Teddy-Lehrerin "Ich hatte wirklich Angst"


Ihre Zelle waren unerträglich heiß, voller Rattenkot und Mücken. In der ersten Nacht hatte sie nicht mehr bei sich als eine Bluse, Wickelrock und Schal: Die Britin Gillian Gibbons hat in englischen Zeitungen von ihrer Haft im sudanesischen Gefängnis erzählt.
Von Cornelia Fuchs

Gillian Gibbons hat die Teddybären ihrer Grundschulklasse bisher immer "Barnaby" genannt: "Aber irgendwie schien mir das im Sudan unpassend", sagt sie heute. Stattdessen wollte sie ihre Klasse in der Unity High School in Khartum selber einen Namen aussuchen lassen für das Stofftier, das die Kinder animieren sollte, kleine Aufsätze über Ausflüge mit dem Bären zu schreiben. Die 23 Grundschüler wählten den Namen Mohammed. Und zwei Monate lang erregte dies keinen Anstoß, kein Elternteil beschwerte sich. Das Tagebuch des Bären "Mohammed" füllte sich mit Fotos und Geschichten.

Zwei Monate lang war alles in Ordnung

Bis eine Sekretärin an der Unity High School entschied, dass dies der ideale Anlass sei, um ihre persönlichen Animositäten mit dem Schuldirektor auszutragen. Sie meldete den Bären und damit Gillian Gibbons dem Erziehungsministerium. Die Geschichte begann, außer Kontrolle zu geraten. Denn da im Sudan Teddybären als Kinderspielzeug so gut wie unbekannt sind, verselbständigten sich die Fakten. Aus dem Spielzeug wurde, vor allem in den Berichten der sudanesischen Presse, ein lebendes Wesen - und plötzlich schien es so, als habe die Britin Gibbons ein Tier nach dem Propheten genannt. Im Sudan ist die Darstellung Mohammeds streng verboten.

Am Morgen des 25. November wurde sie von fünf bewaffneten Polizisten festgenommen. Sie konnte gerade noch einen Schal greifen, dann wurde sie abgeführt. Nach mehreren Stunden Verhör wurde sie in eine nach außen offene Zelle eingesperrt. Sie hatte keine Ahnung, was mit ihr gerade passierte, verstand das Arabisch der Gefängniswärter nicht. "Ich hatte gerade erst drei Stunden Arabischunterricht hinter mir", erzählte sie der englischen Sonntags-Zeitung "Observer". "Und wir waren noch nicht bis zum Kapitel 'Was tun, wenn man gefangen genommen wird' gekommen."

Angst vor einer Vergewaltigung

Die Zelle war dreckig, überall liefen Ameisen herum, in einer Ecke gab es ein offenes Toilettenloch. Durch eine Lampe wurden hunderte Moskitos angezogen und zerstachen Gillian Gibbons von unten bis oben. "Als es dunkel wurde, wurde es wirklich kalt. Und ich hatte nur meinen Schal. Ich hatte wirklich Angst und weinte. Ich konnte nicht schlafen. Um vier Uhr morgens habe ich angefangen, einfach nur in der Zelle herumzugehen, immer wieder, um mich warm zu halten." Ihr Essen waren Käse-Brote, die Angestellte der Schule für sie zurückgelassen hatten.

Die Situation besserte sich etwas am nächsten Tag, als der britische Konsul zu Besuch kam. Dennoch hatte Gibbons Angst, besonders, als die Proteste und Rufe nach harter Bestrafung in den Straßen Khartums zunahmen: "Da beginnt man sich alles vorzustellen, zum Beispiel, dass einer der Wärter mir mal zeigen würde, was er von dem Ganzen hält. Ich hatte Angst, vergewaltigt zu werden - auch, wenn ich dafür eigentlich keinen Anlass hatte. Ich wurde nie misshandelt."

Prozess war "surreale" Erfahrung

Am fünften Tag wurde sie dem Gericht vorgeführt, eine sehr surreale Erfahrung, wie Gillian Gibbons sich erinnert: "Nach einer Weile kam ein Angestellter des Gerichts und holte diesen Teddybär aus einer Tasche. Er setzte ihn auf den Tisch vor mir und der Bär fiel um und der Anwalt der Anklage stellte ihn wieder auf. Und dann zeigte er auf den Bären und fragte mit todernster Miene: 'Ist das der Bär?' Man konnte den Bären fast zittern sehen, als wenn er auch vor Gericht stände mit seinem kleinen Schul-T-Shirt. Ich musste lachen, aber es war nicht wirklich lustig."

Gibbons wurde zu 15 Tagen Gefängnis verurteilt: "Das war als würden mich zehn Schwerlaster überfahren." Erst als zwei Mitglieder des britischen Oberhauses in den Sudan reisten, um über Gibbons Begnadigung zu verhandeln, verbesserte sich ihre Lage: "Da bekam ich ein Bett und eine Toilette mit Sitz. Es ist unglaublich, wie luxuriös ein Toilettensitz sein kann!" Gibbons wurde jeden Tag in eine andere Polizeistation verfrachtet, um Angriffe auf sie zu verhindern. Nach acht Tagen im Gefängnis wurde sie begnadigt.

Nächstes Ziel - vielleicht China?

Trotz ihrer Erfahrungen bedauert Gillian Gibbons ihre Zeit im Sudan nicht: "Die Menschen haben dieses Bild vom Sudan, voller hungernder Menschen. Aber tatsächlich ist Khartum nicht viel anders als zum Beispiel Liverpool. Als ich dort ankam, habe ich wirklich gute Freunde gefunden, ich war gerade dabei, mich heimisch zu fühlen, meine Wohnung zu dekorieren. Es war eine wirklich gute Zeit." Und sie sagt, sie sei selbst verantwortlich für das, was geschehen ist: "Ich hätte das nicht tun sollen. Mein Nichtwissen über die Gesetze des Landes schützt nicht vor einer Strafe."

Gillian Gibbons will sich wieder als Englisch-Lehrerin im Ausland bewerben. Vielleicht, so sagte sie dem "Observer", gehe sie diesmal nach China.


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