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Interview

Was macht eigentlich?: Wie es Torero Juan José Padilla heute geht

Der spanische Torero Juan José Padilla wurde 2011 bei einem Stierkampf schwer verletzt. Das Foto, wie das Horn des Tieres seinen Schädel durchbohrt, ging um die Welt.

Stierkämpfer Juan José Padilla, 43, in seinem Garten in Sanlúcar de Barrameda, Andalusien.

Zur Person: Juan José Padilla, geboren 1973 im andalusischen Jerez de la Frontera, stammt aus einer vom Stierkampf begeisterten Familie. Als Zwölfjähriger bestritt er mit einem jungen Stier seinen ersten Kampf vor Publikum. Im Oktober 2011 wurde er während eines Stierkampfs in Saragossa lebensgefährlich verletzt. Padilla überlebte, als Folge des Unfalls verlor er unter anderem das linke Auge. Fünf Monate nach dem Unglück war er als Torero zurück in der Arena. Er lebt mit seiner Frau Lidia und seinen beiden Kindern in Sanlúcar de Barrameda.

Herr Padilla, wenn Sie in den Spiegel schauen: Ertragen Sie den Anblick?

Das war nie ein Problem.

Tatsächlich? Der hat Sie schwer gezeichnet. Sie haben ein Auge verloren.

Und jetzt nennen mich manche wegen der Augenklappe „Pirat“, für andere bin ich der „Zyklop von “ .

Zyklopen sind die einäugigen Wesen aus der griechischen Mythologie.

Glauben Sie mir: Weder mein Anblick noch die Spitznamen machen mir etwas aus. Ich habe die Fotos von dem Unfall und den Operationen sogar auf dem immer dabei.

Wozu?

Sie zeigen mir: Was hast du für ein gehabt! Das Horn des Bullen hat mein Gesicht durchbohrt, mit den Händen musste ich es zusammenhalten. Doch die Ärzte haben mich gerettet. 21 Operationen waren es bisher. Mein Arzt, García-Perla, ist heute wie ein Bruder für mich.

Wie oft kommt der Horror dieses Unfalls in Albträumen zurück?

Nie. Mich hat nach den ersten Operationen vor allem eines beschäftigt: dass mein Sohn und meine Tochter wegen ihres einäugigen Vaters gehänselt wurden. Und dagegen habe ich etwas unternommen.

Was?

Ich bin in ihre Klassen gegangen, habe von dem Unfall erzählt und hatte eine Menge Augenklappen dabei. Meine Kinder setzten sie sich zuerst auf, dann wollte plötzlich jeder eine haben. Wenn ich jetzt vorbeikomme, stehen die Kinder Schlange für ein Autogramm.

Schreiend vor Schmerzen wird Juan José Padilla aus der Arena getragen

Schreiend vor Schmerzen wird Juan José Padilla aus der Arena getragen. Bei dem Kampf im Oktober 2011 in Saragossa durchbohrte der Stier mit seinem Horn den Schädel des Toreros.


Welche körperlichen Folgen des Unfalls sind geblieben?

Das linke Auge musste entfernt werden. Die linke Gesichtshälfte ist bis heute taub, ich spüre nichts. Ich hoffe, die nächste Operation wird das ändern. Auf dem linken Ohr höre ich nichts mehr, hinzu kommt ein konstanter Tinnitus. Kauen kann ich nur sehr weiches Fleisch. Meine Zunge, die teils mit Hautteilen geflickt werden musste, ist oft sehr schnell ermüdet.

Und trotzdem sind Sie zurück in der Arena, als wäre nichts passiert.

Stierkampf ist mein Leben!

Was sagt Ihre Familie dazu?

Ich habe die tollste Frau der Welt. Mit 17 hatte ich bei einem Stierkampf meinen ersten schweren Unfall. Während dieser Zwangspause lieferte ich Brot aus, auch an die Familie von Lidia. Seitdem sind wir unzertrennlich. Nach dem letzten Unfall wollte Lidia unbedingt, dass ich aufhöre. Aber sie hat eingesehen: Ich bin keiner, den Rasenmähen glücklich macht. Außerdem: Es läuft besser denn je.

Der Unfall hat Sie zum Helden gemacht?

Ich bin kein Held. Aber ich habe mich zurückgekämpft, bekomme nun so viele Angebote wie nie zuvor.

Für viele ist Stierkampf nichts anderes als Tierquälerei und ein antiquierter Macho-Sport.

Man muss Stierkampf nicht mögen, aber man muss ihn als Teil unserer Kultur respektieren. Die Freiheit, Traditionen zu leben, gehört zur Demokratie. Und diese spezielle Stierrasse wächst über Jahre unter den besten Bedingungen auf, besser als die meisten Schweine oder Hühner, die auf unseren Tellern landen.

Kürzlich ist Víctor Barrio, ein junger Torero, bei einem Stierkampf ums Leben gekommen. Stimmt Sie das nicht nachdenklich?

Natürlich macht mich sein Tod betroffen und traurig, sehr sogar. Ihm zu Ehren und für seine Familie werden Kollegen und ich jetzt Benefizkämpfe organisieren. Aber es ist und muss auch so sein: Unsere Leidenschaft ist größer als die Angst.

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