VG-Wort Pixel

Suchtkranke in Essen Straßefegen für Dosenbier und eine Mahlzeit


Ungewöhnliche Maßnahme für schwierige Fälle: Schwer therapierbare Suchtkranke sollen in Essen die Stadt sauber halten. Sie bekommen dafür Dosenbier und eine Mahlzeit - und Struktur in ihr Leben.

Um jene Suchtkranken zu erreichen, die sonst durch das Raster fallen, startet die Stadt Essen ein ungewöhnliches Projekt: Wer Müll sammelt und die Straße fegt, kann in der Anlaufstelle der Suchthilfe außer einer Mahlzeit auch ein Bier pro einstündigem Arbeitseinsatz bekommen.

Mit dem Pilotprojekt, das in dieser Woche angelaufen ist, will die Suchthilfe Drogenabhängige erreichen, die ansonsten ihre Zeit auf den stadtbekannten Plätzen verbringen und nur schwer anzusprechen sind. "Das wichtigste Ziel für diese Menschen ist es, dass sie wieder Struktur in ihren Tag bekommen", sagt Bärbel Marrziniak, stellvertretende Geschäftsführerin der Essener Suchthilfe Direkt.

Das Bier ist ein Lockmittel

Mit Hilfe von Ansprechpartnern und leichten Arbeiten soll dies gelingen. Als sogenannte Ein-Euro-Jobber bekommen sie einen Stundenlohn von 1,25 Euro. "Weil sie eine geringe Verpflegungspauschale entrichten, ist das Bier auch keine Bezahlung", betont Marrziniak.

Und doch ist es ein Lockmittel: "Die kommen hier nicht an, wenn wir uns der Tatsache verschließen, dass die morgens ihr Bier brauchen, um in Schwung zu kommen", sagt sie. "Schadensreduzierung" heißt es im Konzeptpapier zu dem "Pick up" genannten Projekt. Es handele sich nicht um ein Therapiekonzept, sondern um einen pragmatischen Lösungsansatz.

Ideengeber für das Essener Projekt war die Arbeit einer Hilfsorganisation aus Amsterdam. Vor eineinhalb Jahren startete "De Regenboog Groep" eine ähnliches Projekt: Etwa 25 Alkoholkranke räumen auf den Straßen der niederländischen Stadt Müll weg und bekommen dafür über den Tag verteilt bis zu sechs Dosen Bier ausgehändigt.

"Ein lohnenswertes Pilotprojekt"

"Das Projekt ist ein Erfolg", sagt Chulah Berkowitz, Sprecherin der Organisation. Die Menschen seien beschäftigt statt rumzuhängen, sie fühlten sich gebraucht und seien endlich in der Reichweite der Helfer. "Wir haben auch schon Leute, die inzwischen Arbeit angenommen haben, für die es Geld gibt statt Bier", sagt sie.

Ähnliches wollen auch die Essener erreichen. Seit einigen Monaten hat die Suchthilfe ihre Idee den unterschiedlichen Stadtratsfraktionen präsentiert. "In der Stadt Essen herrscht Konsens, dass das ein lohnenswertes Pilotprojekt ist", sagt Marrziniak.

Die Lage der Zielgruppe ist dramatisch: Eine Befragung der Suchthilfe zu Jahresanfang habe ergeben, dass die meisten unter ihnen seit vielen Jahren illegale Drogen nehmen, häufig Begleiterkrankungen haben. Und: Die meisten trinken regelmäßig Alkohol.

Sind sie angelockt, kann die Therapie beginnen

Schon vor mehr als einem Jahr gestattete die Anlaufstelle der Essener Suchthilfe daher ihren Klienten in den Räumen auch mitgebrachten Alkohol zu trinken. Erlaubt sind Bier und Wein. "Sie trinken nicht mehr heimlich und auch weniger", sagt die Sozialarbeiterin Marrziniak. Bundesweit setzen Kommunen mit sogenannten Trinkräumen auf eine ähnliche Herangehensweise.

"Wir haben jedoch festgestellt, dass denen das Konzept fehlt", kritisierte Marrziniak. "Mit Pick-Up wollen wir mehr, als den Leuten nur Alkohol geben." Vielmehr hofft die Suchthilfe den Menschen wieder Struktur und Sinn in ihrem Alltag zu vermitteln. Sind sie erstmal da, könnten auch Therapie und Beratungsangebote gemacht werden. "Aber für viele ist das erstmal weit weg. Wir setzen ganz, ganz unten an", sagt Marrziniak. "Wir haben hier auch die Aufgabe von Elendsverwaltung."

Am ersten Tag will keiner Bier

Vier Männer und zwei Frauen hätten sich angemeldet. "Sie haben ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße und die meisten machen auch wegen dem Bier mit."

In den Pausen gibt es Gespräche, ein Frühstück und eine warme Mahlzeit - auf Wunsch eben mit Dosenbier. Zum Start habe von dem Alkohol-Angebot aber keiner der Teilnehmer Gebrauch gemacht, sagt Projektleiter Oliver Balgar am Donnerstag.

"Sie sind sehr dankbar, dass man ihnen noch eine Chance gibt", sagt Balgar. Auch der positive Zuspruch, der den Teilnehmern auf der Straße von Bürger entgegen gebracht worden sei, mag für den Anfang Antrieb genug zuwesen sein: "Sie waren jedenfalls am zweiten Tag pünktlich und vollzählig. "Ist doch besser als an der Ecke zu stehen", sagen sie".

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen betrachtet das Projekt mit Neugier. Solange es gelänge, positive Effekte für Suchtkranke zu erzielen, sei der Ansatz sinnvoll. "Das muss mehr sein als der Verdienst im Ein-Euro-Job und die Möglichkeit, dort Bier zu trinken", sagt Geschäftsführer Raphael Gaßmann. Und Suchtkranken ausgerechnet ihr Suchtmittel auszuschenken? "Eine chronische Abhängigkeit anzuerkennen, ist nicht per se falsch. Die Verantwortlichen müssen nur darauf achten, den Suchtstoff nicht zum Zahlungsmittel werden zu lassen."

Florentine Dame/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker