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stern-Reportage

Leben im Ruhrgebiet: In Molly's Pinte

Wanne-Eickel, geografische Mitte des Ruhrgebiets. Hier wurde schon immer hart gearbeitet und noch härter gesoffen. Der Bergbau ist schon lange weg. Die Menschen sind geblieben.

Sir Walla, Stammgast bei Molly

Sir Walla, Stammgast in Molly's Pinte, ist im Fußballfieber, Schalke gegen Dortmund. Das Derby ist sein Jungbrunnen, er hat seinen Stock in die Ecke gestellt.

Ein Neonschild weist den Weg zum Eckhaus mit der schweren Holztür. Ein Samstag, kurz vor zwölf Uhr mittags in "Molly's Pinte", Wanne-Eickel. Wer nicht von hier kommt, für den klingt Wanne-Eickel wie ein Witz von Loriot. Aber hier leben echte Menschen, und einer kommt gerade in schwarz-weißen Cowboystiefeln hereingestolpert und schreit: "Guckt ma, wat ich mir beim Türken gekauft habe! Für zehn Euro. Eine Tarnjacke. Ich glaub, ich verlier den Verstand."

Hinter dem Tresen wischt Gudrun das Waschbecken sauber. Sie schaut kurz hoch und sagt: "Hier ist niemand bei Verstand, mich umgeben nur Bekloppte."

Der Typ zieht die Tarnjacke an, streckt sich, murmelt: "Ist XXL, aber bisschen klein trotzdem." Lauter: "Gudrun, mir sagen in letzter Zeit die Leute öfter ma, ich sei fett geworden. Meinste, dat kommt von den acht Litern Bier am Tach?"

Gudrun: "Kann sein."

Der Typ in der Tarnjacke heißt Rüdiger. Er fragt sich jetzt: "Wie stellt man eigentlich so eine komplette Jacke für zehn Euro her, dat is doch Wahnsinn. Ist das Kinderarbeit?"

Molly: "Mit Sicherheit."

Revierderby, das bedeutet im Ruhrgebiet: Ausnahmezustand

Molly, geboren als Klaus Molitor, 65, sitzt in seiner Ecke links neben der Zapfanlage auf der dunklen Holzbank und schaut auf den Fernseher, der oben an der Wand hängt. Sky läuft. Bundesliga. Heute ist nicht irgendein Tag, heute Abend spielt Schalke 04 gegen Borussia Dortmund. Revierderby. Für Leute, die nicht aus dem Ruhrgebiet kommen, ist es schwer zu verstehen, aber Derby bedeutet hier Ausnahmezustand. Keine Niederlage ist so schlimm wie gegen die "Zecken", also die Borussen. Und kein Sieg größer. Molly weiß: Später brennt die Bude.

Rüdiger: "Gudrun, machste mir so 'n Schnelles?"

Gudrun zapft das erste Bier des Tages. Hinter ihr steht auf einem DIN-A4-Blatt: Gyros mit Zaziki und Pommes, 6,50. Rüdiger in Tarnjacke verschwindet. Molly fragt Gudrun, ob sie alles im Griff hat, sie antwortet: "Jawoll, Chef!"

Es gibt einen Unterschied zwischen Wanne und Eickel, den die Bewohner der Stadtteile so beschreiben: "In Wanne fliegen die Stühle schon mal tief. In Eickel geht es da gesitteter zu." Mollys Kneipe liegt nicht in Eickel, sondern im Epizentrum, in Wanne. Nahe der Hauptstraße, von der man sagt, sie sei vieles, aber kein gutes Pflaster.

Saufziegen aus Mollys Pinte

Die Saufziegen bitten um Nachschub. "Machste uns noch drei Verträumte, Gudrun? Der Verträumte heißt Dirty Harry und ist ein süßer Lakritzlikör.


