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stern.de-Serie zu Nokia: Zusehen, wie ein Werk auf Raten stirbt

Voller Hoffnung waren mehr als 2000 Mitarbeiter des Bochumer Nokia-Werks zur Betriebsversammlung in der Dortmunder Westfalenhalle gegangen. Auch die Cankayas hatten gehofft zu erfahren, wie es mit ihnen nach der bevorstehenden Schließung des Werks weitergehen könnte. Doch die Ungewissheit bleibt. stern.de hat sie begleitet.

Von Christian Parth

Als Sümbül Cankaya nach zwei Stunden die Westfalenhalle 1 in Dortmund verlässt, ist ihr Gesicht ohne Ausdruck. In der Hand hält sie einen Zettel, der ihre rechtmäßige Abwesenheit vom Bochumer Nokia-Werk, Abteilung Betriebsmittellager, bescheinigt. Der Himmel über ihr ist grau aufgequollen, es nieselt leicht und um die Ecke steht die "Größte Mausefalle der Welt", gebaut auf einem riesigen Brett. Für kleine Nager scheint das Gerät kaum geeignet, Menschen aber könnte es sicherlich problemlos den Garaus machen. Frau Cankaya ist enttäuscht. Sie sagt: "Das war irgendwie gar nichts".

Die vergangenen Schichten waren ein Apltraum

Dabei sollte heute Klarheit in ihr Leben kommen. Um acht Uhr war sie aufgestanden, hatte ihren schlanken Körper in enge Bluejeans gesteckt und die tiefen Furchen, die die vergangenen Nachtschichten unter ihre Augen gezogen haben, mit Schminke kaschiert. Der Betriebsrat hat in die Dortmunder Westfalenhalle geladen, um der Belegschaft des Bochumer Nokia-Werks, das vor der Schließung steht, den neuesten Stand mitzuteilen. "Wir waren alle voller Hoffnung", sagt Cankaya. Auch wenn die vergangenen Schichten wie ein Alptraum für sie waren. Immer wieder verbreiteten Mitarbeiter Gerüchte. Interessenten soll es geben, Arbeiter sollen übernommen werden, erzählten sie. Kurz darauf kamen andere, die sagten, das sei alles nur Unsinn. Sümbül Canakaya weiß schon lange nicht mehr, wo ihr der Kopf steht.

Die letzen Wochen waren schlimm für sie, denn um ihren Arbeitsplatz herum ist es einsam geworden. Ins Betriebsmittellager, wo sonst sogar während der Nachtschichten die Kollegen Schlange standen, um Teile für die Produktion abzuholen, kommt nur noch selten jemand. "Es ist wie ausgestorben", sagt sie. Nun sitzt Cankaya dort nächtelang, auf einem Bürostuhl vor ihrem Flachbildschirm, umgeben von rotem Backstein und Ausblick auf die Tür, wo die Kollegen aus der Produktion immer wieder mal durchmarschieren.

"Nach uns kommt niemand mehr"

Vor ein paar Wochen, als die Firma in Bochum noch auf Kurs war, 134 Millionen Euro Gewinn und kein Wort über den Umzug nach Rumänien, da hatte Sümbül Cankaya kaum Zeit zum Durchatmen. Vor ihrer Durchreiche aus Glas tummelten sich die Arbeiter mit Anträgen für Hochleistungschips, schicken Plastikhüllen und frischer Werkskleidung. Die letzten drei Nächte kam niemand mehr. Die Leiharbeiter sind längst abgezogen, viele Angestellte haben sich aufgrund der Enttäuschung krank gemeldet. Von ehemals neun Produktionslinien sind gerade mal noch drei in Betrieb, 49 Verpackungslinien wurden auf vier reduziert. "Wir können zuschauen, wie ein Werk auf Raten stirbt", sagt Cankaya. Sie trinkt Red Bull, um wachzubleiben. Und sie zählt immer wieder die Bestände, weil es ihr Vorarbeiter so will. "Alles muss ordnungsgemäß übergeben werden", sage er immer wieder. Cankaya mag ihren Vorarbeiter wirklich gern, aber sie fragt ihn: "An wen willst Du denn überhaupt übergeben. Nach uns kommt niemand mehr."

