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Salafisten: Sein Fall sprengt das deutsche Rechtssystem: Vom Umgang mit einem "Terrorkind"

Der Junge war erst zwölf, als er in Ludwigshafen selbst gebaute Nagelbomben platzierte. Was seither geschah.

Von Ingrid Eißele

Sein Fall sprengt das deutsche Rechtssystem: Vom Umgang mit einem "Terrorkind"

Abgeschirmt von der Öffentlichkeit und streng bewacht, lebt irgendwo in einer Einrichtung der Junge, der vor einem Jahr als "Terrorkind" von Ludwigshafen bekannt wurde. Er hatte Sprengsätze am Rande des Weihnachtsmarkts und in der Nähe des Rathauses versteckt, die allerdings nicht zündeten. Seitdem ist der Fall in Vergessenheit geraten. Was aber geschieht mit solchen Kindern? Ein Gespräch mit Jürgen May, dem Leiter des zustän­digen Jugendamts Ludwigshafen, und mit Jugenddezernentin Cornelia Reifenberg. 

Frau Reifenberg, Herr May, wenige Meter von Ihren Büros entfernt wurde ein Rucksack entdeckt, in dem sich ein ­Konservenglas mit Feuerwerk und Wunderkerzen fand, das Glas war umwickelt mit Klebeband und Nägeln. Kurz darauf fand die Polizei den Bombenbauer: einen deutsch-irakischen Jungen, in Ludwigshafen geboren, zwölf Jahre alt. Dachten Sie da gleich an Terror? 

May: Früher hätte sich jeder gefragt, was für ein Dummer-Jungen-Streich eines ­typischen Zwölfjährigen in der Vorpubertät wohl dahinterstecken mag. Aus der Nähe betrachtet müssen wir den Fall allerdings anders bewerten.

Jugenddezernentin Cornelia Reifenberg

Jugenddezernentin Cornelia Reifenberg

Wie? 

May: Wir haben bundesweit den ersten Fall eines Kindes unter Terrorverdacht. Nach Einschätzung des , das die Chats und sonstigen Internetaktivitäten des Jungen überprüfte, ist er gefährlich. 

Er hatte ein ­Video ins Netz gestellt, in dem er drohte: "Ich hacke euch tot!" Ist so etwas ernst zu nehmen? 

May: Noch vor zwei Jahren hätten wir ­gedacht, dass sich da einer nur wichtig­machen will. Aber der Fall hat uns wachgerüttelt. Der Junge hatte nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden tatsächlich Kontakt zum IS. Der Inhalt des Glases hatte den Aufbau eines Sprengkörpers, der Sprengstoff soll allerdings laut LKA nicht zündfähig gewesen sein. 

Der Generalbundesanwalt übernahm den Fall. Was passiert mit dem Jungen? 

May: Er lebt seit März in einer geschlos­senen Einrichtung, das Haus wird rund um die Uhr von einem Security-Dienst ­bewacht. 

Sein Fall sprengt das deutsche Rechtssystem: Vom Umgang mit einem "Terrorkind"

Nur seinetwegen? 

May: Ja.  

Reifenberg: Er hat außerdem Tag und Nacht pädagogische Betreuer an der Seite, die sich um ihn kümmern. 

Wie viel Personal müssen Sie für den ­Jungen einsetzen? 

May: Vier Sozialpädagogen und zwei Psychologen, also sechs Mitarbeiter, die ihn im Schichtbetrieb jeweils zu zweit betreuen. Hinzu kommt ein Lehrer für den Einzelunterricht. 

Ein enormer Aufwand. Was kostet das?

Reifenberg: Das können wir noch nicht ­beziffern, es ist sehr teuer. Die umfassende Betreuung ist aber notwendig, weil nicht auszuschließen ist, dass von dem Jungen eine Gefahr ausgeht – für andere, aber auch für sich selbst.

May: Er hatte immerhin ursprünglich die Idee, bei einem Anschlag zu sterben und als Selbstmordattentäter ins Paradies einzugehen. 

Ist der Junge immer noch gefährlich? 

