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Steuerflüchtling Depardieu: Leben wie Gott - aber nicht in Frankreich

Gerard Depardieus Flucht vor der Reichensteuer hat die Franzosen in eine Neid- und Gerechtigkeitsdebatte gestürzt - mit neurotischen Zügen. Der jüngste Aufschrei stammt von Brigitte Bardot.

Von Thomas Schmoll

Nicht die Reichensteuer oder der horrende Schuldenberg, nicht die Jugendarbeitslosigkeit oder die verrotteten Vorstädte, nicht die irre hohe Zahl öffentlicher Mitarbeiter oder der überregulierte Jobmarkt – nein, das wahre Problem des Landes sind "Baby" und "Népal", zwei Zirkus-Elefanten, die eingeschläfert werden sollen, weil sie Tuberkulose haben. Zumindest sieht das Brigitte Bardot so. Und deshalb droht die Filmlegende, Wladimir Putin, dem einst Gerhard Schröder den Ehrentitel "lupenreiner Demokrat" verlieh, um die russische Staatsbürgerschaft anzuhauen. Die Elefantenschützerin möchte ihre Heimat verlassen, dieses Land, "das nur noch ein Tierfriedhof ist".

Es gibt einen weiteren Elefanten in Frankreich, der dringend unter Schutz - oder besser: ärztliche Aufsicht - gestellt werden sollte, weil er gerade - oder besser: mal wieder - durch den Porzellanladen läuft: Gérard Depardieu. Der wirkt noch durchgeknallter als seine Landsfrau von der Tierschutzfront. Depardieu hat seine Liebe zu Russland entdeckt. Das kann und sollte man ihm nicht verübeln. Das Land hat wahrlich viele schöne und liebenswerte Seiten. Was aber zurecht Abscheu und Ekel verursacht, sind die Ehrbezeugungen für Putin und die Begründung, warum es den Franzosen in den äußersten Osten Europas zieht: "Mein Vater war Kommunist und hat Radio Moskau gehört. Das ist ein Teil meiner Kultur."

Teil seiner Kultur sind auch Saufen, Randale und Pöbeleien. Denn für Depardieu ist die Freiheit nicht nur bei der Suche nach einer Wahlheimat grenzenlos, sondern auch über den Wolken, wo er sich schon einmal herausnahm, in den Gang einer vollbesetzten KLM-Maschine zu urinieren. "Ich will pinkeln, ich will pinkeln", rief er aus. Nun lautet sein Schlachtruf: "Ich will keine Reichensteuer zahlen, ich will keine Reichensteuer zahlen." Für Depardieu und Bardot gilt: Leben wie Gott - nur nicht in Frankreich, der Hölle für Millionäre und kranke Elefanten.

Die Reichen fliehen massenhaft

In atemberaubendem Tempo hat sich der Fall Depardieu trotz aller ulkigen Erscheinungen zu einer Patriotismus- und Neiddebatte entwickelt. Mit Leidenschaft diskutieren die Franzosen über die Bereitschaft zu geben und zu nehmen, Gerechtigkeit, aber auch die Höhe von Schauspielergehältern. Es ist sicher kein Zufall, dass sich dieser offenkundig überfällige Diskurs an Depardieu entzündet, der mit seinem Hang zum Schlemmen und Bechern auf der ganzen Welt als Inbegriff des französischen Lebemanns gilt. Die Angelegenheit ist aber auch ein erstklassiges Beispiel dafür, wie populistische Entscheidungen einer Regierung nach hinten losgehen, die mit Versprechen eine Wahl gewonnen hat, die weder zur Rechts- noch zur Haushaltslage passen.

Angefangen hat das Ganze im Mai mit dem Regierungswechsel, als der Sozialist François Hollande die Macht von Nicolas Sarkozy übernahm. Der neue Präsident will Einkommensmillionäre mit einer Reichensteuer von 75 Prozent belegen. Der Plan ist genauso irrwitzig wie Depardieus Putin-Vergötterung. Man musste kein Hellseher sein, um vorherzusagen, dass mancher Superverdiener es vorzieht, seiner Heimat den Rücken zuzukehren, nur dass es die Öffentlichkeit nicht mitbekommt, weil der Steuerflüchtling nicht so berühmt ist wie der Neu-Russe Depardieu. In der globalisierten Welt ist es alles andere schwer, ein Exil zu finden, zumal Staaten offen um Wohlhabende buhlen. Der britische Premierminister David Cameron bot Franzosen mit viel Geld an, ihnen "den roten Teppich auszurollen", was in Paris nicht gut ankam. Europaminister Bernard Cazeneuve entgegnete: "In Frankreich gibt es durchaus Firmenchefs, die auch Patrioten sind."

