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Umweltaktivismus Streiken ist gesund – für ein gutes Klima und eine gemeinsame Zukunft

Eckhart von Hirschhausen bei der Fridays for Future Demonstration in Berlin
In der Medizin findet die Fridays-for Future-Bewegung breite Unterstützung: Vergangenes Jahr demonstrierte Eckart von Hirschhausen vor der Berliner Charité mit der Klinikspitze, Ärzt*innen und Studierenden für den Schutz des Klimas
© Dominik Butzmann/laif
Als Arzt diagnostiziert Eckart von ­ Hirschhausen: Wenn etwas alternativlos ist, dann Unterstützung für Fridays for Future.
Von Eckart von Hirschhausen

Stellen Sie sich vor, ihre Mutter ist schwer krank und muss auf die Intensivstation. Was würden Sie tun? Alles stehen und liegen lassen, um sich um sie zu kümmern? Was hätte dann oberste Priorität, was könnte noch wichtiger sein?

Unsere Mutter ist krank – bildhaft gesprochen. Die Erde ist unsere Mutter. Sie gibt uns, wenn es ihr gut geht, alles, was wir brauchen. Gerne und ohne eine Rechnung zu stellen. Aber sie hat Fieber, und das Fieber steigt weiter. Nein, es sind keine Hitzewallungen der Wechseljahre nach 4,5 Milliarden Jahre – die letzten 10.000 Jahre war das Klima stabil. Die Klimakrise ist echt und bedrohlich, sie ist von uns Menschen verursacht, nur wir Menschen können etwas daran ändern, die Wissenschaft dazu ist eindeutig und – es gibt noch einen Funken Hoffnung – aber eins ist klar. Nur wenn wir der Bewahrung unsere Lebensgrundlagen oberste Priorität geben.  

Die Klimakrise kam nicht von allein - und sie geht auch nicht von alleine vorbei. Es ist ein "Multiorganversagen" somit das schlimmste, was es in der Intensivmedizin gibt. Lunge, Herz, Nieren – alles gleichzeitig betroffen, das ganze Kreislaufsystem. Wie der kluge Jared Diamond mir kürzlich im stern-Gespräch sagte, droht zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte der Kollaps von vielen Systemen gleichzeitig. Eine harte Diagnose. Und: der erste Schritt zur Bewältigung einer Krise ist es immer, anzuerkennen, dass es eine Krise gibt. 

Die nächsten 10 Jahre sind entscheidend

Ärztlich gesprochen braucht es erst eine klare Diagnose, bevor man sich über Therapien und Maßnahmen unterhält. Und an dem Punkt sind wir leider noch nicht. Vielen in diesem Land ist es offenbar noch nicht bewusst, in was für einer – entschuldigen Sie die Wortwahl – beschissenen Situation wir sind. Die nächsten 10 Jahre entscheiden darüber, wie die nächsten 10.000 Jahre laufen, ob auf gut deutsch die menschliche Zivilisation überlebt. Die Erde braucht uns nicht, wir aber die Erde. Das ist den jungen Menschen heute glasklar. 

Eckart von Hirschhausen
Der Arzt und Entertainer Eckart von Hirschhausen engagiert sich bei „Scientists for Future“ und mit einer eigenen Stiftung für den Klimaschutz
© Metodi Popow

Liebe FFF – Aktiven! Was ich an den Fridays-Demonstrationen von Anfang an mochte: Plakate mit Humor "Wozu zur Schule gehen, wenn nachher keiner auf die Gebildeten hört?"

Oder eine Frau, die sich ein Schild gebastelt hatte: "Es ist so schlimm, dass sogar die Introvertierten auf die Straße gehen."

Oder ganz simpel: "Klima ist wie Bier. Warm ist Scheiße." Danke für Euer Engagement!

Ihr seid wichtig. 

Und wenn Piloten oder Lokführer streiken, machen sie das auch nicht in ihrer Freizeit! Was gab es für ein Gezeter, ob man an einzelnen Tagen fehlen darf. Inzwischen ist durch Corona unendlich viel mehr Unterricht ausgefallen, und kaum einer fand das schlimm. 