Reifenberg: Nach Einschätzung des Landeskriminalamts: ja.

Jugendamtsleiter Jürgen May

Jugendamtsleiter Jürgen May

Was bedeutet das? Er hat ja wohl keinen Kontakt mehr zum IS.

Reifenberg: Uns fehlt dazu das Hintergrundwissen der Ermittler. Wir wissen nicht, was in seinen Chatverläufen steht, wo er sich seine Freunde gesucht hat, von wem er Anerkennung bekam. Das macht uns die Arbeit nicht leichter. 

Sie sollen den Jungen therapieren, wissen aber kaum etwas über seine Geschichte? 

Reifenberg: Genau. Zum Teil habe ich aus der Tageszeitung mehr erfahren als vom LKA. Eine größere Transparenz der ­Sicherheitsbehörden würde uns helfen, unsere pädagogische Arbeit zu machen.

Welches Ziel verfolgen die Betreuer?

Reifenberg: Sie sollen ihn deradikalisieren, letztlich: das Kind in ihm zum Leben erwecken. Er soll sich wieder altersgemäß entwickeln, lachen, spielen und normalen Umgang mit anderen Menschen erlernen.

May: Und lernen, dass Laptop und Smartphone nicht die einzigen Mittel sind, um sich mit Menschen in Beziehung zu setzen. Derzeit hat er kein und keinen ­Zugang zum Internet. 

Ist er in dieser Einrichtung mit Gleichaltrigen zusammen?

May: Nein, er hat nur Erwachsene um sich. Inzwischen darf er seinen Aktionsradius erweitern, zum Beispiel Spaziergänge mit Begleitung machen. Unterrichtet wird er wie gesagt von einem Hauslehrer.

Was soll das Alleinsein bei einem 13-Jährigen bewirken? 

Reifenberg: Die Isolierung ist Vorgabe des LKA, dessen Sicherheitsbedenken wir nicht negieren können, auch wenn wir die Situation pädagogisch sehr kritisch sehen. 

Wie machen Sie aus einem 13-Jährigen wieder ein Kind?

May: Der Schlüssel ist ein positives Selbstwertgefühl. Daran arbeiten wir.

Seine Bombe auf dem Weihnachtsmarkt detonierte nicht

Seine Bombe auf dem Weihnachtsmarkt detonierte nicht

Wenn ein Halbwüchsiger meint, über ­Leben und Tod entscheiden zu können, spricht das nicht bereits für ein großes Ego?

May: Nein, eher für ein schwaches Selbstwertgefühl. Solche lassen sich eher als andere von außen beeinflussen. Aber selbst in diesen extremen Fällen gibt es Ansätze, ein Kind um 180 Grad zu drehen. Aus der Forschung weiß man, dass auch ­radikalisierten Menschen ihre geliebten Angehörigen wichtig sind. Das kann der Schlüssel sein. 

Wie kooperativ sind die Eltern? 

May: Sie haben eingesehen, dass etwas ­geschehen muss. Die Eltern arbeiten konsequent mit uns zusammen. Wir sprechen regelmäßig mit ihnen, bei Bedarf auch im Beisein des Sohnes. Sie wissen, dass nichts hinter ihrem Rücken geschieht, sonst wird das nichts. Die Eltern haben schließlich immer noch das Sorgerecht und arbeiten freiwillig mit.

Reifenberg: Der Junge ist eine Art Systemsprenger ...

Was meinen Sie damit?

Reifenberg: Er passt in kein Rechtssystem. Wir betreten mit diesem Fall pädagogisch und rechtlich Neuland. Der Junge ist nicht strafmündig. Das Jugendstrafrecht gilt ab 14 Jahren, er kann also nicht in den Jugendarrest gesteckt werden. In Deutschland gibt es bisher keine Einrichtungen für terrorverdächtige Kinder. 

May: Wir haben einen freien Träger für die pädagogische Betreuung gesucht – das sind beispielsweise private Betreiber von Jugendheimen – und bei über 100 Trägern in ganz Deutschland angefragt, ob sie den Jungen nehmen. Wir bekamen überall 

Absagen. 

Mit welcher Begründung?