Mollys Kneipe, das Ruhrgebiet, wie es mal war, auf 220 Quadratmetern. Ein Miniatur-Wanne-Eickel, an dessen Tresen sich ehemalige Bergleute, Fußballprofis, Pommesbudenbesitzer und Monteure treffen. Neben der Tür hängen die Geldfächer des Sparklubs, in der Ecke die Knobelbecher der Montagsrunde. Eine Bank ist für die Saufziegen reserviert und der große Saal für den Fanklub. Auf der Karte stehen Asbach Uralt, Cranger Leckerchen, Dalmann, Klarer mit Speck, Löwentor und Mariacron. An der Wand hängen vergilbte Zeitungsartikel über frühere Feste. Molly holte einst die Spider Murphy Gang auf den Glückaufplatz, Skandal im Sperrbezirk. Daneben der Satz: Das waren noch Zeiten in Wanne-Eickel.

Wenn er hier steht, fragt sich Molly oft, was aus Wanne-Eickel eigentlich geworden ist. Auch seine Gäste fragen sich das. Einst gab es hier um die 20 Schachtanlagen. Die Zechen trugen stolze Namen. Königsgrube. Hannibal II. Pluto. Unser Fritz. Shamrock. Ein Drittel der Bevölkerung lebte von der Kohle, die in Hunderten Meter Tiefe gefördert wurde. Man glaubte an ein sozialdemokratisches Deutschland und wusch sich in der Dusche den Kohlenstaub von den Leibern. Polen, Türken, Italiener, Deutsche. Unter Tage gab es keine Nationalitäten, nur Kumpel.

Die Zechen sind längst Geschichte. Viele Betriebe mussten schließen. Im ganzen Revier fördert nur noch Prosper-Haniel in Bottrop Kohle. Aber auch dort sind die Tage unter Tage gezählt.

Bier-Patron mit festem Händedruck

Es sind noch fast fünf Stunden bis zum Spiel. Gudrun nennt es "die Ruhe vor dem Sturm". "Dat is so kacke", sagt Molly, der sich jetzt aus seiner Sitzecke schiebt und vor die Tür stellt. "Dat du selbst in deiner eigenen Kneipe nicht mehr rauchen darfst. Da packste dir echt annen Kopp!" Es gibt Dinge, die machen für Molly einfach keinen Sinn.

Molly ist eine Institution in Wanne-Eickel. Ein stadtbekannter Bier-Patron mit festem Händedruck, weißem Haar und beeindruckendem Bauch. Er hat mal Maschinenbau gelernt, kümmert sich aber seit Jahrzehnten darum, dass auf den größten Festen der Stadt, der Kirmes und den Mondnächten, das Bier zuverlässig durch die Menschen geleitet wird. Denn Kirmes ohne Bier, das ist ja wie Zirkus ohne Clown.

Klaus Molitor alias Molly

Klaus Molitor, genannt Molly, Besitzer der Kneipe und eine Institution in Wanne-Eickel


Die Geschichte von Gudrun und Molly ist die Geschichte einer langen, späten Liebe. Die beiden sind schon ewig befreundet, deshalb war Gudrun auch Mollys Trauzeugin bei seiner ersten Hochzeit. Schon damals, behauptet Molly, habe sie absichtlich seiner Braut auf die Schleppe getreten. Aber Gudrun schwört, das war ein Versehen. Schließlich war sie damals selbst verheiratet.

Molly bleibt dabei: "Du standest schon früher auf mich!"

Gudrun: "Du in jungen Jahren? Da hätt ich dich erschlagen!"

Werner kommt herein, Gudruns Onkel. Werner ist 65, trägt eine Adidas-Jogginghose und langes, wallendes Haar. Er sieht aus wie ein alternder Profiboxer, noch heute drückt er täglich zwei Zentner. Früher maß sein Bizeps 48 Zentimeter.

Gudrun: "Wat willste? Pils?"

Werner: "Bitte, meine Beste!"

In den Straßen neben den Zechen reihte sich einst Kneipe an Kneipe, man trank, prügelte und vertrug sich. Wenn Werner seinen Lohn bekam, ging er in eine Wirtschaft neben dem Friedhof und legte sich dann zum Ausnüchtern in die Leichenhalle. Heute gibt es nur noch eine Handvoll Kneipen.

Werner fing mit 14 auf dem Pütt an, Zeche Wilhelm. Aber nach vier Jahren sah er zwei Kumpel bei einem Schachteinsturz sterben. Da sagte er seinem Alten: "Ich hab kein Bock, da unten draufzugehen, Vatta, denn ich hab noch was vor mit mir." Werner schulte um zum Pflasterer und ging zur Stadt

Hier trifft man immer irgendeinen Otto

Später lernte er beim Tanzcafé bei Kumpmann seine Frau kennen, die Bärbel. Die Bärbel war was Besonderes, war einmalig. Werner schwört das, und dabei legt er die rechte Hand aufs Herz. Werner hat viele Frauen geliebt, aber die Bärbel von allen am meisten. Sie heirateten und bekamen eine Tochter.

Werner sagt, für ihn ist Wanne-Eickel sein Zuhause, der Schnack, die Straßen, hier trifft er noch immer irgendeinen Otto. Nur ein Mal ging er fremd, wegen Bärbel: Die beiden bauten ein Haus in Oer-Erkenschwick, sie waren glücklich. Bis Bärbel ins Krankenhaus musste und nie wieder rauskam. Werner kann das bis heute nicht begreifen, sie war doch erst 61. Nach ihrem Tod ging er zur Kur in Wiesbaden, dann in Rente, finanziell kommt er gut zurecht, aber er ist allein geblieben.

Gudrun fragte: Werner, was willst du denn allein in dem großen Haus? Und Werner zog zurück ins Zentrum des Kohlenpotts, in den Taubenschlag der Nation, in eine Wohnung im Haus von Molly und Gudrun.

Seitdem steht er oft in "Molly's Pinte". Wenn er immer nur zu Hause rumsitzt und keinen zum Reden hat, wird er doch rammdösig. Er versucht das Beste aus der Zeit zu machen. Hält sich fit in seinem Sportraum, drückt Unterarmtrainer, bis die zerbrechen. Und manchmal hilft er seinem Bruder, der ist 70 und fährt immer noch Schrott.

Gudrun, Mollys Ehefrau

Gudrun ist Mollys Ehefrau und für ihre Gäste alles, Köchin, Kummerkasten, Krankenpflegerin. Sie selbst trinkt während der Arbeit nur Wasser.

Nur nachts, da schläft Werner schlecht. Da kommen die Gedanken an Bärbel zurück. Dann sitzt er am Fenster, schaut hinaus und bewacht die Straße. Werner hat einen Hochleistungsscheinwerfer gekauft. Entdeckt er was Verdächtiges, leuchtet er raus und schreit: "Zugriff, Zugriff!" Weil die Leute nichts mehr zu tun haben, brechen die jetzt ein, glaubt Werner.

Schiebermütze und Stock

Die Arbeitslosenquote in Wanne-Eickel liegt bei knapp 13 Prozent, mehr als doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Von allen Ruhrgebietsstädten ist nur Gelsenkirchen noch schlimmer dran, was es nicht besser macht. Die alten Traditionsläden in der Einkaufsmeile bei "Molly's Pinte" um die Ecke sind verschwunden, heute säumen Billig-Bäckereien und Ein-Euro-Shops die Hauptstraße. Sporttaschen, gefüllt mit Drogen, werden aus tiefergelegten Autos weitergereicht. Etwas später kommt Sir Walla und darf als Erster Gudruns selbst gemachten Zaziki probieren. Walla trägt eine lederne Schiebermütze, hat seine blau-weiße Tracht angelegt und den Rolling-Stones-Gürtel. Weil Walla kaputte Knochen hat, geht er eigentlich am Stock, aber das Derby ist sein Jungbrunnen. Er stellt den Stock in die Ecke, bestellt ein anständiges Herrengedeck inklusive Dalmann, ein lokaler "erlesener Damen- & Herren-Likör". Dann streckt er die Arme gen Decke und schreit "Derby!" Selbst sein Asbesthusten quält ihn nicht so schlimm. Walla hat früher Tankstellen abgerissen, er glaubt, da war das Höllenzeug drin. Aber natürlich könnten auch die 40 Zigarillos am Tag nicht ganz unschuldig sein. Egal, heute ist Walla in bester Walla-Laune.

Die Gäste von "Molly's Pinte" sind in die Jahre gekommen, viele sind bereits vorgegangen. Oder wie Molly sagt: "Von dem, was mir in den letzten 25 Jahren weggestorben ist, kann ich zwei Friedhöfe füllen."

Wildpferd auf der Wade

Die Kinder seiner Gäste sind erwachsen. Die meisten sind nach Bochum gezogen, wo es Diskotheken gibt und man sich vergnügen kann. Einige sind in Berlin, München oder Stuttgart. Dort, wo es Arbeit gibt und ein bisschen mehr Hoffnung. Die hiergeblieben sind, sind stolz drauf, vielleicht ein bisschen auch aus Trotz. Manche haben sich das Stadtlogo auf die Wade stechen lassen, ein schwarzes Wildpferd. Für die Bewohner ist dies nicht irgendein Ort. Deshalb verschweigt man in Wanne-Eickel gern, dass man 1975 eingegliedert wurde in die Stadt Herne. Aber wen interessiert schon Herne? Es gibt ja nicht umsonst dieses Lied, das sie so gern singen, wenn es später wird:

Nichts ist so schön wie der Mond von Wanne-Eickel, die ganze Luft ist erfüllt von ewigem Mai, und jede Nacht am Kanal von Wanne-Eickel ist voller Duft wie die Nächte von Hawaii. Ich kenn die ganze Welt, von Rio bis Port Said, ich war zu Gast im Zelt beim Ölscheich von Kuwait. Ich kenn die Côte d'Azur, die Rosen von Athen. Und jeder staunt ganz ungemein, doch ich sag nein, nein, nein – ich sage nein! Nichts ist so schön wie der Mond von Wanne-Eickel.

Hände Saufziegen

Regelmäßig treffen sich die Saufziegen bei Molly, echte Originale mit irren Outfits und Trinksprüchen


Auch Werner stellt sich jetzt raus zum Rauchen. Der ganze Bürgersteig ist voll von Paffern, und aus jeder Ecke hört man dit und dat, Wanner Platt. Voriges Jahr, erzählt Werner, da kommt er strunzvoll von der Kirmes und will nach Hause, aber läuft immer im Kreis. Da trifft er 'nen Typen, der sagt, da vorne sei noch 'ne Wirtschaft. Werner also rein da. Wundert sich aber, warum da so viele knien, sagt: "Ein Krombacher bitte!" Kommt aber keins, nur ein Typ mit Bart und Gebetsketten. Werner fragt: "Bist du der Wirt?" – "Nein", sagt der Mann, "ich bin der Imam, das ist eine Moschee, und wir beten gerade." – "Au Backe", sagt Werner heute.

Molly prankt ihm in den Nacken: "Werner, du machst auch immer eine Scheiße, ey!"

Werner: "Weißte, da gab es auch noch Ärger mit der Polizei. Und mein Oberarm, der war am nächsten Tag blau."

Molly: "Haste dich bestimmt noch in 'ne Klopperei eingemischt."

Werner: "Besser eingemischt als angezettelt, weißte selbst."

Molly: "Die Zeiten sind vorbei."

Werner boxt in die Luft, links, rechts: "Ich bin immer noch fit. Wenn jemand jetzt kommt, paffpaff!"

Molly: "Jetzt mach hier nicht so 'n Affentanz."

Molly's Pinte von außen

Molly's Pinte von außen. Drinnen findet man das alte Ruhrgebiet auf 220 Quadratmetern


Gegen 17 Uhr kommen die Saufziegen. Schon von Weitem sieht man ihre Föhnfrisuren anrücken. Großes Hallo, Schätzeken, lass dich drücken, Walla, bitte nicht am Ohr rumlecken, macht mal Platz da, Heidewitzka, jetzt geht's rund!

