Studie Von der Grundschule in die Schulschwänzerkarriere


Sie fangen immer früher an, sie tun es immer häufiger, und auch die Mädchen machen mit: Schulschwänzer entwickeln sich zu einem Problem an deutschen Schulen. Jetzt ist das Phänomen erstmals untersucht worden.

Schulschwänzer werden zu einem Problem an deutschen Schulen - Die jüngsten gehen noch in die Grundschule. Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat jetzt in München eine der ersten wissenschaftlichen Studien zu dem Phänomen veröffentlicht. Inzwischen verlassen zehn Prozent aller Jugendlichen ohne Abschluss die Schule - Schuleschwänzen, so Experten, sei einer der Gründe dafür.

Die Forscher präsentierten überraschende Zahlen: Massive Schulverweigerer, die Wochen, Monate oder sogar Jahre lang dem Unterricht fern bleiben, fangen immer früher damit an. Inzwischen sind der Studie zufolge zwölf Prozent der Kinder und Jugendlichen zu Beginn ihrer "Schulschwänzerkarriere" jünger als zwölf Jahre. Und der überwiegende Teil der Unterrichtsverweigerer - 61 Prozent - ist zwischen 12 und 14 Jahre alt. Ältere Schüler machen lediglich ein Viertel der Schwänzer aus.

Verteilung zwischen Jungen und Mädchen ist relativ ausgeglichen

Und noch etwas überraschte DJI-Forscherin Elke Schreiber: "Die Verteilung zwischen Jungen und Mädchen ist relativ ausgeglichen." Über die Zahl der Schulschwänzer gibt es laut Projektleiter Frank Braun bislang keine verlässlichen Angaben in Deutschland. "Wir können also auch nicht sagen, ob das Schuleschwänzen zugenommen hat oder nicht", so Frank. Alle kursierenden Zahlen, die teilweise von fünf bis zehn Prozent Schwänzern an Hauptschulen ausgehen, seien mit Vorsicht zu genießen. "Das Phänomen hat erst in den letzten Jahren breit an Bedeutung gewonnen", sagt Braun.

Deshalb werde nun mit größerer Sensibilität genau hingeschaut, was den Eindruck einer Zunahme erwecke. Die Zahl geht jedoch sicher in die Tausende. Von 5113 auffälligen Schulschwänzern berichtete jüngst das sächsische Kultusministeriums für das Jahr 2004. In Berlin fehlten im ersten Halbjahr 3,6 Prozent der Schüler 20 Tage und länger. In Niedersachsen haben nach einer Umfrage des Kultusministeriums von 2003 rund 42 Prozent der Schüler schon mal blau gemacht. In Bayern griff die Polizei im vorherigen Schuljahr 1529 Schulschwänzer auf. "Die Dunkelziffer ist sicher um einiges höher", sagt der Sprecher des bayerischen Kultusministeriums, Ludwig Unger. "In der Tat gibt es keine verlässlichen Zahlen, wie hoch die Zahl der Schulschwänzer ist", fügt er hinzu.

Schulen reagieren mit einem Ausschluss vom Unterricht

Oft seien die Fälle nicht eindeutig erkennbar. Auch die Jugendforscher berichten, dass die Schüler oft mit Entschuldigungen der Eltern, Attesten von Ärzten oder durch Schulwechsel nicht immer auffielen. Oft reagierten zudem Schulen mit einem Ausschluss vom Unterricht.

Das Problem gewinnt angesichts des knapper werdenden Lehrstellenangebotes zunehmend an Schärfe. Nur elf Prozent der Hauptschüler ohne Abschluss haben laut der DJI-Untersuchung derzeit Aussicht, einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Mit einem Hauptschulabschluss oder dem Qualifizierten Hauptschulabschluss sind es insgesamt sechs Mal so viele. "Wenn man etwas tun will, muss man entsprechend früh anfangen", so DJI-Forscher Braun mit Blick auf das niedrige "Einstiegsalter" der Schwänzer.

Seine Expertengruppe hat bei der Befragung von über 300 Schulverweigerern - laut Braun "harten Fällen" - wichtige Informationen gewonnen: "Hier geht es nicht um eine geschwänzte Religionsstunde, sondern um Kinder die sich dem Unterricht konsequent widersetzen", so der Forscher. Demnach beginnt ein Großteil der "Schulschwänzerkarrieren" direkt mit dem Wechsel von der Grundschule zur weiterführenden Schule.

Das Hauptproblem besteht der Studie zufolge an Haupt- und Förderschulen. Viele Schüler leiden offenbar darunter, von der gut behüteten Grundschule in eine neue Klasse mit zahlreichen verschiedenen Lehren zu kommen. Angst vor der Schule, vor Lehrern oder Mitschülern seien für viele Schwänzer Grund für das Fernbleiben. "Zum Schulverweigerer wird man nicht über Nacht", sagt DJI-Expertin Elke Schreiber. Meist beginne das Problem mit häufigen Verspätungen, psychosomatischen Krankheiten, zunehmenden Fehlzeiten. "Es gibt nicht den typischen Schulverweigerer", sagt Schreiber.

Kontaktschwierigkeiten und Versagensängsten

Betroffene Jungen wie Mädchen litten aber oft unter Kontaktschwierigkeiten, einer niedrigen Frustrationsschwelle, Versagensängsten, aber auch unter asozialem Verhalten bis hin zu kriminellen Delikten. Die Forscherin verwies jedoch auf zahlreiche positive Beispiele von Schulen in ganz Deutschland, die dem Problem mit pädagogischen Maßnahmen begegneten.

Zu den wirkungsvollsten Gegenmaßnahmen seien Fördergruppen "weit weg vom Schulgebäude". Dort hätten die betroffenen Schüler nicht mehr das Gefühl, Außenseiter zu sein. In der Regel könnten Kinder nach sechs bis zwölf Monaten in den normalen Schulbetrieb wieder eingegliedert werden. Allerdings sei auch diese Methode nicht frei von Rückschlägen, sagt die Jugendforscherin. "Der Großteil schafft aber eine soziale Stabilisierung."

Michael Pohl/AP AP

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