May: "Wir können die Sicherheitsvorkehrungen nicht erfüllen." Das war der Standardsatz. Die Jugendhilfe will Kinder und Jugendliche schließlich wieder gesellschaftsfähig machen – und nicht wegschließen.

Reifenberg: In der Einrichtung, die wir schließlich fanden, versuchen die Pädagogen in vielen Gesprächen herauszufinden, warum er überhaupt auf die Idee kam, eine derartige Tat zu planen.  

Und? 

Mey: Wir betreuen den Jungen und seine Familie bereits seit einiger Zeit. Es ging damals um Schulprobleme. Die Eltern sind aus dem Irak geflüchtet, ihr Sohn ist hier geboren und aufgewachsen, schon in der vierten Klasse fiel er durch seine Aggressivität auf. Für uns war damals aber kein islamistischer Hintergrund erkennbar. 

Er soll Mitschüler bedroht haben, bekam sogar Hausverbot...

May: Das war später am Gymnasium. Auch dort gab es Konflikte mit anderen Kindern. Er hatte außerdem schulische Probleme und wechselte deshalb noch in der sechsten Klasse auf die Realschule. 

Welche Rolle spielte seine Familie? 

Reifenberg: Die Eltern sind keine strenggläubigen Muslime. Wir vermuten, dass er sich am weltlichen Leben seiner Familie störte. Er hat in der Religiosität möglicherweise eine Orientierung gesucht, die er zu Hause nicht fand.

May: Er ist das jüngste von vier Geschwistern und der einzige Sohn.  

Kein vernachlässigtes Kind, sondern eher der kleine Prinz?

May: Soweit uns bekannt ist, bekam der Junge sehr viel Aufmerksamkeit.

Bemerkten die Eltern die Veränderung ihres Sohnes?

May: Dazu sind Eltern manch­mal nicht in der Lage, das wissen wir auch von anderen Fällen. 

Hat die Arbeit mit dem Jungen Erfolg? 

May: Nach fast sieben Monaten in dieser Einrichtung haben wir den Eindruck, dass wir ihm näherkommen. Er hat sich ge­öffnet und auch schon verändert. 

Inwiefern? 

May: Damals vermied er jeden Blickkontakt, gab nicht die Hand, schaute auf den Boden. Er war ein verstocktes Kind, das ­weder auf mich noch auf meine Kollegen reagierte. Nun berichten mir die Kollegen, dass er viel offener geworden ist, dass er gern kocht, dass er auf sein Aussehen achtet wie jeder Teenager und schlanker werden will. Und dass er singt.

Singt? 

May: In der Schule hat er sich im Musikunterricht verweigert, weil Musik nicht "halal" sei, also unrein. Er ist nicht mal Auto gefahren, wenn das Autoradio lief. Jetzt singt er beim Kochen und sogar beim Spaziergang. Er macht nun durchaus ­den Eindruck, als habe er sich von dem ­Attentatsversuch distanziert und sich ­verändert. Darüber werden wir mit dem LKA reden.

Zwei Finger in einem Gummihandschuh spannen ein Stück Haut, während eine Tätowiernadel die Konturen einer Biene sticht.

Was muss mit Kindern geschehen, die bereits in den Fängen von Terrorgruppen sind? 

Reifenberg: Wir brauchen eine Einrichtung für Kinder unter Terrorverdacht. Es kann nicht dem Zufall überlassen werden, wer sich darum kümmert. Wir brauchen pro Bundesland mindestens zwei Plätze für solche Kinder, die beispielsweise an eine Kinder- und Jugendpsychiatrie oder eine Jugendhilfeeinrichtung angegliedert werden.  

Klingt gruselig, nach Kinderknast. 

Reifenberg: Ja, aber es hilft nichts, das Land und der Bund müssen sich um dieses Thema kümmern. Momentan ist das Land nicht bereit, einen einzigen Euro zu investieren, auch nicht in diesem Fall. Hier müssen Bund und Länder Lösungen erarbeiten. Es drängt!

Wir sprechen über den bisher einzigen Fall eines radikalisierten Kindes. 

