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stern-Interview mit Wannsee-Bademeister: "Ich gucke lieber nach Textil, im FKK liegt Altfleisch"

Wenn's den Deutschen zu heiß wird, greift er ein: Der Berliner Bademeister Axel Ott. Im stern-Interview spricht er über Macho-Männer, Tote im Wannsee und Sex im Strandkorb.

Von Nicolas Büchse und Dominik Stawski

Er sieht alles: Am Wannsee hat Bademeister Axel Ott den Überblick

Er sieht alles: Am Wannsee hat Bademeister Axel Ott den Überblick

Er hat das Treiben im See im Blick - aber auch das in den Strandkörben. Axel Ott ist seit Jahrzehnten Bademeister in Berlin. Was er dabei erleben, finden und sehen muss, erzählte er Nicolas Büchse und Dominik Stawski. Sie besuchten ihn zum stern-Gespräch an seinem Arbeitsplatz am Wannsee.

Bitte mal ehrlich, Sie sind nur Bademeister wegen der Frauen geworden.

Quatsch.

Sie grinsen ja.

Okay, zu meiner Sturm-und-Drang-Zeit, da war das mit den Frauen noch interessant. Hier kannste ’nen Buckel haben oder ’ne Brille mit Gläsern so dick wie Flaschenhälse, kriegst aber immer eine. Der Steg hier ist unser Catwalk. Die Frauen bringen uns sogar Kuchen.

Ihnen geht’s gut.

Wenn ich früher abends aus dem Bad kam, klemmten am Scheibenwischer lauter Zettel mit Telefonnummern.

Wirklich?

Natürlich. Aber das war ziemlich deprimierend, eigentlich.

Wieso?

Ich habe alle Nummern in ein Notizbuch geschrieben, ein Sommer, 50 Frauen. Im Winter sind wir hier mit Reparaturen beschäftigt, und Frauen sind nicht in Sicht, da dachte ich mal in einer einsamen Stunde: Nimmste dein Telefonbuch, warst ja immer begehrt gewesen. Und dann ging die erste Frau dran: Watt? Axel? Bumm, aufgelegt. So ging das von Frau zu Frau.

Wie erklären Sie sich das?

Vielleicht gilt ein Bademeister als zu untreu. Ich dachte, ich wäre der große Meister – und nüscht passiert.

Sie haben doch den schönsten Job der Welt. Da sitzt man die ganze Zeit auf seinem Turm und guckt wichtig in der Gegend rum.

Sie müssen das anders sehen: Jeder Gast ist ein potenziell Ertrinkender. Und dass wir abends auch noch seinen Müll aufsammeln, das interessiert wieder mal keinen.

Doch, doch, erzählen Sie.

Schlimm wird’s ab 15 Uhr. Da brodelt es langsam, die ersten Ansagen wegen der verlorenen Kinder, die ersten Beschwerden. Ab 16 Uhr die Krawallbrüder mit 1,1 Promille. Dann kommen die Falschparker. So geht’s bis 21 Uhr volle Brause.

Jammern Sie?

Niemals, ich liebe meinen Job. Ist ja nicht immer Hochkampfzeit. Wenn früher die Kollegen blaue Augenringe hatten vom Durchgucken durchs Fernglas, dann waren die nicht überarbeitet, sondern für FKK zuständig. Heute sind da nur noch ältere Semester zu sehen. Ich gucke lieber nach Textil. Im FKK liegt eher Altfleisch.

Das klingt jetzt aber böse.

Ach was, ich bin ja selbst über 60.

Was würde passieren, wenn wir uns in Badehose in den FKK-Bereich legen würden?

Dann kommt gleich einer: "Wollen Sie nicht mal eine Hose ausziehen?" Dann sagen Sie vielleicht: "Wo steht denn das bitte geschrieben, ich kann doch hier mit ’nem Pelzmantel liegen. Das ist nicht verboten." Dann werden sich die Stammgäste um Sie herumsetzen, ganz zufällig ein bisschen Sand auf Ihr Strandtuch streuen und immer näher rücken. Dann spielen die ein bisschen Ball um Sie herum und stolpern mal über Sie rüber, natürlich ganz aus Versehen. Die können einem das Leben richtig sauer machen.

Klingt ungemütlich.

Nein, nein, bei den FKKlern läuft einfach alles viel ruhiger ab. Ich teile den Strand immer in drei Sektionen. Die Südseite ist Kreuzberg, Lichtenberg, die Problembezirke, hier in der Mitte ist eher El Arenal, Wilmersdorf, Schöneberg, der Nordteil mit dem FKK-Bereich ist eher Dahlem, Zehlendorf, also die etwas besser Situierten, Entspannten. Am Südende waten sie abends im Dreck, und im Nordteil ist es fast sauber.

