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Kommentar

Anschläge von Brüssel: Den Terroristen nicht geben, was sie wollen

In Zeiten wie diesen sucht man Halt, Antworten, Sicherheit. Aber Bomben helfen nicht gegen Bomben, Hass nicht gegen Hass. Der britische Journalist Simon Jenkins hat das im "Guardian" auf den Punkt genau zusammengefasst.

Übersetzt und kuratiert von Sophie Albers Ben Chamo

Beamtin der Bundespolizei am Flughafen Frankfurt am Main -

Beamtin der Bundespolizei am Flughafen Frankfurt am Main - was nach den Anschlägen kommt 

Wieder ein Anschlag. Wieder ein Ort in der unmittelbaren Nachbarschaft. Wieder mitten im Alltag einer europäischen Stadt. Wut wird zu Hilflosigkeit wird zu Angst. Hektisch bis fahrig ist die Suche nach Antworten, weil es einfach noch zu wenig Informationen gibt. Ja, wahrscheinlich waren es Islamisten. Ja, wahrscheinlich hängt die Anschlagsserie mit den Angriffen von Paris zusammen. Und auch mit der Verhaftung von Salah Abdeslam. Und weiter?


Gut, dass es Menschen wie Simon Jenkins gibt, die in Momenten wie diesen kopfklar aufrufen, was das eigentliche Ziel des Terrors ist: Öffentlichkeit. Und wie wir darauf reagieren sollten: nicht mit Gegenterror! Unter dem Titel "Unsere Antwort auf Brüssel bedarf Geduld und Zurückhaltung" hat der "Guardian"-Kolumnist in Worte gefasst, was im Augenblick schwierig, aber notwendig ist. Und in dieser Stimme der Vernunft steckt die Stärke der europäischen Demokratie.

Der Terror lebt von der Aufmerksamkeit

Mit dem Satz "Flächendeckende Medienberichterstattung und Rufe nach Rache befeuern den Kreislauf der Gewalt nur", eröffnet Jenkins - und hebt zur Erklärung an:

"Das Ziel von Terror ist es nicht zu zerstören oder zu töten, sondern die Durchsetzung einer politischen Sache durch die massive öffentliche Aufmerksamkeit, die mit entsetzlichen Ereignissen verbunden ist." Und das sei auch offensichtlich das Ziel der Bomben von Brüssel. "Die explosive Kraft liegt in der Reaktion darauf." Aufmerksamkeit, die dem Terror "geschenkt" werde und die politische Antworten darauf, so Jenkins. "Reklame und Reaktionen" seien "hilfreicher Schwachsinn" für die Terroristen.


Dass Gesellschaften niemals immun sind gegen Terroranschläge, ist mittlerweile leider ein (gern ignorierter) Gemeinplatz. Deshalb macht Jenkins es noch einmal klar: Weil Anschläge willkürlich passieren, gebe es keinen Schutz. Weder durch "ein großes Polizeiaufgebot, noch durch Überwachung, nicht durch die Entsendung von Armee und Marine, erst recht nicht durch Raketen oder Atomwaffen." Auch Geheimdienste und Überwachung hätten ihre Grenzen. "Die Bomber und Mörder kommen durch jedes Netz."

Gegen die Wut

"Politischer Terror ist so alt wie der Krieg", schreibt Jenkins weiter. Angst und Schrecken unter der Bevölkerung zu verbreiten, sei eine übliche Waffe. "'Der Kampf gegen den Terror" sei so bedeutungslos wie 'Der Kampf gegen Waffen'."

Es gehe darum, die Wut, die zu Anschlägen führe, zu lindern, anstatt sie anzufachen und damit dem Anschlag selbst die Macht zu nehmen. Dazu brauche es eine "klügere Außenpolitik" als sie die meisten westlichen Staaten gegenüber der muslimischen Welt in den vergangenen zehn Jahren gezeigt hätten. Außerdem, und das sei die härtere Aufgabe, müssten wir damit aufhören, Terroranschlägen die Aufmerksamkeit und Reaktionen zu schenken, nach denen sie verlangen. "Geduld und Zurückhaltung" seinen gefragt. 

Die flächendeckende Berichterstattung, die jedem Anschlag sicher sei, gehe rücksichtslos vor. Ja, die Medien müssten berichten, so Jenkins, "aber sie sollten nicht durchdrehen, indem sie in der Gewalt schwelgen", so wie es bereits bei der Darstellung der Brutalität des IS passiert sei.

Den Terroristen gehe es eindeutig darum, die westliche Gesellschaft lahmzulegen, zu zeigen, dass freie Demokratie ein Schwindel sei, und die Verfolgung von Muslimen zu erzwingen. Davon profitiere jedoch allein die Sicherheitsindustrie, die nicht zugeben wolle, dass absoluter Schutz unmöglich ist. So dass besagter Industrie bei jedem neuen Anschlag noch mehr Geld und noch mehr Macht zukämen. "Die sollten wir ihnen nicht geben."