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Tabu-Bruch: Frauen ohne Kopftuch in Moschee

In islamischen Ländern ist es Sitte, dass Männer und Frauen getrennt voneinander in verschiedenen Moscheen beten. In der Türkei hat sich eine Gruppe nicht nur über diese Regel hinweg gesetzt.

In der Türkei bleiben die Männer beim Gebet in der Moschee unter sich. Wenn Frauen am Freitagsgebet teilnehmen, dann streng getrennt - und den Kopf natürlich bedeckt. Umso mehr Aufsehen erregte jetzt eine bunt gemischte Gruppe von Männern und Frauen, die in einer Reihe aufgestellt in einer Istanbuler Moschee betete. Besonders pikant an dem Foto, das wie ein Lauffeuer durch die Zeitungen ging: Unter den Frauen, die ihr Haar in der Moschee offen zur Schau trugen, erkannten aufmerksame Betrachter die Frau von Cüneyd Zapsu - seines Zeichens Berater des islamisch-konservativen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Der Imam der Subasi-Moschee im asiatischen Stadtbezirk Üsküdar, in der im 17. Jahrhundert gelegentlich Sultan Mehmet IV. das Freitagsgebet verrichtete, wurde nach dem Aufsehen erregenden Tabu-Bruch von der Polizei verhört. Er wisse nicht, wer der "Anführer" der Gruppe sei und kenne auch sonst niemanden. Allen Ermahnungen zum Trotz seien die Frauen auch weiterhin ohne Kopftuch zum Gebet erschienen, sagte Imam Ahmet Yilmaz der türkischen Zeitung "Hürriyet". "Unsere Aufgabe ist es, die Gläubigen richtig zu unterweisen. Dennoch werden wir niemanden vertreiben, der zum Gebet in die Moschee kommt."

Aufstand der Bildungsbürger

Einer der "Abtrünnigen", Ahmet Küre, ein Zahnarzt im Ruhestand, gab sich am Mittwoch öffentlich zu erkennen. "Wir gehören keinem Orden an und haben auch keinen Anführer." Die Gruppe treffe sich schon seit längerer Zeit, zum Gespräch, zum Teetrinken und zum gemeinsamen Gebet. "Die meisten von uns sind Hochschulabsolventen, können mindestens zwei Sprachen. Wir sind gebildete Menschen, die den Republikgründer Atatürk zum Vorbild haben. Deshalb kommen die Frauen ohne Kopftuch zum Gebet."

Ein Aufschrei der Empörung in der trotz Trennung von Staat und Religion weitgehend islamisch geprägten Türkei blieb bislang aus. Auffällig moderat reagierten die Religionsbehörden auf die geheimnisumwitterte Gruppe. Er nehme "diese Handvoll Außenseiter" nicht ernst, sagte der Mufti von Istanbul, Mustafa Cagrici. Allerdings sei er dagegen, was sie machten. "Allen Islamgelehrten zufolge hat solch ein Gebet keine Gültigkeit. Frauen beten nicht ohne Kopfbedeckung." Als "falsch" wertete die Behörde für religiöse Angelegenheiten in Ankara das Verhalten der auf 30 bis 40 Mitglieder geschätzten Gruppe. Es sei nicht akzeptabel, die überlieferten Regeln in dieser Form zur Diskussion zu stellen und nach Alternativen zu suchen.

Noch vor vier Jahren hatte dagegen ein von der Behörde für religiöse Angelegenheiten einberufener Rat von Islamgelehrten die Gleichheit von Mann und Frau unterstrichen und Frauen ausdrücklich das Recht zugestanden, an rituellen Gebeten teilzunehmen. Für Aufsehen sorgte damals die Abgeordnete Gönül Saray Alphan von der Demokratischen Linkspartei (DSP), als sie als erste Frau an einem Freitagsgebet in der Moschee des Parlaments in Ankara teilnahm. Allerdings verrichtete sie das Gebet in der letzten Reihe und in einiger Distanz zu den männlichen Parlamentskollegen. Wichtiger noch: Sie zog vor Betreten der Moschee ein Kopftuch über.

Ingo Bierschwale/DPA / DPA