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stern-Kolumne Winnemuth Malen statt managen


Gerade kommt eine Reihe von Karrieremännern auf den Gedanken, dass Arbeit nicht alles ist. Sie schmeißen einfach hin - herzlichen Glückwunsch!
Meike Winnemuth

Es gibt ein altes Gesetz im Journalismus, das lautet: Drei sind ein Trend. Man nehme ein beliebiges Phänomen, kratze mindestens drei Beispiele dafür zusammen, schreibe „Immer mehr X machen Y“ darüber und schon … genau. Widmen wir uns heute also dem Trend, dass immer mehr Männer immer weniger Lust auf Arbeit haben. Genauer: dass immer mehr Topmanager und Spitzenverdiener lange vor der Verrentung oder vor der Entsorgung durch ihre Aufsichtsräte aus freien Stücken entscheiden: nö. Es reicht. Gibt noch was anderes im Leben. Schöneres. Wichtigeres. Etwas Besseres als Arbeit findest du überall.

Der mächtige Google-Finanzchef Patrick Pichette zum Beispiel warf jüngst mit 52 seinen Millionen-Dollar-Job hin, um mit seiner Frau um die Welt zu reisen, wie er ihr das schon seit Längerem versprochen hatte. In einem öffentlichen Abschiedsbrief an seine Mitarbeiter freut er sich auf eine „perfekte Midlife-Crisis voller Schönheit und Glückseligkeit“ und die Chance, endlich mal „dem Zufall eine Tür zu öffnen“. Den Brief beendet er mit „Carpe diem“. Zuvor war es der Boss des internationalen Investment- Riesen Pimco, Mohamed El-Erian, der seiner Tochter zuliebe mit 55 den Topjob aufgab, auch er schrieb eine ausführliche Abschiedserklärung.

Als Spitzenmanager von der Macht lassen - unvorstellbar

Kein Wunder, dass sich diese Männer dermaßen ausführlich äußern, denn die Formel „Möchte mehr Zeit für seine Familie haben“ war bislang immer eine fromme Lüge bei Entlassungen aller Art. Dass ein Spitzenmanager wirklich, also wirklich, wirklich aus freien Stücken von der Macht lassen wollen könnte - unvorstellbar. Das kann nur Schmu sein.

So ging es auch vor Kurzem dem Burda- Geschäftsführer Reinhold G. Hubert, der mit 62 und nach 20 Jahren an der Spitze abtritt, um „mehr Zeit für die Verwirklichung meiner persönlichen Lebensziele“ zu haben, wie es in der Pressemeldung hieß. „Ich dachte, die Mitteilung sei klar genug gewesen“, sagt er am Telefon, „aber die meisten haben gedacht, ich sei entweder krank oder hätte ein anderes Angebot. Zu akzeptieren, dass jemand eine andere Vorstellung vom Leben hat, fällt den meisten sehr schwer. In dieser Gesellschaft ist das immer noch ein No-Go.“ Und jetzt? „Ich möchte wieder mehr malen, Dinge machen, an denen ich Spaß habe. Mich interessieren Design, Architektur, Fotografie.“ Malen! Wir sind anscheinend wirklich im 21. Jahrhundert angekommen, wenn Männer endlich sagen dürfen, dass sie lieber malen als managen möchten.

Raab, Jauch, Herbig - plötzlich geht Aufhören

Stefan Raab hört auf. Günther Jauch hört auf. Bully Herbig macht Schluss mit lustig. Jeder hat seine eigenen Gründe, aber gemeinsam ist allen: Plötzlich geht Aufhören. Raus aus der Mühle, wenn man genug hat. Klar, eigentlich ging es schon immer, aber neu ist: Die, die aufhören, werden zwar immer noch bestaunt, aber nicht mehr verhöhnt, sondern beglückwünscht. Dazu, dass sie sich die Sinnfrage gestellt und nicht mit einer weiteren Karrierestufe beantwortet haben. Und dazu, dass sie es anscheinend geschafft haben, sich neben der Arbeit überhaupt noch andere Lebensinhalte aufzubauen, andere Leidenschaften.

Natürlich muss man sich das leisten können. Alle Genannten haben ihre Schäfchen nicht nur im Trockenen, sondern haushohe Föhngebläse für die Herde. Was sie aber auch haben, ist ein klares Gespür dafür, dass Arbeit nicht alles ist. Dass man rechtzeitig anfangen muss, das Leben von hinten her zu denken, von der Frage nämlich: Worauf will ich mal zurückblicken können, welche Erinnerungen an mein Leben will ich eines Tages haben? Die an einen weiteren Bürotag ganz sicher nicht.

Die Kolumne von Meike Winnemuth finden Sie immer donnerstags im aktuellen stern. Dieser Text wurde im Heft Nr. 45 vom 29.10.2015 veröffentlicht.


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