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Straßennamen-Streit: Wenn Dutschke auf Springer trifft

In den 60er Jahren galt Rudi Dutschke für die Springer-Presse als Inbegriff des langhaarigen Feindbildes. In Berlin kündigt sich jetzt eine Annäherung der einstigen Feinde an. Der Straßenname machts möglich.

Es wäre eine Ironie der Geschichte: Der radikale linke Studentenführer Rudi Dutschke und der konservative Verleger Axel Springer kommen sich Jahre nach ihrem Tod einander näher als je zuvor. Die PDS will einen Teil der Berliner Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße umbenennen. An diesem Straßenstück liegt auch die Firmenzentrale des Springer-Verlags. An der Kreuzung vor dem Springer-Hochhaus würden Rudi-Dutschke-Straße und Axel-Springer-Straße aufeinander treffen.

Dutschke und Springer galten als Gegenpole

Zu Beginn der Studentenproteste vor knapp 40 Jahren galten Dutschke und Springer als Gegenpole. Dutschke verkörperte das langhaarige Feindbild der Springer-Presse. Bei den Studenten lautete eine der beliebtesten Parolen: "Enteignet Springer!".

Die Linke wirft besonders Springers Boulevard-Blatt "Bild" vor, mit Hetzparolen den Attentäter, der Dutschke in den Kopf schoss, angestachelt zu haben. Manche Konservative verzeihen Dutschke dagegen bis heute seine Forderungen nach einer Revolution gegen das kapitalistische System nicht. Berliner CDU-Politiker nennen den Vorschlag eine "politischen Geschmacklosigkeit" und werfen Dutschke vor, zur Gewalt aufgerufen zu haben.

Wegen dieser politisch und historisch pikanten Konstellation entwickelt sich nun eine jener typischen Provinzpossen, wie sie auch in dem auf die eigene Wichtigkeit so stolzen Berlin häufig vorkommen. Um den Namensvorschlag streiten Politiker und Medienleute, Publizisten und Familienangehörige.

Vorschlag kam von "Taz"

Den Stein ins Rollen brachte die links-alternative Tageszeitung "Taz". Zum 25. Todestag Dutschkes, der 1968 angeschossen wurde und an den Folgen des Attentats an Weihnachten 1979 starb, schlug sie die Umbenennung wegen der politischen Bedeutung des Studentenführers vor. Das Verlagshaus der "Taz" - wenige hundert Meter von der Springer- Zentrale entfernt - heißt seit einiger Zeit Rudi-Dutschke-Haus.

Freudig sprang die Bezirks-PDS in Kreuzberg-Friedrichshain auf den Zug. Unterstützt wurde der Vorschlag etwa von der Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth oder den Schriftstellern Adolf Muschg und Walter Jens. Die Benennung der Straße könne ein Zeichen für Versöhnung zwischen verfeindeten Lagern sein, argumentieren sie.

Blockiert wird die Entscheidung der Bezirkspolitiker derzeit durch prinzipienfeste Berliner Grüne, die der PDS als Mehrheitsbeschaffer in dem Ost-West- Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg dienen sollen. Die Grünen wollen neue Straßennamen nur noch von Frauen übernehmen. So lang, bis die Übermacht der Männernamen ausgeglichen ist. Das kann jedoch dauern. Für die weitere Entscheidungsfindung wurde nun der übliche parlamentarische Weg gewählt - das Problem wurde vorerst an diverse Ausschüsse überwiesen.

Grundsätzlich ist die Umbenennung des kleinen Straßenstücks am Springer-Hochhaus nichts Ungewöhnliches. Die "Taz"-Forderung will bewusst an das Jahr 1996 erinnern. Damals wurde das letzte Stück der Lindenstraße auf Betreiben des Verlags und der CDU umbenannt. Im hinteren Teil der Lindenstraße lag das Springer-Haus, das eine neue Postadresse erhalten sollte. Nun heißt der kleine Abschnitt Axel- Springer-Straße.

Andreas Rabenstein/DPA / DPA