Das mag auf Top-Manager zutreffen, aber nicht auf Top-Schauspieler, jedenfalls nicht alle. Depardieu kaufte sich ein Haus in Belgien, weil er keine Lust hat, 75 Prozent seiner Einkünfte an einen Staat abzutreten, der jahrelang Reformen verschleppte. Er ließ sich auch nicht abbringen, die Heimat zu verlassen, als der Verfassungsrat die Supersteuer kurz vor Jahresende kippte und Hollande damit einen Strich durch die Etatplanung machte. Die Richter bemängelten, dass die Abgabe auf dem Einkommen einzelner Personen beruhen sollte und nicht auf den Einkünften eines Haushalts. Wenn also der Vater einer vierköpfigen Familie einen Tick über einer Million Euro verdient, fiele (ohne Freibeträge für Kinder etc.) eine Steuerschuld von 750.000 Euro an. Eine vierköpfige Familie, deren Mitglieder jeweils knapp unter einer Million Euro Jahresgehalt haben, müssten den normalen Satz an den Fiskus abführen, also keine 75 Prozent. Ist das gerecht?

"Wer den Reichen eine Diät vorschreibt, lässt die Armen verhungern"

Weil Hollande sein Wahlversprechen umsetzen will, hält er an dem Plan fest. Er will ihn lediglich überarbeiten. Für Depardieu war das der Anlass, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen und vielleicht bald auch die belgische. "Ich habe hier leider nichts mehr verloren." Die Regierung in Paris betrachtet die Steuerflucht als Hochverrat. Der sonst bedächtige Regierungschef Jean-Marc Ayrault warf dem Schauspieler "ziemlich erbärmliches" Verhalten vor.

Der gesamte Staatshaushalt Frankreichs hat offiziellen Angaben zufolge ein Volumen von rund 300 Milliarden Euro. Hollande erhofft sich von der Steuer weniger als 500 Millionen Euro Zusatzeinnahmen. Doch solche Berechnungen beruhen oftmals auf dünnem Eis, zumal unklar ist, was an Einnahmen wegfällt, falls Depardieus Beispiel Schule macht und es zu einer umfangreichen Kapitalflucht kommt.

Der Widerstand gegen den Plan wächst. Immer wieder wird in der Debatte ein chinesisches Sprichwort angeführt: "Wer den Reichen eine Diät vorschreibt, lässt die Armen verhungern." Die konservative Pariser Zeitung "Le Figaro" nennt die Reichensteuer "ein wirtschaftliches, politisches und diplomatisches Fiasko" und meint: "Es reicht! Hollande sollte den Rückzug antreten, bevor wir zum Gespött der ganzen Welt werden."

Depardieu wird beschuldigt, Profiteur der Subventionen für das französische Kino zu sein. Aber im Grunde ist jeder Mitarbeiter eines Unternehmens, das staatliche Zuwendungen erhält, ein Nutznießer dieser Zahlungen - nur dass Depardieu eben Spitzenverdiener ist. Andererseits ist er derjenige, der volle Kinos garantiert oder wahrscheinlicher macht. Gut besuchte Filmtheater bringen auch Unternehmen- und Mehrwersteuereinnahmen, leere bringen nur Frust für alle Beteiligten.

Die Branche hat im Zuge der Debatte um Depardieus Verhalten neue Feinde entdeckt, die eigentlich ihre Freunde sein müssten: die Darsteller. "Frankreichs Schauspieler verdienen zu viel. Zehnmal weniger Einnahmen, aber fünfmal so hohe Gehälter. So sieht die Wirtschaftlichkeit des französischen Kinos aus", wetterte Vincent Maraval, einer der wichtigsten Produzenten und Filmvertreiber in einem Beitrag für die Tageszeitung "Le Monde". Darin machte er einen Regulierungsvorschlag, der vom Sozialisten Hollande stammen könnte: Die Gehälter bei 400.000 Euro zu deckeln - plus Gewinnbeteiligung an den Eintrittsgeldern. Damit würde das unternehmerische Risiko an die Künstler abgeschoben werden. "Was Vincent Maraval sagt, betrübt mich", meinte der Schauspieler und Top-Verdiener Dany Boon, der Millioneneinnahmen verbucht. Reichensteuer? Seit seinem Sensationserfolg "Willkommen bei den Sch'tis" im Jahr 2009 wohnt er in Los Angeles.