stern.de-Serie zu Nokia Die Angst kriecht durch die Familie


Familien-Protest vor den Toren von Nokia: Die Cankayas haben zusammen mit 5000 anderen Menschen am Fackelzug in Bochum teilgenommen. Die "Zeichen der Solidarität" können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Hoffnung schwindet. stern.de hat die Familie auf ihrem Protestzug begleitet.
Von Tim Farin

Vorne auf der Bühne redet Bochums Oberbürgermeisterin. Sie spricht vom Kampfesmut ihrer Stadt und von jenen seltenen schönen Momenten der vergangenen Wochen, den "Zeichen der Solidarität", die Mut machten in der Not. Sümbül Cankaya, 35, steht vielleicht zehn Meter entfernt, umringt von SPD- und Gewerkschaftsfahnen, sie klatscht zurückhaltend. Sie dreht sich um und sagt: "Ich habe das Gefühl, ich lebe seit Wochen in einem Alptraum." Und wie im Alptraum: Die Gestalten sind unwirklich, die Worte unbegreiflich und die Wahrnehmung bleibt immer unglaubwürdig. Hinter allem lauert der Untergang. Gerade wenn die Politiker und die Gewerkschaftsführer ihre Worte ins Mikro diktieren, bleibt das Gefühl von Befremdlichkeit bei der von Arbeitslosigkeit bedrohten Nokia-Mitarbeiterin.

Sümbül Cankaya ist mit ihrem Mann Ibrahim, ihrem Bruder Adnan und ihrem Neffen Berkay zum Familien-Protest ans Nokia-Werk in Bochum gekommen, der am Abend mit einer Fackel-Menschenkette seinen symbolischen Höhepunkt finden wird. Sie hat gehört, wie sich ihr Ministerpräsident Jürgen Rüttgers in den Medien lautstark zu Wort gemeldet hat, sie hat registriert, dass an diesem Sonntag auch zahlreiche Politiker aus Bund, Land und Kommune im Ruhrgebiet sind, um ihre Zeichen zu setzen. "Ich habe das Gefühl, sie werden langsam wach", sagt die Deutsch-Türkin. Aber Sümbül und ihre Familienangehörigen haben keine Hoffnung, dass dieses Erwachen der Politiker ihnen nützen kann. "Die wollen doch am Ende nur das Geld", glaubt Cankaya - im Klartext: Der Staat wolle nur möglichst viel von den Nokia-Subventionen zurück. Davon, glaubt auch Bruder Adnan, werde wohl nichts bei ihnen ankommen, wenn es so weit sein sollte. "Ich bin sauer auf die ganzen Politiker", sagt Sümbül. Weil sie darüber nachgedacht hat, wie viele Firmen abwandern und wie wenige neue Arbeitsplätze schaffen, Jobs, von denen man auch leben kann. Das, glaubt sie, müsse wohl auch mit den politischen Entscheidungen zu tun haben und nicht allein mit dem bösen Willen der Unternehmer.

"Ich weiß, wie tief das Loch ist"

Sümbül nimmt ihren Neffen an die Hand, gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Bruder geht sie rüber zur Straße. Mehr als 5000 Menschen stellen sich auf am Straßenrand, eine Menschenkette rund ums Werk wollen sie bilden. Die Familie trifft einen alten Kollegen ihres Vaters, gemeinsam hatten die beiden Jahrzehnte in der Fernseh-Fabrikation hier in Bochum gearbeitet, ehe die dichtgemacht wurde. Man klönt über den Nachwuchs - und immer wieder auch über das Aus der Handy-Produktion. "Ich weiß, wie tief das Loch ist, in das man fällt", argwöhnt der ältere Bekannte, der damals nach 32 Jahren plötzlich seinen Job los war. Unterdessen laufen Gewerkschafter in gelben IG-Metall-Westen vorbei, über das Megaphon geben sie den protestierenden Mitarbeitern und solidarischen Bürgern das Kommando, noch ein paar Meter aufzurücken, damit alle Lücken sich schließen mögen in der Menschenkette um das Nokia-Werk. Sümbül Cankaya schaut in die untergehende Sonne hinter einem brachen Grundstück. Ob sie gerne zu solchen Protestkundgebungen gehe? "Wenn wir Betroffenen nicht da sind, wer sollte dann kommen?", erwidert sie. Aber nachdenklich schaut sie schon drein, als sie sagt, dass jene Bosse, die allein über ihren Job bestimmen, eben nicht kämen. "Die Leute, die hier sein müssten, sind nie da. Sie hören und sehen uns nicht."

