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Stiftung RobinAid hilft Kindern in Afghanistan: Gefährlicher Einsatz für kleine Patienten

Matthias Angrés hat eine Mission: Der Hamburger Arzt will mit seiner Stiftung die katastrophale Gesundheitslage in Afghanistan verbessern. Der OP-Alltag vor Ort ist extrem.

Von Stefanie Zenke

Er sieht müde aus. Die dunklen Ringe unter seinen Augen erzählen die Geschichte eines Rastlosen. Matthias Angrés sitzt in einem Café in Hamburg, das Laptop vor sich aufgebaut. Den rechten Zeigefinger auf der Maus, klickt sich Angrés durch einen Stapel Bilddateien. Es sind Fotos aus Afghanistan, die den Betrachter schaudern lassen. Sie zeigen Kinderkörper, einige sind verkrüppelt, teilweise schwer verbrannt oder durch die Folgen eines Unfalls entstellt.

Da ist auch das Foto von Samiullah, 14. Der Junge war von einem Bus überfahren, die untere Gesichtshälfte dadurch komplett zerstört worden. Er hat überlebt, erhielt aber monatelang keine richtige Behandlung. "Den Ärzten in Afghanistan sind schlichtweg oft die Hände gebunden, sie haben nicht die richtige medizinische Ausstattung, und können oft nur das Notwendigste für einen Patienten tun", erzählt Angrés, der selbst Mediziner ist. "Viele sind aber auch einfach nicht gut genug ausgebildet."

Genau das ist seine Mission: Menschen in Afghanistan, die dringend auf medizinische Hilfe angewiesen sind, ein besseres Leben zu ermöglichen. Angefangen hat alles vor sechs Jahren mit seinem Engagement für den Verein "Kinder brauchen uns". Angrés half, Hilfstransporte für schwer verletzte und kranke Kinder aus dem Land am Hindukusch zu organisieren. Sie wurden nach Deutschland geflogen und hier operiert. Danach konnten sie sich bei Gastfamilien erholen, bevor sie in ihre Heimat zurückgebracht wurden. Das Projekt machte in Deutschland Schlagzeilen und bescherte dem Verein "Kinder brauchen uns" sogar einen Bambi, den Angrés entgegennahm. Doch im Juni 2008 trennte er sich von dem Verein. Ihm waren Zweifel gekommen, ob es dauerhaft der richtige Weg ist, die Menschen in einem für sie fremden Land zu operieren. Oft hatte der Mediziner miterlebt, wie schwierig es war, für die nach Afghanistan zurückgekehrten Kinder eine angemessene Nachbehandlung zu organisieren.

Die europäischen Ärzte arbeiten alle ehrenamtlich

Angrés wollte etwas Neues auf die Beine stellen: Es müsste doch möglich sein, in Afghanistan selbst zu helfen, statt große Geldbeträge für Patientenflüge und die Behandlung in Deutschland auszugeben. Eine Herz-OP in Kabul kostet beispielsweise 2000 Euro - in Deutschland das Zehnfache. Und auch die Strapazen des Fluges wollte Angrés den kleinen Patienten ersparen. Nur noch in Einzelfällen sollte es seiner Meinung nach eine "Luftbrücke" geben.

Deswegen gründete er die Stiftung RobinAid mit Sitz in Hamburg. Der Auf- und Ausbau von Krankenhäusern in Afghanistan und anderen Entwicklungsländern selbst steht nun im Fokus. "Wir sind bemüht, das Gesundheitssystem im Land zu stabilisieren." Mittlerweile gibt es ein kleines Netzwerk von europäischen Ärzten und Pflegekräften, sie alle arbeiten ehrenamtlich. In Kabul zum Beispiel: Hier gibt es das Krankenhaus "French Medical Institute for Children" (FMIC), für das sich die Stiftung engagiert.

Kinder sterben an Tuberkulose, Hepatitis oder Tollwut

Meist kommen die Helfer aus Deutschland oder Frankreich, manchmal auch aus anderen europäischen Ländern, wo sie in Krankenhäusern fest angestellt sind. Um in Kabul arbeiten zu können, opfern sie oft ihren gesamten Urlaub. Sie stehen bis zu 12 Stunden am Tag im OP, kümmern sich um schwer kranke oder verletzte Kinder. Eines der größten Probleme sind die hygienischen Zustände im Land. "Hier wird noch an Tuberkulose, Hepatitis oder Tollwut gestorben", erklärt Angrés. "Da werden Keime ins Krankenhaus getragen, deren Namen hat man bei uns schon vergessen."

Dem 53-Jährigen war klar, dass es in einem Land wie Afghanistan, in dem es kaum Strukturen gibt, eine junge Stiftung wie RobinAid es schwer haben würde, bei Null anzufangen und in kurzer Zeit Erfolge zu erzielen. Deswegen schloss sich RobinAid mit der französischen Hilfsorganisation "La chaîne de l'espoir" zusammen, die das FMIC in Kabul mittlerweile seit drei Jahren betreibt.

"Da werden Keime ins Krankenhaus getragen, deren Namen hat man bei uns schon vergessen."

Das Konzept von RobinAid sieht nicht nur die medizinische Unterstützung vor Ort vor, es soll den afghanischen Kollegen auch eine Weiterbildung im Ausland ermöglichen. "Wir holen den Nachwuchs direkt von der Uni in Kabul, und bilden die jungen Menschen dann selber aus", sagt Angrés. Erst lernen sie Deutsch, dann geht es an eine Klinik, meist in Deutschland oder Frankreich.