Sie sind seit 44 Jahren Bademeister. Wie haben sich die Körper der Deutschen verändert?

Der Trend geht wieder zum Schlanken. Das sehe ich an Stammgästen, die vor drei, vier Jahren richtig zugelegt haben, die sehen jetzt schon wieder ganz gut aus. Tätowiert ist fast jeder hier, vor allem an Schulter und Rücken. Das Arschgeweih ist endgültig vorbei.

Ist das Baden hier hygienisch?

Ja. Erst ab 25 Grad Wassertemperatur kommen die Algen und ab 28 der Schlick. Aber qualitativ ist das in Ordnung. Obwohl viele heimlich reinpinkeln.

Igitt.

Wenn Sie in einem normalen Freibad bei schönem Wetter nachmittags den PH-Wert messen, haben Sie ordentlich Urin im Messbecher, trotz aller Filter. Bei 5000, 6000 Besuchern verliert jeder mal Urin oder pinkelt rein. Da würde ich mein Kind nicht reinschicken.

Aber hier ist alles gut?

Ja, der See hat ja knapp drei Quadratkilometer, das verteilt sich. Und Algen und Schlick oder tote Fische sammeln wir jeden Morgen von der Strandkante.

Was sammeln Sie sonst so auf?

Das Übliche: Dosen, Flaschen, aber auch mal Spritzen, Kondome, vor allem im Wald, nach einem schönen Wochenende. Fragen Sie mich aber mal nach Gebissen.

Okay: Gebisse?

Wir hatten mal ’ne alte Dame, die kam angeschwommen und war kaum zu verstehen: Mein Gebisch, mein Gebisch! Die war gerutscht und hatte dabei Brille und Gebiss verloren. Ich erzähle hier wirklich kein Seemannsgarn.

Was haben Sie gemacht?

Wir sind getaucht und haben drei Gebisse gefunden. Wir haben die der Dame voller Stolz präsentiert. Die konnte aber ohne Brille nicht sagen, welches ihres war. Da hab ich gesagt, nehmen Sie den ganzen Scheiß mit nach Hause und bringen Se das, was nicht passt, wieder. Die kam am nächsten Tag und sagte: Also, gepasst hat ja keins.

Was ist, wenn’s ernst wird?

Also, solange ich hier bin, ist keiner vor unseren Augen ertrunken.

Sie Glücklicher.

Gut, dass mal einer ein Kreislaufversagen hat, das passiert schon. Ein paar Tote habe ich gesehen. Hier unten hatte ich mal den Strand morgens geharkt und hab gedacht, was haste denn hier für einen Riesenast. Und da fiel mir auf: Irgendwie ist das ja was anderes, und ich hatte einem Toten in die Backe gezwickt. Der war eine Woche im See. Heute noch mache ich einen Bogen um die Stelle.

Im vergangenen Jahr sind 446 Menschen in Deutschland bei Badeunfällen ertrunken. Wie viele Menschen haben Sie aus höchster Not gerettet?

20 bis 25 sind das bestimmt gewesen. Einmal sprangen zwei Segler besoffen ins Wasser. Die gingen unter. Ich bin sofort rein. Abwechselnd musste ich einen unter Wasser tauchen, weil ich den anderen ja hoch halten musste, am Ende hatte ich Teleskoparme. Als ich sie endlich im Boot hatte, dachte ich: alles gut. Aber falsch gedacht. Der eine hat sich erst mal übergeben, der andere hat mich vollgepinkelt. Das Boot sah vielleicht aus.

Ihr Expertenrat: Wie reanimiert man einen Verunglückten?

Oh je, da gibt es jedes Jahr neue Richtlinien und Empfehlungen. Ich halte mich an meine Methode: Ein paar auf die Backen, bisschen auf die Brust gedrückt, umgedreht, zweimal ins Kreuz gesprungen, und dann jubeln die Badegäste. Der Patient kotzt immer erst einmal mächtig ab, aber das Ziel ist erreicht.Das Reanimieren ist übrigens noch nicht mal das Stressigste.

Was dann?

Letztens mussten wir einen aus dem Wasser an den Strand ziehen. Im Nu haben Sie 200 Leute um sich herum. Schaulustige. Sie müssen sich richtig freiboxen. Lasst uns durch! Wenn Sie beginnen, Erste Hilfe zu leisten, geht das Schauspiel los. Der eine sagt, er ist Arzt, und behauptet: Das machen Sie falsch. Eine andere ist Hilfskrankenschwester, die sagt: Das, was Sie machen, kenne ich aber anders. Sie kommen da nicht zur Ruhe. Also nehmen wir den Verletzten, egal, wie tot oder lebendig, erst mal weg vom Publikum.

Sie haben eine schöne Trillerpfeife um den Hals. Pfeifen Sie gern?

