Studenten Elternglück am seidenen Faden


Mehr Kinder braucht das Land - aber wer sie schon in jungen Jahren bekommt, muss mit Pflaumenkuchen, Flohmarktklamotten und Prüfungsstress jonglieren können. stern.de hat eine Aachener Studentenfamilie besucht.
Von Sven Trantow

Lina hat Hunger. Glaubt sie jedenfalls und deutet mit ihren kleinen Kinderfingern energisch auf den Pflaumenkuchen. "Möchtest du ein Stück haben?" fragt Katrin und schneidet bereits. Aber so einfach ist das nicht. Schon nimmt die Intensität der Bewegungen zu, die Koordination ab - ein schlechtes Zeichen. "Neiiin! Kinna, Mama!", ruft Lina. Die großen, rehbraunen Augen füllen sich mit den ersten Tränen. "Ein kleineres Stück? Möchtest du ein kleineres Stück haben?" Jetzt ist es endgültig vorbei. Das blonde Mädchen bricht in schmerzvolles Schluchzen aus. Nase und Tränen scheinen um die Wette zu laufen, ihr Gesicht färbt sich dunkelrot. Mit welch unfassbarer Kraft Kindergeschrei doch auf die Nerven einwirkt.

Eigentlich sind Lina, Katrin und Lars ein gutes Team. "Nur momentan ist es etwas schwierig", meint die 26-Jährige. Sie gehört zu den sieben Prozent der Studenten, die bereits ein Kind haben - zwei Jahre und drei Monate ist Lina jetzt alt. "Mir fehlt einfach die Zeit", bedauert Katrin. "Jeder Tag ist von morgens bis abends voll." Seitdem vor ein paar Wochen ihre Abschlussprüfungen begonnen haben, lastet ein enormer Druck auf der Aachener Familie. Jede Prüfung kann entscheiden, ob Katrin ihr Studium der Mathematik und Informatik schafft. Jede Prüfung kann entscheiden, wie die Zukunft der jungen Eltern und ihrer temperamentvollen Tochter aussieht.

"Ich nutze jede freie Minute"

Lina interessieren solche Erwachsenenprobleme nicht. Entscheidend ist einzig der Moment, und dieser hier verlangt gerade nach einer Lösung des Pflaumenkuchenproblems. "Ach, Kinderteller!" fällt es ihrer Mutter plötzlich ein. "Du willst deinen Kinderteller haben?!" - "Ja", antwortet Lina trocken und verstummt, als wäre nie etwas gewesen. Puh... Mama atmet erst mal durch und schleppt einen grünen Plastikteller heran, den sie gegen das Porzellan austauscht. Schnell zieht sich Katrin noch eine Haarsträhne hinters Ohr, um dann genüsslich die Kuchengabel anzusetzen. "Neiiin Mama!" kreischt es von rechts. Offensichtlich: Katrin hatte sich zu früh gefreut. "Kinna-Steck, Kinna-Steck!" schluchzt Lina und schmeißt ihre Gabel aus der Hand.

In stoischer Gelassenheit macht Katrin sich erneut auf den Weg in die Küche; das Plastikbesteck gehört eben zum Pflaumenkuchen dazu. Angesichts ihres Alltags verfügt sie über eine bewundernswerte Geduld. "In der Prüfungszeit nutze ich jede freie Minute", erzählt sie mit einem fast schon fatalistischen Lächeln. "Da wird auch abends oder am Wochenende gelernt." Nicht selten kommt die junge Frau damit auf einen 15 Stunden-Tag. Während Lina die Kita besucht, ist Katrin Studentin; von 15.30 bis 20 Uhr Vollzeitmutter; sobald die Kleine eingeschlafen ist, wieder Studentin.

"Als Lars auch noch Student war, konnte man sich wenigstens abwechseln", sagt Katrin. Ihr Freund ergänzt: "Wir waren flexibler, hatten alle mehr von einander." In der Küche hängt ein buntes Plakat und erinnert an ihren letzten gemeinsamen Abend: Herzlichen Glückwunsch zu Deinem neuen Job. Wir sind stolz auf Dich! - das war Ende Juni. Der 31-jährige Vater hat nach seinem Diplom eine Festanstellung als Architekt erhalten. Beruflich ein Glücksfall, familiär jedoch ein Rückschritt. Neuerdings bleibt fast keine Zeit mehr für seine Tochter. "Im Studium war es ideal", resümiert Lars und macht ein sehnsüchtiges Gesicht. "Jetzt ist Kady erst mal zur Hauptperson für Lina geworden. Klar ist das traurig."

