HOME

Studien zur Einheit: Die Deutschen sind wankelmütig

Die Deutschen sind ein wankelmütiges Volk. Die Freude über die völlig unerwartete Sensation des 20. Jahrhunderts - den Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 - ist 20 Jahre danach groß, aber nicht einhellig und ungetrübt.

Die Deutschen sind ein wankelmütiges Volk. Die Freude über die völlig unerwartete Sensation des 20. Jahrhunderts - den Fall der am 9. November 1989 - ist 20 Jahre danach groß, aber nicht einhellig und ungetrübt. Folgt man den Meinungsforschern allein in diesem Jahr, schwanken die Deutschen in Ost und West im Wechselbad ihrer Gefühle und Einschätzungen hin und her. Je näher das Jubiläumsdatum rückt, desto positiver wird die deutsche Wiedervereinigung beurteilt. Die Freude über den Wegfall des menschenverachtenden DDR-Grenzregimes wird danach in der gesamten Republik von rund 80 Prozent der Deutschen geteilt. Doch noch am 16. September wünschte sich nach einer Forsa-Umfrage im Schnitt jeder siebte Bundesbürger die Mauer zurück. Denn die Lebensrealität wird deutlich kritischer beurteilt. Das Gefühl der Ostdeutschen von «Menschen zweiter Klasse» ist in allen Umfragen präsent.

Als «gesamtdeutsch» sehen sich - nicht überraschend - nur die «Nachwende-Geborenen». Für 80 Prozent der 14- bis 19-Jährigen spielt die Herkunft heute keine Rolle mehr, ließ die «Welt am Sonntag» Ende Oktober erfragen. Bei den Älteren war Anfang des Jahres die Frustration noch ziemlich groß. Am 2. Januar ermittelte das Meinungsforschungsinstitut Forsa, dass immerhin 54 Prozent der Ostdeutschen «von dem Erreichten enttäuscht» seien. Nur 46 Prozent waren der Meinung, dass sich ihre persönlichen Lebensverhältnisse verbessert hätten. 1989 erwarteten dies noch 71 Prozent der Menschen in der . Jeder vierte der 502 befragten Ostdeutschen (1008 insgesamt) meinte, dass es den Menschen in den fünf neuen Ländern heute schlechter gehe als 1989.

Dazu passt, dass das Emnid-Institut im Juni herausfand, dass die Hälfte der Ostdeutschen die DDR positiv sieht. 49 Prozent der mehr als 600 Befragten in den neuen Ländern fanden, dass die DDR mehr gute als schlechte Seiten hatte. Weitere 8 Prozent gaben zu Protokoll, die DDR habe fast nur gute Seiten gehabt. Von den Befragten aus dem Westen teilten nur 18 Prozent diese Sicht. Die Universität Leipzig untermauerte im September durch eine Umfrage unter 2512 Ost- und Westdeutschen, dass sich die Ostdeutschen in der Bundesrepublik nach wie vor nicht genügend anerkannt und gewürdigt sehen. Danach fühlten sich 60,5 Prozent der Ostdeutschen als «Deutsche zweiter Klasse» behandelt. Dagegen sahen das nur 29 Prozent der Westdeutschen so.

Ebenfalls im September stellte das Institut für Demoskopie Allensbach fest, dass auch 20 Jahre nach dem Mauerfall die meisten Ostdeutschen überzeugt seien, dass die Unterschiede zwischen Ost und West größer seien als die Gemeinsamkeiten. 63 Prozent der Ostdeutschen (insgesamt 1020 aus Ost und West) äußerten sich so. Viele von ihnen sind danach enttäuscht, dass Ostdeutschland bei Einkommen und Produktivität noch nicht so aufgeschlossen hat, die Arbeitslosigkeit höher ist und ganze Landstriche in den neuen Ländern aufgrund der Abwanderung von jungen Leuten überaltern. 61 Prozent betonten, die DDR sei ein Unrechtsstaat gewesen.

Auf ganz andere Spurensuche begab sich die Lieblingszeitschrift der Ostdeutschen «Superillu» zum Mauerfall-Jubiläum. Sie ließ 80 Ostdeutsche zwischen 18 und 70 Jahren «auf der Couch» tiefenpsychologisch befragen. Das Fazit des Kölner rheingold Instituts, das es am Donnerstag vorstellte: «Stark, krisenfest, unterschätzt: Die Ostdeutschen 20 Jahre nach der Wende».

Die Studie handele von Menschen, hieß es in der Pressemitteilung, «die sich trotz widrigster Umstände durch ihren Biss und ihre Unbeugsamkeit immer wieder aufgerappelt haben». Die (westdeutschen) Forscher sprachen vom ostdeutschen «trotzigen Stehaufmännchen» - «Menschen, die nicht jammern, sondern auch in schweren Zeiten den Mut haben, selbstständig ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen.»

Kritisch merken die beteiligten Psychologen an, dass die Westler immer nur ihre wirtschaftlichen Transferleistungen im Blick hätten. «Ausgeblendet wird dagegen die seelische Transferleistung der Ostler: Sie haben in den letzten zwei Jahrzehnten - salopp formuliert - den Übergang vom Internat ins Internet geschafft.»

Kirsten Baukhage/DPA / DPA