In meiner Schulzeit gab es "Hitzefrei", wenn es um 10 Uhr morgens über 25 Grad hatte. Nach dieser Definition findet bald in Deutschland im Sommer gar kein Unterricht mehr statt. Wer Bildung ernst nimmt, geht demonstrieren. Wenn sich Jugendliche erwachsener verhalten als Erwachsene – wer ist da "peinlich"? 

Danke Fridays, dass ihr so viele Menschen in Deutschland aufgerüttelt habt. Mich auch. Ohne euch gäbe es keine Scientists for Future, keine Parents und Entrepreneurs for Future und auch weniger Menschen in Politik und Wirtschaft, die sich gerade fragen, wie wir die letzte historische Chance, diese Erde für Menschen bewohnbar zu halten, nutzen können.

Sind die Forscher "alarmistisch". Oder sind die Fakten Grund zu Alarm? Wie laut müssen Menschen in der Öffentlichkeit werden, um eine stille und schleichende Katastrophe wie die Klimakrise in die Mitte der Gesellschaft zu holen? Und wer muss sich noch mit wem vernetzen? 

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2018 war für mich das Jahr, in dem ich am eigenen Leib durch den Rekordsommer erlebte, wie bedrückend Hitze ist, wenn sie bleibt. Wenn sie stehen bleibt, weil kein Lüftchen am Boden und kein Jetstream in der Höhe das Wetter ändert. Und ich machte eine persönliche Begegnung mit Jane Goodall, die mich sehr prägte. Sie fragte mich ganz direkt: "Wenn der Mensch die intelligenteste Art auf dem Planeten ist, warum zerstört er dann sein einziges Zuhause?"

Es gilt, den Aufbruchsgeist aufrecht zu erhalten

Ich musste drei Mal schlucken. Denn die Antwort ist nicht leicht. Ein Teil der Antwort. Bring Menschen zusammen, die forschen und die vermitteln können. Bring Themen in die Öffentlichkeit über glaubwürdige Persönlichkeiten und Institutionen. Und dränge auf die politische Willensbildung, die momentan langsamer ist, als das Bewusstsein in der Gesellschaft. 

Fridaysforfuture hat das Thema auf eine geniale Art und Weise voran gebracht. Und als Politiker nach den "Profis" verlangten, haben über 28.000 Forscher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bei "scientistsforfuture" unterschrieben und sich mit den Forderungen der Jugendlichen solidarisiert. So etwas hat es vorher noch nie gegeben. Und diesen Aufbruchsgeist gilt es jetzt, aufrecht zu erhalten. Denn die Beharrungskräfte und Lobbyinteressen sind enorm. Und wir haben nicht mehr viel Zeit, überhaupt etwas zu drehen. 

Wenn die Kanzlerin und der Bundespräsident sich hinstellen können um zu sagen, dass Covid19 eine ernste Gefahr darstellt, wird das gehört und verstanden. Wenn Politik auf Virologen hören kann, wann endlich auf Umweltmediziner, Klimaforscher und Pflegekräfte, denen bei jedem "Rekordsommer" viele Tausend Menschen in Deutschland wegsterben, ohne dass je ein Lockdown oder ein ernsthaftes Umdenken ausgerufen wurde?

Wenn es eine ärztliche Pflicht ist, Leben zu schützen, auf Gesundheitsgefahren hinzuweisen und gegebenenfalls auch schlechte Nachrichten zu überbringen, dann sollten die Gesundheitsberufe die ersten sein, die auf die Bedrohung durch die Klimakrise hinweisen. Und die schlechte Nachricht heißt: wir müssen morgen nicht das Klima retten, sondern uns. Wenn wir nicht streiken, streikt die Erde. Und auf eine seltsame Art verhalten sich gerade Jugendliche erwachsener als viele Erwachsene. 