Der absolute Notstand

Finanziell jedoch war der Job dringend notwendig. "Dass unsere Eltern uns so lange unterstützen konnten, war sowieso schon ein Luxus", gibt er zu. Tatsächlich können wohl nicht viele studentische Familien auf zweimal 500 Euro elterliche Beihilfe zählen. Nicht selten muss zumindest ein Partner das Studium vorzeitig abbrechen. Zumal nach zwei Jahren die staatliche Unterstützung durch das Erziehungsgeld wegfällt. Nach Linas zweitem Geburtstag fehlten der Aachener Jungfamilie monatlich 300 Euro. Der Job konnte diese Lücke zunächst einmal schließen - sie hatten Glück. Katrin weiß das und sieht dennoch auch die andere Seite: "Wir haben uns heftig gestritten. Ich kümmerte mich um Lina, während Lars drei Monate Diplom machte. Jetzt habe ich Examen und keiner kann mir den Rücken frei halten."

Eben diese Situation ist es, die den gewaltigen Druck auf die junge Familie ausübt und das Unternehmen Examen so instabil macht. Denn die kleine Lina ist ein essentieller Teil dieses Unternehmens. "Es muss ihr gut gehen", bestätigt Katrin, "damit ich Zeit zum Lernen habe." Was passiert, wenn etwas dazwischen kommt, erlebte die Familie vor Katrins vergangener Prüfung. Die Studentin schüttelt den Kopf und sagt: "Da war der absolute Notstand ausgebrochen." In die vierwöchige Vorbereitungszeit fielen alleine drei Wochen, in denen die Kita geschlossen hatte. "Dann lag ich noch vier Tage flach und danach war Lina eine ganze Woche krank. Wir konnten nachts nicht schlafen. Ich war am Ende. Meine Schwester musste aus Konstanz anreisen, um uns zu helfen."

Gesponsort oder vom Flohmarkt

Dieses Mal ist es noch gut gegangen, die Prüfung war ein Erfolg. Und auch wenn noch ganze sieben weitere anstehen, sind sich Lars und Katrin sicher: Sie wollen ein zweites Kind im nächsten Jahr. "Nach meinen schriftlichen Prüfungen", sagt Katrin. Bei diesem Thema lächeln sich die Eltern an. Über die Vorzüge von Kindern reden sie viel lieber als über deren Schwierigkeiten.

Denn beide sind überzeugt: Lina ist der große Wurf, der Glanzpunkt ihres bisherigen Lebens. "Es ist schon komisch", sagt Lars, "aber viele unserer Freunde beneiden uns sogar." Selbst mit 31 Jahren ist er in seinem Bekanntenkreis noch ein junger Vater. "Sie sagen: Habt ihr es gut, dass es bei euch einfach passiert ist." - "Sie trauen sich nicht", fügt Katrin hinzu. "Es ist total schade, aber die meisten haben Angst - vor allem wegen der finanziellen Seite."

Dass die Möbel der gemütlichen Wohnung sowie Linas gesamte Kleidung gesponsert oder auf dem Flohmarkt erworben wurden, stört hier keinen. Denn glücklich ist die Familie ganz unabhängig davon. "Na gut", gibt Katrin letztlich zu, "ein Auto wäre wirklich schön. Dann müsste man Lina wenigstens im Winter nicht mit dem Fahrrad zur Kita bringen." Lina ist es sowieso egal, woher ihr rosa Pulli mit dem Bären oder der grüne Kinderteller kommen. Sogar der Pflaumenkuchen ist wieder uninteressant. Genau genommen, hat sie ihn gar nicht angerührt. Längst bietet der Moment etwas Neues. "Lina schaukeln", fordert das Mädchen jetzt, "Mama helfen!"


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker