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Studie "Neue Väter": Alles geht, nichts funktioniert

Die "Entwicklung der Vaterrolle" ist eines der Lieblingsthemen von Familienministerin Ursula von der Leyen. Die Studie "Neue Väter" hat sich genau damit befasst. Das Ergebnis zeigt vor allem: Zwischen Dienst- und Kinderwagen verzetteln sich so einige.

Die heilen Familienwelten befinden sich im Berliner Prenzlauer Berg, der Hamburger Schanze oder dem Glockenbachviertel in München: Eltern um die 30 bugsieren ihre Sprösslinge in Bugaboo-Kinderwagen wie sündhaft teuer erstandene Accessoires durch die Gegend, der Look berufsjugendlich, der Blick angespannt, aber doch freundlich.

Und natürlich sind es nicht länger nur Mütter, die mit ihren Kleinen die Straßen füllen, wie selbstverständlich tragen Väter Babys in Tragetüchern, erledigen Einkäufe, holen den Nachwuchs aus dem Kindergarten und tollen auf Spielplätzen umher. Der Mann als treusorgender Vater - es gibt ihn und das ist ganz nach dem Geschmack von Familienministerin Ursula von der Leyen.

"Verantwortung auf beiden Gebieten"

Die "Entwicklung der Vaterrolle" des deutschen Mannes ist eines ihrer der Lieblingsthemen. Weil, "Frauen wollen Beruf und Kinder und wünschen sich dabei einen Partner, der genauso Verantwortung auf den beiden Gebieten übernimmt", sagte sie jüngst dem stern. Das Dilemma sei nur, dass die männliche Rolle hinterherhinke. Womit sie wohl Recht hat, wie verschiedene Studien belegen.

So auch die neueste Untersuchung zu dem Thema. Die Frankfurter Forscher Hans-Walter Gumbinger und Andrea Bambey haben 1500 Fragebögen verschickt und ausgewertet sowie 23 Elternpaare befragt. Das Ergebnis ihrer Studie "Neue Väter" wird der siebenfachen Mutter von der Leyen nicht unbedingt gefallen. Denn das Rollenbild der Männer hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zwar radikal geändert, nicht aber unbedingt immer zum Guten.

Immerhin: Im Gegensatz zu früher ist der Mann nicht mehr der reine Geldbeschaffer, der seine Kinder nur kurz am Abend oder am Wochenende zu Gesicht bekommt. "Heutzutage gibt es ein riesiges Spektrum an Vätertypen", sagt Andrea Bambey. Sechs Grundtypen haben die Wissenschaftler vom Institut für Sozialforschung ausgemacht: Etwa den "egalitären Vater", der die klassische Rollenverteilung eigentlich ablehnt, aber dennoch immer wieder in die Klischeestrukturen zurückfällt.

Oder den "fassadenhaften Vater", der mit seinem Wunsch, gewissenhaft und gleichberechtigt an der Erziehung teilzunehmen vor allem überfordert ist und deshalb unsicher wird. Was übrigens auch an der Frau liegen könnte. Jeder zehnte Befragte gibt an, dass er in Erziehungsfragen von der Lebensgefährtin nicht akzeptiert wird. Ganz traditionell hält es noch jeder fünfte Kerl: 18 Prozent der Befragten haben überhaupt nicht vor, am hergebrachten Familienbild von Mann als Brötchenverdiener und der Frau als Hausmutter etwas zu ändern.

40 Prozent halten ihre Vaterrolle für misslungen

Daneben skizzieren Gumbinger und Bambey noch den "randständigen Vater", der in der Familie außen vor ist, und der "unsichere" Typ, der oft gereizt und ungeduldig auf die Wünsche von Frau und Kind reagiert. Die neue Väterlichkeit mündet bislang noch in einem "Alles geht, nichts funktioniert"-Zustand. Entsprechend empfinden 40 Prozent ihre Vaterrolle als misslungen oder lassen zumindest ein distanziertes Verhältnis erkennen.

Es verwundert kaum, dass unter der neuen Unsicherheit die Kinder leiden. Der Hamburger Lehrer und Autor Frank Beuster geht sogar so weit zu behaupten, dass es vor allem die Jungen sind, die unter dem unklaren männlichen Rollenbild leiden. "Väter müssen sich ihrer Verantwortung gegenüber ihren Söhnen bewusst sein", sagt er. Waltraud Cornelißen vom deutschen Jugendinstitut unterstützt Beusters These zwar nicht voll und ganz, sagt aber ebenfalls, Väter an der Erziehung der Kinder einen deutlichen Anteil haben müssten und ihr Rollenbild überdenken sollten.

Dass sie es nicht tun, hängt nach Ansicht der beiden Frankfurter Wissenschaftler vor allem mit den Väter der Väter zusammen: "Die Männer haben oft keine positiven Vorbilder, weil sie ihre eigenen Väter entweder als kaum präsent oder aber als extrem autoritär erlebt haben", sagt Gumbinger. Vatersein sei auch deshalb schwieriger geworden, "weil den Vätern heute Fähigkeiten abverlangt werden - wie zum Beispiel Einfühlungsvermögen -, die sie in ihrer Sozialisation nicht erworben haben."

Ein Drittel sind "partnerschaftliche Väter"

Dass sich die Herren dessen bewusst sind und es zumindest versuchen zu ändern, will der Kölner Väterforscher Martin Verlinden festgestellt haben: "Es wächst die Zahl derer, die Beruf und Erfolg als gleichwertig ansehen mit Familie und Kindern und die merken, dass ihre Lebensqualität deutlich steigt", sagt Verlinden. Wie auch die beiden Frankfurter Gumbinger und Bambey registriert er vielfältigere Väterrollen. "Wir treffen auf Väter, die sich sehr für ihre nicht-leiblichen Kinder einsetzen, auf nicht-verheiratete Männer mit Kindern oder getrennt lebende Männer, die weiter auf die Erziehung einwirken möchten." Diese Gruppe der "partnerschaftlichen Väter" macht in der neusten Studie vom Institut für Sozialforschung immerhin schon ein Drittel aller Befragten aus. Tendenz steigend.

Niels Kruse mit DPA