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stern-Kolumne Winnemuth: Ob Autobahn oder Warteschlange - mehr Mut zur Lücke!

Warum haben wir solche Angst vor ein bisschen Platz zwischen Mensch und Mensch, zwischen Auto und Auto? Manisch wird jeder Spalt sofort geschlossen. Da hilft nur eins: die Weißraum-Therapie.

Von Meike Winnemuth

Damals, in jener fernen Zeit, als ich noch in Büros ging und zusammen mit anderen an dieser sterbenden Gattung namens Zeitschrift bastelte, hassten wir Texter die Grafiker. Die Grafiker wollten in unserer Wahrnehmung immer nur eins: uns Platz für Wörter wegnehmen. Sie bauten stets "luftige" Layouts mit viel "Weißraum", also mit sinnlos verschwendetem, weil unbedrucktem Papier. Raum für Notizen nannten wir diesen Weißraum verächtlich, die Grafiker hingegen nannten das, was wir schrieben: Grauwert.

Hin und wieder haben wir einem Grafiker in der Spätschicht für eine Handvoll Bierflaschen ein paar Zeilen mehr aus den Rippen geleiert, im Notfall wurde ein Schlussredakteur bezirzt, die Spationierung (den Abstand zwischen den Buchstaben) zu verringern und damit mehr Buchstaben in eine Zeile zu quetschen. Mehr war mehr, nur eine volle Seite war eine gute Seite und Luftigkeit quasi ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit.

Wie viel Luft darf zwischen den Dingen sein?

Inzwischen bin ich konvertiert. Ich bin ein glühender Anhänger des Weißraums geworden, des Prinzips der Leere. Ich bin überzeugt, dass einige der größten Konflikte der Neuzeit auf unterschiedlichen Auffassungen darüber beruhen, wie viel Luft zwischen den Dingen sein sollte und zwischen den Menschen.

Da gibt es einerseits Leute wie mich, die in Warteschlangen nicht sofort zwanghaft bei jedem Zentimeter Bewegung weiterrücken, sondern nur bei jedem zweiten Zentimeter, andererseits welche, die einem sofort Einkaufswagen oder Rollkoffer in die Hacken schieben, wenn man nicht zackig genug aufschließt. Es gibt solche, die auf der Autobahn eine halbwegs lebensrettende Distanz zum Vordermann einhalten, und Audi-Fahrer, die einem lichthupend in den Kofferraum orgeln und im Zweifel rechts überholen, um sich irgendwie dazwischen zu quetschen.

Der heiße Atem des Hintermanns

Lücken machen einige Leute rasend, so scheint es, sie leiden geradezu physisch unter der verschlampten Löchrigkeit im System und fühlen sich nur wohl, wenn alle warm in den Nacken des Vordermanns atmen.

Die Angst vor der Leere

Lange habe ich geglaubt, dass dieser Horror vacui – die Angst vor der Leere, die einen nötigt, jedes Nichts sofort mit Etwas zu füllen – ein kulturell geprägter ist. Eine alte Gastronomenregel besagt ja beispielsweise, dass an einen Zehnertisch in Hamburg vier Leute passen, in München 20, dass man es im Süden also tendenziell etwas engmaschiger mag. Nachdem ich heute aber an einer Hamburger Baustelle zum wiederholten Mal ein simples Reißverschlusssystem habe scheitern sehen, muss ich feststellen: Wir haben ein nationales Problem. Wir nutzen manisch vorzeitig jede Lücke zum Spurwechsel, hassen alle, die an uns vorbeiziehen, um sich verkehrsordnungsgemäß am Ende der Spur einzufädeln, und lassen die dann aus purer Bosheit nicht rein. Ergebnis: Stau. Für alle.

Die Weißraum-Therapie

Da hilft nur eins: Nennen wir es die Weißraum-Therapie. Spielregel: eine Minute auf die folgende Lücke gucken. Einfach nur die Leere aushalten. Nichts reinkritzeln, keine WM-Panini-Bilder reinkleben, die Sie doppelt haben. Sie schaffen das, glauben Sie mir. Fertig? Einatmen. Ausatmen. Los:

Und? Gar nicht so schlimm, oder? Das dreimal täglich, und dies könnte ein anderes Land werden. (Notiz an die Grafik: Dafür kriege ich von euch aber beim nächsten Mal zehn Zeilen mehr, okay?)

Die Kolumne ...

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