Ein Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, nicht mal mit einer guten, heißt es. Ich habe Medizin und Wissenschaftsjournalismus studiert. Nach allen Regeln der Wissenschaft hält man sich da mit eigener Bewertung zurück. Ich möchte Sie jetzt direkt ansprechen, als LeserInnen, als MitdenkerInnen, als Menschen, die wir uns alle einen Himmel teilen. Und das tue ich nicht als Journalist oder Komiker. Ich mache mir ernsthafte Sorgen. Und bin damit zum Glück nicht allein. Das machen sich viele Wissenschaftler und verantwortliche Menschen schon lange. Deshalb gibt es großartige Initiativen wie "Scientist for Future", den Lancet Climate Count Down, deshalb gibt es Stellungnahmen der europäischen Akademien der Wissenschaft, des Weltärztebundes, der Kirchen bis hin zu Blackrock, McKinsey und dem Weltwirtschaftsforum. Das sind ja alles keine linken Ökospinner, sondern auch viele Konservative, die in der ureigensten Bedeutung des Wortes bewahren und schützen wollen. Und so dringt endlich dieses Wissen in die Mitte der Gesellschaft, schreckt auf und mobilisiert im besten Fall unsere besten Seiten. Morgen gehen weltweit viele Menschen auf die Straße zum globalen Klimastreiktag. Sind Sie schon entschieden, ob sie mitmachen? 

Zugegeben: am 20.9. war es leichter, dabei zu sein. Und 1,4 Millionen Menschen waren dabei – allein in Deutschland.

Allein in Berlin hatten sich an der "Fanmeile" des 17. Juni 300.000 Menschen versammelt, um zu zeigen: das Thema ist uns wichtig. Lebenswichtig. 

Je mehr ich mich informiere, desto ungeduldiger werde ich

Damals hatte meine kleine gemeinnützige Stiftung "Gesunde Erde-Gesunde Menschen" zusammen mit dem Aktionsbündnis #healthforfuture alle Gesundheitsberufe Berlins aufgerufen, sich zu beteiligen. Die Aktion hatte namhafte Unterstützer, darunter Detlev Ganten, lange Jahre Vorstand der Berliner Charité und Gründer des World Health Summit, Günther Jonitz, Chef der Berliner Ärztekammer, Sylvia Hartmann vom Bundesverband der Medizinstudierenden und Franz Wagner und Christine Vogler, Präsidenten des Deutschen Pflegerats, der Marburger Bund mit Peter Boppard, die Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) und viele mehr.  

Morgen müssen alle auf die Straße, die jemals Patienten waren und alle, die nicht zu Patienten werden wollen. Das Wort Patient kommt von Geduld und Leiden. Und je länger wir alle geduldig sind, desto mehr werden wir und erst recht zukünftige Generationen leiden. Je mehr ich mich über den Zusammenhang von Klimawandel und Gesundheit informiere, desto ungeduldiger werde ich. 

Die medizinischen Folgen sind nicht nur die Hitzewellen, die laut aktuellen Veröffentlichungen des Robert-Koch-Instituts bereits viele Tausend Opfer in Deutschland gefordert haben. Neue Infektionskrankheiten kommen aus den Tropen zu uns, Allergien nehmen zu, und wer schon mit Herz und Lunge zu tun hat, spürt das als erstes. 9 von 10 Menschen auf der Erde atmen dreckige Luft ein. Über 8 Millionen Menschen sterben daran jedes Jahr. Luftverschmutzung ist unter den globalen Gesundheitsgefahren der Killer Nummer ein. Solarpanels stinken nicht. Und Windräder auch nicht. Weiter jeden Tag aus Mutter Erde die Menge an Kohlenstoff herauszukratzen, die sie in Tausend Jahren gebildet hat, und in Form von Kohle, Öl und Gas für Jahrhunderte in die Atmosphäre zu verklappen ist ein Verbrechen. Und das wird immer noch weltweit nicht bestraft und verhindert sondern mit Milliarden weiter subventioniert. Das ist so unglaublich dumm, denn diese Energie könnten wir anders erzeugen. Die Technik ist da, das Geld ist da, es fehlt nur der politische Wille. 

Als Arzt erkennt man vielleicht schneller, warum die Idee von einem ständigen Wirtschaftswachstum im Kern krank ist, denn das ist wie Krebs: wachsen auf Kosten der Umgebung, alle Ressourcen für sich bunkern und dann noch das Leben töten, das einen nährt. So doof muss eine Zelle erstmal sein. Und bösartig. 

Es gibt im menschlichen Organismus nichts, was dauerhaft auf Wachstum angelegt ist. Selbst die meisten Parasiten und Krankheitserreger sind so schlau, ihr Wachstum so zu dosieren, dass sie ihren Wirt nicht umbringen, sondern mit einander weiterleben können. 