Früher haben alle strammgestanden, wenn der Bademeister gepfiffen hat. Das war militärischer. Wenn jemand Stunk gemacht hat, haben wir den an allen vier Enden genommen und über den Zaun geschmissen. Geht heute nicht mehr.

Wie setzen Sie sich heute durch?

Heute sind wir nur am Quatschen. "Entschuldigung, Sie haben sich da gerade einen Fehler erlaubt, ich würde Sie da gern …" Und dann geht es auch schon los: "Ich?", "Niemals!", "Wer sind Sie denn?", "Wer ist Ihr Vorgesetzter?" Zum Glück ist es hier aber nicht so schlimm wie im Columbiabad in Neukölln.

Im Internet kursiert ein Video. Darauf kann man sehen, wie Dutzende Jugendliche im Columbiabad den Sprungturm stürmen und auf den Bademeister losgehen.

Ja, der Bademeister musste sich einschließen und die Polizei das ganze Bad räumen. Ich schick meistens Kollegen, die hier schlecht auffallen, mal für 14 Tage ins Columbiabad. Nach einer Woche sagen die: "Axel, ich komm auf allen Vieren über den Ku'-damm, meinetwegen auch nackt, zu dir zurückgekrochen." Ich muss nur einmal das Wort Prinzenbad oder Columbiabad fallen lassen, und auf einmal werden wieder fleißig Berichtshefte geschrieben.

Durchsage: Achtung, der vierjährige Georg Klose sucht seine Mama, bitte hol den kleinen Georg an der Schwimmmeisterei ab.

Das ist der Klassiker. Verloren gegangene Kinder. Das ist psychologische Höchstarbeit. Wenn Sie fünf verlorene Kinder betreuen müssen und die meisten Eltern hören die Durchsagen nicht, weil sie im Biergarten rumhängen. Kommen erst nach drei Stunden, die Kinder sind vollkommen fertig.

Vor dem Mauerfall kam ganz Westberlin mangels Alternative an den Wannsee, das muss ja unerträglich gewesen sein.

Es war unbeschreiblich. Der 1. Juli 1980, da hatten wir hier 39.400 zahlende Besucher. Da konntest du bis zum anderen Ufer laufen, ohne dass die Füße nass wurden. Unsere Kapazität liegt heute bei 26.400.

Was ist das Geheimnis hinter Ihrer fabelhaften Bademeister-Bräune?

Keine Ahnung. Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal eingecremt habe. Vor 20 Jahren vielleicht. Es war mir zu umständlich. Und bevor Sie jetzt damit anfangen: Ich war neulich wieder beim Dermatologen, und der sagte: kein Hautkrebs, alles wunderbar.

Schwimmen Sie eigentlich auch privat gern?

Nee. Wasser ist nun gar nicht mein Ding. Ab 35 Grad in der Badewanne finde ich das okay. Aber glauben Sie mir, es gibt sehr viele Gäste, die zu uns kommen und noch nicht einmal den Fuß in den Wannsee setzen. Die wollen einfach Sonne, sehen und gesehen werden, die Männer vor allem posen.

Wie, "posen"?

Die kommen hier an, engste Badehose, vorgebräunt im Solarium, auch bei 30 Grad. Auf dem Platz vor den Kassen pumpen sie eine Runde, damit das auch jeder sieht. Im Bad kommt das Sonnenöl, das scharfe, mit dem Sie Koteletts braten können, da geht dann ein halber Liter über die Schulter, und dann pumpt er noch mal ein bisschen. Zwischendrin ein paar Vitamintabletten.

Letzte Frage: Was ist mit Sex im Freibad?

Sie müssten mal sehen, was hier bei schlechtem Wetter in den Strandkörben an den äußeren Ecken los ist. Oder im Wasser.

Das sehen Sie doch nicht.

Oh doch. Außenstehende vielleicht nicht, aber die Profis hier erkennen das. Wenn zwei eng zusammenstehen und sich komisch bewegen, speziell bei Wellengang, sehen Sie die Hosen bis zu den Knien hängen. Die gucken dann so auffällig unauffällig in der Gegend rum. Genauso erkennen wir übrigens die Pinkler: Die gehen bis zur Badehose rein, rühren sich nicht, gucken zu allen Seiten und drehen sich schnell um, damit sie nicht in der eigenen Brühe stehen.

Und was machen Sie, wenn es im Strandkorb zur Sache geht?

Wenn sich keiner beschwert, alles okay. Wenn doch, rüttele ich mal am Korb. Huch, und dann gehen die gleich an die Decke.

Sie Spielverderber.

Ich habe doch selbst einen Wannsee-Strandkorb gekauft, als der ausgemustert wurde. Nummer 260. Ich hatte darin mein erstes Mal.

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