Die Saufziegen, das sind Karin, Rosi und Marion, und wer schlau ist, weiß, dass man sich mit den Saufziegen besser nicht anlegt. Besonders wenn es ums Schnapstrinken geht. Noch anderthalb Stunden bis zum Spiel.

Rosi und Marion lernten sich 1980 während eines Urlaubs auf Formentera kennen, seitdem passt zwischen die beiden kein Blatt Papier. Die eine weiß blondiert, die andere rot, immer todschick, ob in Kunstpelz oder Glitzerjeansjacke. Schneeweißchen und Rosenrot, so ruft man sie hier. Ach, winkt Marion ab, ihr hättet mal vor 30 Jahren kommen müssen, da sah ich so aus wie Elizabeth Taylor in "Cleopatra", ohne Witz. Aber jetzt genug geschnasselt, Schatzi! Zwei Pils und ein Alt.

"Prost, Prost, Prösterchen – der Puff ist doch kein Klösterchen" 

"Und", fragt Rosi, "machste uns noch drei Verträumte, Gudrun?" Der Verträumte heißt Dirty Harry, ein süßer Lakritzlikör. Gudrun kennt die Vorlieben ihrer Gäste. Sie weiß, wann wer kommt, wer wo sitzt, wer reden will und wer Ruhe braucht. Kommt jemand in den Laden, den Gudrun nicht kennt, behält sie ihn im Blick.

Die Saufziegen erheben jetzt den Dirty Harry, und Marion, deren Armbänder klimpern wie ein Glockenspiel, ruft ihren Trinkspruch: "Prost, Prost, Prösterchen, der Puff ist doch kein Klösterchen!"

Für Karin, die 70 ist, was man kaum glauben kann, hat Molly extra ein Schild aufgehängt. "Borussenschlampe" steht drauf. Und es ist so hart gemeint, wie es klingt. Weil die Karin, was Fußball betrifft, einfach auf der falschen Seite steht.

Mittlerweile hat auch der Fanklub Position bezogen. Schalker Freudentaumel heißt der. Kaum ein Platz ist noch frei. Gudrun hat ihre zwei Töchter zum Helfen bestellt, denn bei 80 durstigen Leuten im Derbyfieber rotierste.

Kurz vor Anpfiff sagt der TV-Moderator: "Fünf Millionen Menschen leben im Ruhrgebiet, aber heute ist der Pott geteilt. Die Glaubensfrage lautet: Borussia Dortmund oder Schalke 04." Und alle grölen.

Marion

Marion heute. Früher sah sie aus wie Elizabeth Taylor.


Es gibt Menschen, die sich dafür einsetzen, dass es in Wanne-Eickel wieder etwas besser wird. Einer davon heißt Horst Schröder, ist Musiker und stadtbekannt als Graf Hotte. Er hat den Soundtrack des Schalker-Freudentaumel-Fanklubs geschrieben. Graf Hotte trägt immer einen Zylinder auf dem Kopf, darunter langes weißes Haar. Graf Hotte ist nicht nur Künstler, er ist auch ein Mondritter. Sieben Mondritter gibt es in Wanne-Eickel. Sie besitzen ein Stück Land auf dem Mond in der Größe der Stadt. Und in der Tradition von Robin Hood verteilen sie Geschenke an Waisenkinder. Sie sammeln Geld von den Reichen und geben es den Armen.

Kein Tor in der ersten Halbzeit. In der Pause holen ein paar Männer aus der Knobelrunde ihre Becher und werfen ein paar Runden, das beruhigt. Gudruns Tochter balanciert schwer beladene Gyrosteller durch die Gänge. Werner hat sich in die Nacht davongestohlen.

Spaß haben und zusammenkommen

Walla sagt: "Ich hab sogar mal mit Rudi Völler geknobelt!" Molly: "Erzähl nicht so 'ne Scheiße. Du hast noch nie mit Rudi Völler geknobelt."

