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Suchtkranke Jugendliche: Weihnachten einmal ohne Drogen

Sie sind jung, manche sogar noch Kinder. Und dennoch haben sie alle schon eine Alkohol- oder Drogenkarriere hinter sich. Jetzt leben sie in einer Einrichtung. Wie feiern sie Weihnachten, das Familienfest? Ein Ortstermin.

Von Philipp Engel

Im vergangenen Jahr war Weihnachten Mist. Ben* war bei einem Freund. Weil die beiden die Freundin des Vaters hassten, klauten sie ihr Geld. Das gab Ärger, Stress. Danach schossen sich die beiden ab. Mit Drogen. "Das lief alles nicht so gut", sagt der heute 18-Jährige. Auch für Sebastian* war das Fest 2008 wenig besinnlich. Tagsüber schlug er die Zeit auf seinem Zimmer tot, bei der Bescherung wurde wieder gestritten, später zog der 15-Jährige mit einem Kumpel um die Häuser, machte die Nacht durch. Auch er war den ganzen Abend auf Droge. Auf Heroin.

Dieses Weihnachten ist anders. Ben und Sebastian leben jetzt in einer weiß getünchten Villa im Hamburger Stadtteil Moorfleet, dem "Come in!". Die Fachklinik und Therapie-Einrichtung soll suchtkranken Kindern und Jugendlichen helfen, von den Drogen wegzukommen. Zwischen 14 und 21 Jahre alt sind die "Klienten" hier.

Bushido-Poster statt Adventskalender

Früher diente das Haus als Bootshalle, später war es ein Bordell. Mittelpunkt der Villa ist eine große Halle. Hier ist eine Bühne aufgebaut, zwei Bäume wachsen bis unter die Decke. Am Rand stehen die Esstische, es gibt eine Sofaecke und zwei Billardtische. Auf einem Ständer trocknet fast immer Wäsche. Über eine Holztreppe kommt man zu den Zimmern der Jugendlichen im ersten Stock. Von weihnachtlicher Atmosphäre ist dort nichts zu spüren. Statt Adventskränze oder Lichterketten hängen in den Räumen Bravo-Poster von Bushido und vom HSV.

Besonders beliebt bei den Jugendlichen ist die Veranda an der Seite der Villa; hier darf man rauchen. Derzeit leben in dem Hamburger Haus 34 Jugendliche. Bis zu zwei Jahre können sie hier bleiben, sich stabilisieren, sich wieder in ein normales Leben integrieren. 15 solcher Einrichtungen gibt es in Deutschland.

Weihnachten gilt als Fest der Liebe, als Fest der Gefühle, man feiert die heile Welt. Für viele der Jugendlichen im "Come in!" ist das nur schwer auszuhalten. Mitunter haben sie trotz ihrer jungen Jahre lange Drogenkarrieren hinter sich, demonstrative Besinnlichkeit ist der Szene fremd. Von ihren Familien sind sie enttäuscht. Die heile Welt erscheint unendlich weit entfernt. Weihnachten ist für sie weniger Fest als emotionale Herausforderung. "Man spürt seine Einsamkeit mehr, man braucht auch mehr Nähe", sagt Ben. "Mit den Therapeuten haben wir über echte Freunde gesprochen", sagt Sebastian, "und da ist mir klar geworden, dass ich draußen keinen einzigen Freund hatte."

Die Atmosphäre ist angespannt. "Klar, es gibt es auch besinnliche Momente", sagt Ben. "Aber die halten nicht lange an." Vor ein paar Tagen haben sie sich im Park der Villa eine Schneeballschlacht geliefert. Toll sei das gewesen, berichtet der 18-Jährige. Dann kippte die Stimmung, und die Jugendlichen schrien sich gegenseitig an. Ben sagt, dass die viele Zeit dazu verführe, mehr Unsinn zu machen. In der Einrichtung gibt es dafür sogar ein eigenes Wort. "Wegspacken", sagen sie hier, wenn sie ihre Gefühle mit Faxen betäuben wollen. Weihnachten ist Wegspackzeit. Im Advent wird die Therapie besonders häufig abgebrochen.

Weihnachten therapeutisch aufgegriffen

Im "Come in!" bringen die Feiertage den Ablauf durcheinander. Die übrigen Tage des Jahres sind in der Klinik strikt durchgeplant. Aber Weihnachten lässt viel Freiraum, Zeit zu grübeln, Zeit zu zweifeln. Deswegen haben die Bewohner des Hauses selbst eine Tagesstruktur für diese Zeit entworfen. Auch an den Feiertagen wird nun zwischen 8 und 9.30 Uhr aufgestanden. In der Therapiestunde haben die Jugendlichen einen Weihnachtsbaum gemalt und die Äste und die Kerzen beschriftet. Sie haben dort Wünsche aufgeführt, die man nicht kaufen kann. "Gefühle", steht auf einem Ast, "authentisch sein" auf einem anderen, und: "Sicherheit".

Wie Weihnachten sein kann, ohne Zoff, Suff und Drogen, erlebten sie das erste Mal an Nikolaus. Die Theatergruppe führte etwas auf, dann wurde gesungen. Jugendliche, die zum Teil kriminelle Drogenkarrieren hinter sich haben, sangen friedlich "Oh, du Fröhliche". Sie kamen sich dabei nicht komisch vor, es fühlte sich nicht falsch an, wirkte diesmal nicht heuchlerisch. Sogar ein verkleideter Nikolaus schaute noch vorbei und brachte Geschenke. "Das hatte schon etwas Kindliches, aber es hat allen gefallen", sagt Ben.

Nikolaus war ein Testlauf, nun kommt Heiligabend. Vormittags schmücken sie im "Come in!" den Tannenbaum, backen dann Plätzchen, bauen vielleicht einen Schneemann. Am Nachmittag macht die gesamte Gruppe einen Spaziergang, während die Betreuer Geschenke unter den Baum legen. Wer will, kann in die Kirche gehen. Ihr Festessen kochen die Jugendlichen selbst. Danach gibt es die Bescherung; jeder muss für ein Geschenk eine kleine Leistung erbringen, zum Beispiel ein Gedicht aufsagen. Was für Millionen deutscher Kinder jedes Jahr ein normales Weihnachten bedeutet, müssen viele "Come in!"-"Klienten" erst noch lernen.

Aggressionen sind Weihnachten zwar selten, sagen die Betreuer, aber die meisten Jugendlichen werden traurig, sie denken an ihre Familien. Erst am zweiten Weihnachtsfeiertag dürfen die Eltern in die Einrichtung kommen. Es gibt Kaffee und Kuchen, und man feiert gemeinsam mit den anderen Familien in der großen Halle.

Bei manchem ist Vorfreude auf das Fest gedämpft. "Ich mache mir keine großen Hoffnungen, dass das ein toller Tag wird", sagt Sebastian. "Aber ich denke auch nicht, dass es scheiße wird." Ben dagegen glaubt, dass sich die Stimmung noch bessert: "Dass man die Zeit gemeinsam mit Plätzchenbacken verbringt, stell ich mir cool vor."

*Namen von der Redaktion geändert