Das erinnert mich an den traurigen Witz, wo sich zwei Planeten im Weltall treffen, die Venus und die Erde. Die Venus fragt: "Mensch Erde, was ist denn mit dir los, du siehst aber schlecht aus, hast du was?" Die Erde antwortet: "Ja, ich habe Homo sapiens." Da lacht die Venus und sagt: "Ach, das geht vorbei!" 

Nur dieser Planet ist alternativlos

In der Politik wird gerne davon gesprochen, dass etwas "alternativlos" sei. Das einzige, was tatsächlich alternativlos ist, ist dieser Planet. Da wo wir sind, ist der einzige Ort im ganzen bekannten Universum, wo wir leben können. Und wie der wunderbare Physiker Harald Lesch auf all seinen Kanälen und Vorträgen betont: "Physik ist nicht verhandelbar. Naturgesetze warten nicht auf demokratische Entscheidungen." Und wenn wir das große Glück haben, eine Physikerin und keine Populisten an der Spitze der Regierung zu haben, mit Helge Braun ein Arzt im Bundeskanzleramt sitzt und Ursula von der Leyen als Ärztin die Europäische Gemeinschaft leitet, kann man doch hoffen, dass nicht für die Wirtschaft sondern für die leidenden Menschen Entscheidungen getroffen werden. 

Politik könnte heute viel mutiger sein. Es gibt so viele Beispiele dafür, dass gute Gesetze große Wirkung zeigen. Als das Rauchen in Kneipen verboten wurde, gab es einen enormen Aufschrei. Doch heute sind alle froh darüber, sogar die Raucher. Aber wenn Brandenburgs Wälder brennen, werden wir alle wieder ungewollt zu Passivrauchern. Viele Länder haben Tempolimits eingeführt, und ihre Ökonomien sind nicht daran kaputtgegangen. Das Verbot von FCKW hat das Ozonloch schrumpfen lassen, durch die Entschwefelung von Benzin und Industrieabgasen ist das Waldsterben ausgeblieben. Das Klima-Abkommen von Paris ist zumindest ein Anfang. Welche Erfolgsgeschichten erzählen wir weiter? 

Ich glaube, dass jede Generation ihr Aha-Erlebnis hat, ein Ereignis, nach dem sie die Welt mit anderen Augen sieht. Für mich war das 1986 Tschernobyl. Da war ich gerade 18 Jahre alt und unterwegs nach München. Ich stand an der Autobahn und trampte und dachte, du weißt überhaupt nicht, wo du hinfahren sollst. Überall kann diese radioaktive Wolke hin. Damals habe ich in Wackersdorf demonstriert. 

Heute sind es manchmal 40 Grad in Deutschland, und ich kann der Hitze nicht entkommen. Dieses Gefühl der Unausweichlichkeit finde ich körperlich und psychisch bedrohlich. Und ich wundere mich, wie meine Generation, die mit Anti-Atomkraft, Waldsterben und Friedensbewegung aufgewachsen ist, derartig dabei versagt hat, das Wissen um die Grenzen des Wachstums in Politik und in eigenes Handeln umzusetzen. 

Die Zeit ist überreif

Wie kommen wir vom Wissen zum Tun, von der lähmenden Hoffnungslosigkeit in strategisches Handeln?  Jeder von uns, der in Deutschland lebt, hat einen ökologischen Fußabdruck, der weit über dem globalen Durchschnitt liegt. Aber was ist mit unserem ökologischen Handabdruck? Was können wir selber ändern, wo können wir politisch und gesellschaftlich aktiver werden? Worauf haben wir Einfluss, wer kennt wen, der jemand kennt, der was ändern kann? Wir sind eins der reichsten Länder der Welt, wir sind eins der kreativsten, wir sind eine offene demokratische Gesellschaft, haben freie Meinungsäußerung, Presse- und Versammlungsfreiheit. Deshalb haben wir auch eine hohe Verantwortung, nicht nur, weil wir historisch schon jede Menge Treibhausgase freigesetzt haben, sondern auch, weil sich viele Länder fragen: wie machen es denn die Deutschen? Und gute Ideen sich schneller verbreiten lassen, als je zuvor. 