In der Westfalenhalle legt die Belegschaft eine Schweigeminute ein. Ein Mann, gerade 45 Jahre alt, aus der Versandabteilung ist vor wenigen Tagen verstorben, an einem Herzinfarkt. Schuld an seinem frühen Tod seien die elenden Wechselschichten, sagen die Kollegen. Zuvor referierte ein hochdotierter Abgesandter aus Finnland. Nokia hatte den Manager aus Skandinavien nach Bochum geschickt. Er beteuerte in englischer Sprache, dass das Unternehmen nach Lösungen suche, nicht nur für das Management, sondern für jeden. Die Belegschaft buht.

Adnan Kaya, 34, ist der Bruder von Sümbül. Sein Arbeitsplatz liegt gleich neben der Halle seiner Schwester. Sie hatte ihn vor zehn Jahren überredet, zu Nokia zu gehen. Seit 2004 arbeitet der herzliche Mann mit dem einnehmenden Lächeln nun im Labor der Requalification. Er testet Handys auf Extreme. Er legt sie in temperierte Schränke, wo die Telefone innerhalb einer Stunde von minus 55 Grad Celsius auf 55 Grad plus erhitzt werden. Andere lässt er mit Hilfe einer Maschine aus einem Meter Höhe fallen, 150 Mal hintereinander. Modelle, die den Test nicht überstehen, müssen überprüft werden.

"Ich wollte vielleicht ins Management"

Adnans Leistungsbeurteilung von 2007 war hervorragend, er gehört zu den besten seiner Abteilung. Der Mann hatte Pläne: "Ich wollte Vorarbeiter werden und vielleicht irgendwann ins Management gehen." Bei Nokia sei ein solcher Aufstieg möglich gewesen. Jetzt schließt er nicht einmal mehr aus, Leiharbeit anzunehmen, wenn die Bank ihm und seiner Schwester wegen der Hypotheken auf das gemeinsame Haus in Herne-Wanne Ärger machen sollte. Sümbül sagt, dass so etwas nicht in Frage kommen dürfe. "Leiharbeiter sind die modernen Sklaven", erklärt sie. Schon bei Nokia hatten solche Arbeitskräfte keine Lobby. Auch wenn sie emsiger arbeiteten als so mancher Angestellte, seien sie beim ersten Widerwort untergebuttert worden. Der Betriebsrat bietet nun kurz vor dem letzten Atemzug der Bochumer Nokia noch Qualifizierungsmaßnahmen an. Zwei Stunden dauert die Einführung in das Audit-Verfahren, bei dem die Mitarbeiter eine Art Qualitätskontrolle der Produkte erlernen. Das Zertifikat soll die Chancen auf einen anderen Job erleichtern. Adnan hat die Schulung schon hinter sich. Er hat sich auch schon beworben, bei zwei Firmen in Solingen. Zumindest eine Antwort hat er indirekt bereits bekommen: Eine Anstellung sei trotz Bedarfs schwierig, da Leiharbeiter derzeit bevorzugt würden.

Karten für Borussia

Sümbül Cankaya und ihr Bruder Adnan sitzen vor Kakao mit Sahne und einem Glas Cola in einem Café in der Nähe der Westfallenhalle. Immerhin haben die beiden acht Karten für das Spiel zwischen Borussia Dortmund und Hansa Rostock ergattern können. Der börsennotierte Ruhrpottclub, der sich einst selbst fast in die Pleite verzockt hatte, ließ aus Solidarität insgesamt 545 Tickets für die Nokia-Opfer springen. Nun können die Nokianer heute vor großem Publikum wieder ihre Transparente zeigen. Und der finnische Handyhersteller hat vor einigen Tagen sogar noch für ein freudiges Jauchzen bei den Cankayas gesorgt. Im März bekommen sie wie die anderen Mitarbeiter nochmals einen Bonus. Für ihre herausragende Arbeit.

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