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Temposünder Löw, Doppelwähler di Lorenzo: Wo sind sie hin, meine Vorbilder?

Löw ist nach zu viel Raserei auf deutschen Straßen ohne Lappen. Giovanni di Lorenzo sagte sich bei der Europawahl "Ich bin zwei Wähler". Was ist los in diesem Land? fragt sich Kester Schlenz.

Ihre Vorbildfunktion haben Jogi Löw (l.) und Giovanni di Lorenzo für unseren Autor verloren

Ihre Vorbildfunktion haben Jogi Löw (l.) und Giovanni di Lorenzo für unseren Autor verloren

Die Welt ist aus den Fugen geraten. Es gibt in Deutschland keine Vorbilder mehr. Jogi Löw ist den Lappen los. Der Mann, der Kevin Großkreutz väterlich streng tadelte, weil der in Hotelhallen harnte, fährt Auto wie ein Rüpel. 18 Punkte in Flensburg. Wow – das kenne ich sonst nur von jungen Flegeln mit teilrasierten Schädeln, die Papis BMW für illegale Rennen missbrauchen.

Und dann auch noch Giovanni di Lorenzo. Mein journalistischer Fixstern. Die perfekte Kompetenz-Coolness-Paarung. Er ist einfach zweimal wählen gegangen. Er kann es nicht willentlich getan haben. Nicht mein Giovanni. Er muss an einer Persönlichkeitsspaltung leiden. Wahrscheinlich ist er am Morgen der Europawahl als Italiener aufgewacht, hat sich schnell noch einen doppelten Espresso rein gedübelt und ist dann zum italienischen Konsulat gehuscht. Da hat er dann gewählt, dann zurück ins Bett und nach einer Stunde ist er als Deutscher wieder aufgewacht. Eine Tasse Bohnenkaffee und ab in die Grundschule zum Wählen. So muss es gewesen sein.

Immerhin ehrlich

Obwohl – zu hoch hängen sollte man die Sache nun auch wieder nicht. Löw, den rüden Raser, finde ich schlimmer als den doppelten Giovanni. Er hat immerhin auf Jauchs Frage ehrlich geantwortet, nicht rumgeeiert und zugegeben, dass er getan hatte, was nun mal möglich war. Allein dafür sollte man ihn preisen. Klare Frage. Klare Antwort. Wo gibt es das noch in Talkshows? Di Lorenzo hat keine 30 Millionen Steuern hinterzogen oder sich der Körperverletzung schuldig gemacht. Also: Wie sagt der Engländer so schön: "Let the church in the village."

Lieber die Oma wählen lassen

Und das mit den Wählerstimmen ist ja so eine Sache. Ich allein kenne zwei Leute, die ohne mit der Wimper zu zucken für ihre dementen Eltern per Briefwahl gewählt haben. Parteien ihrer Wahl. So mag ein strammer Konservativer auf einmal grün gewählt haben. Das ist anscheinend gar nicht so selten. Und nicht in Ordnung, meine sehr verehrten Damen und Herren von der EU-Wahlkommission. Obwohl: Um das zu verhindern, müsste man ja alle Wähler einem Test unterziehen, ob sie nicht etwa so weggetreten sind, dass sie an der politischen Willensbildung nicht mehr teilhaben können. Man müsste also politisches Grundwissen testen. Nun, ja. Ich fürchte, viele Leute denken, dass EU-Kommissare im Brüsseler Tatort ermitteln. Ich habe neulich selber einen Test gemacht, was ich über die genauen Befugnisse des Europäischen Parlamentes, der EU-Kommission, des Europäischen Rates, des Ratspräsidenten, der EZB, des EU-Außenbeauftragten und des Ministerrates weiß. Es war erschütternd. Ich habe danach meine schlaue Oma per Briefwahl für mich wählen lassen.