Ist einer richtig dulle, verteilt Gudrun Cola und Wasser, ruft Taxen und nennt Adressen, falls die Gäste vergessen haben, wo sie wohnen. Sie hilft in Jacken, hebt Krücken auf und schiebt Rollatoren Richtung Besitzer. Gudrun selbst trinkt immer nur Wasser. Sie ist für ihre Gäste alles: Köchin, Kummerkasten, Krankenpflegerin. Letztens schlug einer hin, weil er über die Krücken des anderen stolperte. Und noch nicht lange her, da schob sich einer mit Sauerstoffgerät rein und rief: "Gudrun, ich kann wieder laufen! Saufen geht auch. Nur das mit dem Rauchen ist vorbei." Na dann, sagte Gudrun: "Glückauf!"

Gegen 20 Uhr fällt ein Schalker Jung zweimal um. Beide Male helfen ihm Männer mit Schnauzern wieder auf die Beine. Es steht immer noch 0:0. Molly steht von seinem Stuhl auf und befiehlt dem Kumpel: "Setz dich jetzt hier hin, was machste denn für 'n Scheiß?" Gudrun bringt Cola und bestellt ein Taxi. Die Saufziegen verlangt es nach einer Runde Verträumtem. Auf der Leinwand wird hart gekämpft, aber niemand trifft das Tor.

Abpfiff. Unentschieden. Molly geht erst mal raus, rauchen. Walla bestellt noch eine Runde, was kost die Welt. Dann stützt er sich auf den Tresen, die Wangen vom Dalmann gerötet. "Das Schönste", sagt er, "ist doch, dass man Spaß hat und zusammenkommt. Wenn dat nicht mehr ist, kann man auch direkt den Kopp zumachen, dann hat doch alles keinen Sinn mehr."

Knobelrunde Mollys Pinte

Die Knobelrunde trifft sich immer montags um 13 Uhr, wirft aber auch während der Halbzeitpause ein paar Runden, das beruhigt


Die Menschen in "Molly's Pinte" erzählen am Tresen von ihren Träumen. Marion möchte zum ersten Mal nach New York, am liebsten natürlich mit Rosi, aber die kriegt man ja nicht mehr ohne Valium länger als bis nach Malle in ein Flugzeug. Werner wünscht sich, noch mal eine gute Frau zu treffen, am liebsten so eine wie die Bärbel. Auch wenn die Bärbel einfach einmalig war. Walla würde es schon reichen, wenn alles so weitergeht wie bisher. Gut, der Husten könnte sich verabschieden. Der Fanklub, der träumt davon, dass Schalke Deutscher Meister wird.

Molly würde gern wieder öfter auf die Trabrennbahn, bisschen auf Pferde wetten zur Entspannung. Und Gudrun freut sich auf den Urlaub in Ungarn. "25 Jahre Kneipe", sagt Molly, "das geht nicht spurlos an einem vorbei." Gudrun nickt.

Die Augenlider schwer

Wenig später liegen sie sich in den Armen und tanzen. Gudrun hält ihr Smartphone hoch und macht Erinnerungsfotos. Aus den Boxen dröhnt der Schalker Freudentaumel-Song, komponiert von Graf Hotte. Männer mit Trikots, Molly, Walla und auch Marion in Pelzjacke haken sich ein. Ein paar Schritte vor, ein paar zurück. Ganz eng stehen sie, und für einen Moment sieht es so aus, als hielten sie sich aneinander fest. Sie sind ein paar Freunde in der Welt.

Als die meisten schon weg sind und die Augenlider schwer, hebt Rosi zum letzten Mal ihren Dirty Harry, und diesmal geht es nicht um den Puff und das Klösterchen, nein, sie sagt: "Auf das Leben, dat wir so lieben." Und Marion ergänzt: "Und auf den Alkohol, den wir so lieben."

Wenn Molly irgendwann für immer dichtmacht, werden sie noch an eine andere Theke weiterziehen, aber irgendwann, das wissen sie, ist dann wirklich Schluss, also so ganz.