Anfang der Woche war Sümbül zwei Tage krank gewesen, ein Magen-Darm-Virus hatte ihre Familie erwischt, aber sie hatte auch arg mit ihrer Psyche zu kämpfen. Sie hatte keine Kraft mehr. Doch zuhause war es nur noch schlimmer. Die unkontrollierbaren Gedanken an das, was sein wird. "Es kann nur bergab gehen", meint sie, Arbeitsamt, Hartz IV, Finanznöte. Am letzten Dienstag sagte ihr Mann Ibrahim zu ihr, dass sie lieber wieder schnell ins Werk gehen solle. "Du wirst hier sonst depressiv." Lust kommt aber auch in der Firma nicht auf, Sümbül sah, wie zwei Kolleginnen kollabierten. Sie denkt darüber nach, ob sie nicht bald zur Psychologin gehen soll, die in ihrem Betrieb arbeitet. "Aber eigentlich habe ich ja keine geistigen Probleme, sondern reale Sorgen."

Selbst im Alptraum gibt es manchmal Hoffnung

Die Angst kriecht durch die Familie. Sohn Koray, 7, hat sie verinnerlicht, und seine Eltern sehen das mit Beunruhigung. Der Junge geht zur Grundschule, die Mutter eines Mitschülers, ebenfalls bei Nokia beschäftigt, ist krank geworden, manche Klassenkameraden ziehen Koray auf, weil er jetzt keine neue Playstation bekommen wird. Aber das ist ja nicht so schlimm. Schlimmer, findet Sümbül, ist das, was der kleine Sohn seiner Mutter gesagt hat: "Wir haben keine Arbeit mehr, wir müssen jetzt verhungern." Der Siebenjährige achtet penibel darauf, dass nirgendwo unnütz das Licht angeschaltet bleibt, und er hat angefangen, seine Haribos zu rationieren. "Ich versuche, ihn zu trösten", sagt Sümbül Cankaya, aber das ist nicht so leicht für jemanden, der selbst mit der Angst lebt und schläft.

Selbst im Alptraum gibt es manchmal Hoffnung, und vielleicht ist das Schlimmste dieses ständige Auf und Ab, sagt Sümbül Cankaya. Jede positive Nachricht nehme sie begierig auf. Bei ihrer letzten Nachtschicht am Freitag kursierte in der Belegschaft die Vision, dass vielleicht die Hälfte der Arbeitsplätze zu retten sei. Worauf dieses Gerücht beruht, weiß niemand, es ist wie ein Leuchten im Dunkeln, das bald verschwunden sein könnte. Die Fackeln von der Gewerkschaft, die hier nach Sonnenuntergang flackern, lässt kaum jemand in der Menschenkette bis zum Stiel hinunter brennen, die meisten Demonstranten gehen vorher nach Hause, auch Familie Cankaya - vom Asphaltboden her kommt ungemütliche Kälte auf.

"Eigentlich weiß ich, dass es vorbei ist", sagt Sümbül mit feuchten blauen Augen. Noch immer hat sie keine Ahnung, was mit ihren Jobs nun tatsächlich passieren wird und wann genau. "Es wird höchste Zeit für Tatsachen. Ich habe das Gefühl, dass wir hingehalten werden." Am Dienstag erwartet sie neue Nachrichten, Vertreter ihres Betriebsrats werden dann nach Finnland fahren und mit der Unternehmensleitung sprechen. Fortsetzung folgt.


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