Auffassung besteht Hilfe darin, dass man einen Menschen mit Suizidwunsch von dieser Überlegung abbringt. Nicht, dass man ihm hilft, seinen Wunsch zu vollenden. Es ist unnatürlich, dass ein Mensch sterben will. Das Normale ist, dass ein Mensch leben will.

Martin Knobbe/Oliver Link / print