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Studie zur "Jugendsexualität 2010": Lieber noch ein bisschen warten...

Mädchen und Jungen haben heute später und weniger Sex als vor fünf Jahren - eine repräsentative Studie widerlegt das Klischee von der Generation Porno. Jungen aus Migrantenfamilien sind allerdings früher und häufiger sexuell aktiv als deutsche Gleichaltrige.

Küssen und Kuscheln ja, aber noch kein Sex: Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren lassen sich in Deutschland heute mehr Zeit für das "erste Mal" als noch vor ein paar Jahren. Und wenn es passiert, dann verhüten sie besser als jemals zuvor. Das sind die zentralen Ergebnisse der am Donnerstag vorgestellten Studie "Jugendsexualität 2010". Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zeichnet darin das Bild einer aufgeklärten Jugend, die beim Sex offenbar zunehmend auf Treue und Liebe setzt. Berichte über eine angeblich sexuell verrohte Generation straft die Studie hingegen Lügen.

"Annahmen, wonach immer mehr junge Menschen immer früher sexuell aktiv werden, bestätigen sich nicht", kommentierte BZgA-Direktorin Elisabeth Pott die Umfrage, die bereits zum siebten Mal erhoben wurde. Stattdessen zeige sich, dass seit Mitte der neunziger Jahre die sexuelle Aktivität der Jugendlichen stagnierte und jetzt sogar rückläufig sei.

Verglichen mit der letzten Erhebung von 2005 sank bei den 14-jährigen Mädchen der Anteil derer, die bereits Geschlechtsverkehr hatten, deutlich von zwölf auf sieben Prozent, bei den gleichaltrigen Jungen sogar von zehn auf vier Prozent. Auch bei den 17-jährigen Mädchen reduzierte sich der Anteil derjenigen mit Sex-Erfahrungen um sieben auf 66 Prozent, bei den Jungen dieser Altersgruppe blieb er mit 65 Prozent nahezu konstant.

Als Grund für ihre Zurückhaltung geben die Jugendlichen vor allem an, den "Richtigen" oder die "Richtige" noch nicht gefunden zu haben. Für zwei Drittel der Mädchen ist das sogar der Hauptgrund. Jungen steht zudem oft die eigene Schüchternheit im Wege und die "Angst, sich ungeschickt anzustellen".

Das Bedürfnis nach einer festen Bindung, nach Liebe und Treue mag also mit ein Grund dafür sein, dass viele Mädchen und Jungen beim ersten Sex eher abwarten. So erlebt inzwischen mehr als jeder zweite Junge (58 Prozent) seinen ersten Sex mit einer festen Partnerin, vor 30 Jahren lag der Anteil nur bei 41 Prozent. Auch der Anteil derer, die vom ersten Geschlechtsverkehr "völlig überrascht" wurden, ist seit der letzten Erhebung 2005 deutlich zusammengeschrumpft.

Auch die Verhütung überlassen die wenigsten dem Zufall: Nur acht Prozent der Mädchen und Jungen geben an, beim ersten Sex keine Verhütungsmittel benutzt zu haben. Das ist der bisher niedrigsten Wert seit Beginn der repräsentativen Erhebung 1980. Damals lag dieser Anteil mit 20 Prozent bei den Mädchen und 29 Prozent bei den Jungen um ein Vielfaches höher. Außerdem verhüten Jungen beim ersten Mal mittlerweile ebenso gut wie Mädchen. Das Kondom ist nach wie vor das Einstiegsverhütungsmittel Nummer eins.

Aufklärt werden die Jugendlichen vor allem durch ihre Eltern, aber zunehmend auch durch die Schule. Mindestens drei Viertel der Jugendlichen geben an, dass ihre Kenntnisse über Sexualität, Fortpflanzung und Verhütung aus dem Unterricht stammen - keine andere Quelle wird häufiger genannt. "Das einmalige verschämte Aufklärungsgespräch von früher ist endgültig vorbei", betont Elisabeth Pott. Vor allem Jungen nutzen zudem das Internet, um Wissenslücken zu füllen.

Ein erschütterndes Ergebnis der Studie ist hingegen, dass 13 Prozent der deutschen Mädchen nach eigenen Angaben bereits Erfahrung mit sexueller Gewalt machen mussten. Bei Mädchen aus Migrantenfamilien berichten sogar 19 Prozent über Situationen, in denen sie sich gegen unerwünschte sexuelle Übergriffe zur Wehr setzen mussten. Für die Studie wurden insgesamt 3542 Jugendliche befragt, darunter auch 1014 Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund.

Andrea Hentschel, APN (mit DPA)
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