Die Zeit ist überreif, und ein großer Teil der Menschen in Deutschland haben das verstanden. Und ein noch viel größerer Teil würde auch akzeptieren, wenn sich Rahmenbedingungen, Gesetze und Preise ändern. Der Mensch ist vernunftbegabt nur in Maßen. Viel stärker ist er gewohnheits- und gewöhnungsbegabt. Und deshalb braucht es neue Gewohnheiten, die uns nicht Freiheiten nehmen, sondern geben. Es gibt kein Grundgesetz auf überdimensionierte Autos. Es gibt aber eins auf körperliche Unversehrtheit. Und wer wirklich liberal denkt, denkt die Freiheiten von anderen Menschen mit, die er mit seinem Handeln unwiderruflich einschränkt. Welche Freiheitgrade hat jemand heute, wenn in seiner Heimat die Temperaturen unerträglich sind, zu heiß um etwas anzubauen, zu ernten oder auch nur Wasser zu trinken? Welche Freiheitsgrade wird ein Kind haben, was heute in der Charité geboren wird, wenn es 30 ist, 50 oder 80?

Und was nutzt einem das beste Gesundheitswesen, wenn die Grundlagen von Gesundheit nicht mit einer Tablette oder Operation herzustellen sind? Deshalb ist die Klimakrise ein medizinischer Notfall und geht alle an. Gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten. Wir geben im deutschen Gesundheitswesen über eine Milliarde am Tag aus. Und für globale Gesundheit pro Mensch geben wir aus Deutschland 17 Cent im Jahr. Dabei zeigt uns doch Corona: Viren sind Ländergrenzen egal. So wie einem Co2 Molekül in der Luft auch, aus welchem Land es kommt. "Global" ist hier. Und je besser es Menschen und Tieren überall geht, desto besser geht es auch uns. Die Krisen hängen zusammen. Viren springen von Tieren auf uns über, wenn wir Tiere quälen, handeln und essen. Den Wildtierhandel zu stoppen hätte deutlich weniger Geld gekostet als die sämtlichen Folgen der Pandemie. Minister Gerd Müller hat "End the trade" unterstützt. Und weißt seit Jahren auf unsere globale Verantwortung hin. 

Geben Sie das Beste, was sie haben: Aufmerksamkeit!

Wir haben so gigantische Fortschritte gemacht in der Medizin weltweit, die Lebenserwartung ist die letzten Jahrzehnte gestiegen, viel weniger Menschen mussten die letzten Jahrzehnte hungern, viel mehr hatten Zugang zu Bildung und Wissen. Wir leben gerade so reich, so satt, so sicher wie noch nie in der Menschheitsgeschichte – und sind so bedroht wie noch nie. Alle diese Fortschritte stehen heute auf dem Spiel. Ich lebe gerne im 21. Jahrhundert mit all seinen Möglichkeiten. Es sollte nicht unser letztes gutes Jahrhundert sein. Was antworten wir unseren Kindern und Enkeln, wenn sie uns fragen: "Was habt ihr 2020 gemacht? Ihr wusstet doch genug. Ihr habt in einer Demokratie gelebt, in einem der reichsten und kreativsten Länder, mit Ideen und Lösungen, die Welt hat nach euch geschaut, ob ihr das hinbekommt, um sich das dann abzuschauen – was war euch wichtiger?"

Geben Sie das Beste, was sie haben: Aufmerksamkeit! Vermögen heißt nicht auf Geld zu hocken, sondern Vermögen heißt, man vermag etwas zu bewegen. Morgen um 12 Uhr können sie sich bewegen, und damit ein Zeichen setzen, was hoffentlich uns alle in Bewegung bringt. Das Thema geht alle Familien an, alle Generationen, alle Menschen, die daran interessiert sind, dass Menschen auch in Zukunft ein gutes Leben auf der Erde haben können.  

 Nicht weg, sondern hin zu etwas. Deshalb fokussiere ich meine Aktivitäten mit "Gesunde Erde -Gesunde Menschen" auf Multiplikatoren, die noch Gehör finden: Ärzte, Wissenschaftler und auch Engagierte in den Kirchen und Hilfsorganisationen, die eine hohe Glaubwürdigkeit, authentische Erfahrungen und ein Netzwerk in viele gesellschaftliche Gruppen und mehrere Generationen hinein haben. Für die Abkehr von einem rein materialistischen Weltbild braucht es eine positive Vision, die attraktiver ist, als das was wir schon kennen. Momentan kommen Veränderungsprozesse psychologisch in die Sackgasse, weil Menschen zuallererst ihren Nachteil, ihren Verlust, ihren "Verzicht" im Fokus haben. Und aus reinem "Gutmenschentum" werden die radikalen Umbauten in unserem Wirtschaften nicht gelingen. 

Mit Humor kann man Widersprüche reflektieren. Ein Beispiel aus meinem aktuellen Bühnenprogramm "Endlich": Stellen Sie sich vor, es gibt an der Supermarktkasse für jedes Kilo Fleisch, das Sie kaufen, ab sofort einen Eimer mit 20 Liter Gülle verpflichtend mit dazu. Den müssen Sie mit nach Hause nehmen. Und die Kassiererin sagt: "Das haben Sie mitverursacht. Ach, wussten Sie nicht. Jetzt wissen sie es. Wollen Sie einen Deckel, oder geht das so mit? Viel Spaß beim Grillen!" 

Wenn ich das sage, lacht das Publikum und versteht: Ja, Fleisch zu essen hat einen enormen versteckten Preis, der uns am Kühlregal natürlich nicht gezeigt wird. Ich wäre sehr dafür, bei Lebensmitteln einen CO2-Abdruck kenntlich zu machen, um auf diese Weise ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass eine Rindfleischsuppe zehnmal so viele Treibhausgase erzeugt wie eine Gemüsesuppe. Und dann denkt der Verbraucher nach: Schmeckt mir die Rindfleischsuppe denn wirklich zehnmal so gut? Nö. 

Wir brauchen ein Zusammenstehen, keinen Generationenkonflikt

Aber was geschieht stattdessen? Man ist gleich in einer Abwehrdiskussion gefangen, von wegen: Die Öko-Spinner wollen uns das Fleischessen, das Fliegen oder das Autofahren verbieten. Dabei geht es nicht ohne staatliche Vorgaben. Ein Einzelner kann ja nicht dafür sorgen, dass Fliegen teurer wird als Bahnfahren. Es ist auch keine "Diktatur" sondern ein ehrlichmachen von Preisen. Es muss endlich einen hohen Preis dafür geben, wenn man die Luft verdreckt. Keine "Steuer" sondern eine Umverteilung. 

Panik hilft uns nicht weiter. Aber Priorität. "Moonshot" heißt das seit der Apollo-Mission, wenn man alle Kräfte mobilisiert auf ein Ziel hin: Geld und Zeit, Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, alle Generationen und Konfessionen, die Spinner und die Realisten. Vor 50 Jahren landeten Menschen auf dem Mond. Und sahen von dort aus, wie schön es auf der Erde ist. Und wie dünn und fragil der Himmel ist - die Atmosphäre, die uns umgibt und am Leben hält. 

Wir brauchen ein Zusammenstehen für eine lebenswerte Zukunft über Generationen und Fachdisziplinen hinweg, keinen neuen Generationenkonflikt.

Wir brauchen mehr Fokus auf dem Zugewinn an Lebensqualität statt der Diskussion. Ich atme lieber die Abgase von zehn Radfahrern ein, als von einem SUV. Weniger Fleisch zu essen und sich nach der "Planetary Health Diet" zu ernähren, ist kein "Verzicht", sondern ein Gewinn an gesunden Jahren ohne Herzinfarkt und Schlaganfall. Wir könnten es so schön haben hier. Und momentan machen wir den Himmel dreckig und uns damit das Leben zur Hölle. Wir nehmen uns selber in den Schwitzkasten. Sind wir wirklich zu doof, damit aufzuhören? 

Und: wir brauchen bei aller Ernsthaftigkeit und der Einsicht in die Beschränktheit der eigenen Mittel auch mehr Humor, Leichtigkeit und Optimismus, dass wir an dieser größten Gefahr der Menschheit immer noch wachsen und etwas ändern können. Ganz im Sinne von Karl Valentin: "Wenn es regnet, freue ich mich. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch!"

In diesem Sinne freue ich mich, Teil dieses Aufbruches zu sein und wünsche uns allen für morgen und ein gemeinsames Übermorgen viel Inspiration, Ausdauer, Wut und Mut 

Sehen wir uns? Dann bis morgen. Für übermorgen!

Erschienen in stern 40/2020

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