Wefa Sebghatullah, 28, hat die Chance genutzt. Der junge Arzt, der 2006 in Kabul sein medizinisches Staatsexamen ablegte, paukte erst vier Monate lang Deutsch am Goethe Institut in Göttingen, bevor er dann an der Medizinischen Hochschule Hannover auf der Kinderintensivstation arbeitete, die mit RobinAid kooperiert. Der Afghane hat von dieser Zeit profitiert, arbeitet inzwischen im FMIC, das die einzige Intensivstation Afghanistans besitzt, und gilt dort unter seinen Kollegen als einer der besten auf dem Feld der Kindermedizin. Er weiß nach seinem Aufenthalt in Hannover nun um die Probleme seines Landes: "Wir haben zwar das beste Kinderkrankenhaus Afghanistans, dennoch entspricht es nicht dem europäischem Standard."

Sebghatullah erzählt von veralteter Technik mit der er und seine Kollegen klar kommen müssen, und davon, dass einige notwendige Geräte und Medikamente schlichtweg fehlen. Manche Kinder, die wegen Organversagens, mit Hirntumoren, Herzfehlern und Infektionen ins FMIC gebracht werden, müssten dann weggeschickt werden, "weil wir ihnen nicht helfen können". Es müssten auch Leute nach Hause geschickt werden, weil der große Andrang von Patienten jeden Tag vor der Klinik nicht zu bewältigen sei, ergänzt Angrés, der den Kollegen der Intensivmedizin und Anästhesie zur Seite steht. "Das fällt oft schwer, weil wir wissen, mancher wird deswegen sterben."

85 Betten hat das FMIC. Vier Operationssäle stehen zur Verfügung. Im vergangenen Jahr konnten 55.000 Patienten ambulant behandelt werden, 4000 stationär, die Hälfte davon wurde operiert. Es ist immer ein kleines Team europäischer Ärzte und Pflegekräfte in Kabul, sie arbeiten eng mit den afghanischen Kollegen, etwa 53 Ärzte und 150 Pflegekräfte, zusammen.

Julia Kempe, 24, hat den Alltag in der Klinik erlebt. Die Krankenschwester, die in Stendal an einer Klinik arbeitet, war in Kabul für sechs Monate für die Leitung der Intensivstation zuständig. Sie schwärmt: "Es war rührend, zu sehen, wie sich Eltern, Großeltern, Tanten und Onkels gemeinsam um ein krankes Kind der Familie gekümmert haben. Jeder, der behauptet, in Afghanistan lebten nur Terroristen, wurde da eines besseren belehrt."

Grundsätzlich gilt sowohl für RobinAid als auch für die Schwesterorganisation "La chaîne de l'espoir": Alle Menschen sollen Zugang zu medizinischer Versorgung haben - Kinder wie Erwachsene. Auch die, die ihre Behandlung nicht bezahlen können. 90 Prozent der Patienten des FMIC können genau das nicht. "Da sind wir auf Spendengelder angewiesen", so Angrés.

"Viele Geräte sind alt, wir müssen oft Kinder nach Hause schicken, weil wir ihnen nicht helfen können."

Doch es ist nicht leicht, diese Gelder zu akquirieren. Die Deutschen geben zwar jedes Jahr mehrere Milliarden Euro für gute Zwecke aus, doch es gibt auch viele Organisationen, die sich um Gelder bemühen. Doch Angrés ist zuversichtlich: "Das Projekt ist sehr gut, es läuft, und es ist nicht mehr zu stoppen." Als prominente Unterstützer wurden unter anderem der ehemalige Außenminister Frankreichs, Bernard Kouchner sowie Ole von Beust, der bis vor wenigen Monaten noch Hamburgs Erster Bürgermeister war, ins Boot geholt.

"Die Stiftung setzt genau den richtigen Hebel an", sagt Alexander Rahr, Leiter des Berthold-Beitz-Zentrums der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin. Der einzige Weg, um Afghanistan zu stabilisieren, sei es, Strukturen vor Ort zu schaffen, damit die Menschen eines Tages ohne fremde Hilfe in ihrem eigenen Land zurecht kämen. "Wir brauchen mehr solcher Projekte wie dieses von RobinAid, es hat Vorzeigecharakter. Die Politik sollte das unterstützen."

"Ich habe keinen Helferkomplex"

Alle vier bis sechs Wochen fliegt Angrés nach Kabul, bleibt fünf bis zehn Tage dort, steht im OP, hilft auf der Intensivstation, bildet aus, knüpft Kontakte, dann geht es zurück nach Hamburg. Er versucht, bundesweit ein Netzwerk aus Kliniken zu etablieren. Deren Bereitschaft, afghanische Kollegen auszubilden, Equipment und Medikamente an Angrés abzutreten, ist jetzt schon groß. Das alles macht der Arzt ehrenamtlich. "Geld verdiene ich mit anderen Dingen." Er berät freiberuflich Krankenhäuser in Deutschland und Österreich, hat Lehraufträge. Seine Familie lässt ihn gewähren. "Sonst ginge das auch alles nicht."

Angrés Herz schlägt schon seit langem nicht mehr für den Klinikalltag in Deutschland. Vor drei Jahren hat er seinen Job an den Nagel gehangen, er war ärztlicher Direktor einer großen Hamburger Klinik. "Ob ich mit der Stiftungsarbeit Gutes tue?", Angrés überlegt kurz, dann sprudelt es wieder aus ihm heraus: "Das weiß ich nicht, aber ich hoffe es. Ich habe keinen Helferkomplex oder so etwas. Und ein Held bin ich schon gar nicht. Ich glaube einfach: Wer so nah die Not dieser Kinder sieht, der kann gar nicht untätig bleiben."

Mehr Informationen zu der Arbeit der Stiftung RobinAid finden Sie hier unter www.robinaid.de