Reifenberg: Es kann schneller den ­zweiten Fall geben, als uns lieb ist. Dafür wollen wir gewappnet sein. 

May: Der IS hat inzwischen im Internet mehrere deutschsprachige ­Kanäle, mit denen er gezielt versucht, Kinder anzuwerben. Je mehr ­Boden er in seiner Heimat ­verliert, desto mehr wird er den Konflikt nach Europa ­tragen. Die Herausforderung für uns ist, solche Radikalisierungen früh zu erkennen. 

Vor Kurzem kam heraus, dass ein Psy­chologe, der mit dem Jungen arbeitete, selbst ein Salafist sein soll. Wie konnte das passieren? 

May: Der Mann hatte ein sauberes Führungszeugnis.

Reifenberg: Nach dem Sozialgesetzbuch sind Arbeitgeber in solchen Fällen verpflichtet, ein erweitertes Führungszeugnis zu fordern. Das ist geschehen, und es gab keinen Anlass zum Zweifeln. In Gesprächen mit dem LKA haben wir zudem angesichts der Sicherheitsaspekte dieses Falls angeregt, ob man die Mitarbeiter nicht noch genauer überprüfen sollte. Alle Mitarbeiter waren einverstanden, alle wurden überprüft, auch der mutmaßliche Salafist. 

Doch da hatte der Psychologe schon wochenlang mit dem Jungen gearbeitet.

May: Man kann Bewerber ja nicht unter Generalverdacht stellen. Der freie Träger hat als Arbeitgeber im Vorfeld gemacht, was gesetzlich vorgeschrieben war. Zudem: Der Mann war nie allein mit dem Kind, er hatte gar keine Möglichkeit, es zu unterwandern. Er hatte maximal vier Stunden am Tag Kontakt, immer in Gegenwart eines weiteren Erwachsenen.

Das scheint Ihr Dilemma zu sein – Sie müssen die richtigen Leute finden, um an solche Kinder ranzukommen?

Reifenberg: Der Mann wurde sofort entlassen, als das Ergebnis der Sicherheitsüberprüfung da war. Wir brauchen fachlich versiertes und erfahrenes Personal bei dieser sensiblen Arbeit, das auch Zugang zu einem Kind bekommt. Deswegen hat der Träger in diesem Fall einen Therapeuten mit muslimischem Hintergrund ausgesucht.

Der Junge soll den Salafisten ein Weichei genannt haben? 

May: Ja, das war seine Einschätzung.

Er kam also wohl doch nicht an ihn ran?

May: Mit Sicherheit nicht. 

Wie sehen Sie die Zukunft dieses Jungen: Ist er in wenigen Jahren ein Profi-Terrorist?

May: Ich wäre nicht 40 Jahre in diesem Beruf geblieben, wenn ich keine Hoffnung für solche Kinder hätte. Ich bin überzeugt, dass es jedes Kind wert ist, dass man ihm eine Chance gibt. Sonst müssten wir uns überlegen, wie wir ihn wegsperren, bis er alt genug ist, dass ihn die Justiz sicher verwahren kann.

Wäre das womöglich sogar richtig?

Reifenberg: Nein. Wir haben Anlass zur Hoffnung, dass er wieder Kind sein kann. 

Worauf basiert Ihr Optimismus? 

Reifenberg: Er kann auch mal lachen. Sein Lebensziel war es einmal, Imam zu sein. Jetzt will er Koch werden und ein Restaurant eröffnen. 

Ist denkbar, dass der Junge irgendwann ein normales Leben führt – nachdem ihm nun all diese Aufmerksamkeit zuteil wird? 

May: So eine aufwendige intensivpädagogische Einzelmaßnahme ist auf Dauer keine Lösung. Ein normales Leben wird erst beginnen, wenn er wieder mit Gleichaltrigen zusammenkommt und keine Sonderrolle mehr hat. Dann wird sich zeigen, ob er damit klarkommt. Oder ob aus dem kleinen Prinzen ein Alleinherrscher wird.

Dieser Artikel über den Umgang mit einem "Terrorkind" ist dem aktuellen stern entnommen:





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