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Thilo Sarrazin bei 3sat: Der Genuss-Zündler

Menschen wie er sind gefährlich. Denn sie zündeln mal so nebenbei. Wer wollte, konnte sich davon im Programm von 3sat überzeugen. Der Gemeinschaftssender von ARD/ZDF, ORF und SF zeigte Thilo Sarrazin in einem einstündigen Interview.

Von Sebastian Kemnitzer

Schweizer gelten als neutrale, tolerante Zeitgenossen, als Menschen, die sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen lassen. Der Journalist Frank A. Meyer, ein Spezi von Altkanzler Gerhard Schröder, ist Schweizer und schreibt für das intellektuelle Polit-Magazin "Cicero". Nebenbei moderiert er in einem kargen Studio den 3sat-Talk "Vis-à-vis". Der 66-jährige Meyer, Markenzeichen: Einstecktuch, befragt seine Gäste gerne vorsichtig, lässt ihnen Spielraum zur Entfaltung. Das schafft im besten Fall gedankliche Tiefe. Oder geht total daneben. Am Abend zeigte 3sat Meyers Gespräch mit Thilo Sarrazin, dem Autor des Buches "Deutschland schafft sich ab".

Nur zwanzig Minuten braucht Sarrazin, um den Moderator aus der Reserve zu locken. "Der italienische Faschismus war auch kein Zuckerschlecken", echauffiert sich Meyer. Sarrazin bleibt ruhig, geradezu stoisch. Er freut sich, dass er es mal wieder geschafft hat, zu zündeln. Was war passiert? Sarrazin nuschelte wie immer so vor sich hin, es ging im Gespräch gerade um die Zeit des Nationalsozialismus. Auf einmal sagte er: "Hitler hätte mit italienischen Soldaten gar nicht so ein Bösewicht sein können." Bumm. Disziplinlose italienische Soldaten, effiziente Wehrmacht? Die NPD wird sich die Hände reiben, wenn sie diese These hört.

Als Kind hatte es Sarrazin schwer

Anfangs plätschert das Gespräch zwischen Meyer und Sarrazin so vor sich hin. Aber auch Geplätscher kann aufschlussreich sein. Sarrazin lässt genau durchblicken, was für ein Mensch er ist: ein ebenso verschrobener wie eitler und elitärer Typ. Er bekomme derzeit genauso viel Beifall wie Mick Jagger vor 30 Jahren. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" lese er seit November 1956. "Ich hatte ein Übermaß an Geist, ein Übermaß an Normen", lässt sich Sarrazin ein. Allerdings sei seine sehr, sehr bürgerliche Familie oft eine Last gewesen. Nicht alle würden es schaffen, die Erwartungen zu erfüllen.

Aber Thilo Sarrazin hat es ja zum Glück geschafft, hat eine Musterkarriere im deutschen Staatsapparat hingelegt. Ein treuer sozialdemokratischer Diener, der schließlich zum Herr über die Finanzen des Stadtstaats Berlin aufstieg, gar zum Vorstand der Bundesbank. Irgendwann jedoch entdeckte er seine Lust am Zündeln. Vielleicht, weil er in seiner Jugend etwas verpasst hat. War er ein 68er, will Meyer wissen. "Ich war keiner. Was alle tun, war nicht mein Ding", erklärt Sarrazin.

Linkssozialismus und ein Altbundeskanzler

Nach einer halben Stunde kippt das Gespräch, die Stimmung. O-Ton Sarrazin: "Muss man sehen, dass normalerweise im Laufe der Weltgeschichte diejenigen, die sich im Leben besser befinden können, am Ende auch die waren, die eher in der Lage waren, Kinder zu zeugen und dann auch im Leben durchzubringen." Und weiter: "Man muss aufpassen, dass die Kinder nicht in die Gruppen kommen, die weniger zum Fortschritt beitragen." Da ist er wieder, der krude Sozialdarwinismus, den Sarrazin in seinem Buch mit biologistischen Thesen vermischt.

Wie passt das zur SPD? An einer Stelle kokettiert Sarrazin, er habe mit einem Altbundeskanzler über sein Buch gesprochen, über das beinahe "links-sozialistische Programm" zur Bildung, das er fordere. "Der findet das schon fast ein bisschen radikal." War es Gerhard Schröder oder Helmut Schmidt? Meyer hakt nicht nach, entlockt aber Sarrazin, dass er "heikle Sachen" noch einmal genau so formulieren würde. Sarrazin, der Unbelehrbare. Keine Millisekunde der Selbstkritik.

Sarrazin ein Produkt der Durchmischung

Sarrazin ist aus der Kirche ausgetreten. Gut, schön für ihn. Aber was soll dann diese These, die er so nebenher fallen lässt? "Heiden kommen miteinander aus", sagt Sarrazin. Meyer reagiert nicht schnell genug, er hätte darauf hinweisen müssen, dass weder Hitler noch Stalin viel mit Religion am Hut gehabt haben. Aber Meyer spürt, dass er durch Sarrazins freihändig eingestreute Verbalbomben immer wieder im Nebel steht. In den letzten zehn Minuten wird Meyer immer aggressiver: "Sie sind ein Produkt der Völkerwanderung!" Und weiter: "Geben Sie zu, Sie sind ein Produkt der Durchmischung!" "Ja", meint Sarrazin gelassen. Die slawischen Backenknochen seien von seiner Mutter.

Der Schluss: Moderator Meyer ist angewidert, entnervt. Es geht um die Nützlichkeit des Menschen, um sein Recht auf Leben, auch auf Unterstützung, wenn er nicht für sich selbst sorgen kann. Sarrazin spricht ungerne von jenen, die nicht können. Aber gerne von jenen, die könnten. Um seinen Standpunkt anschaulich zu machen, benutzt er, wie so oft, eine Metapher aus dem Tierreich: "Wenn Sie ein Hundebesitzer sind, dann wissen Sie: Der Hund fühlt sich nicht dann am wohlsten, wenn er hinter dem Ofen liegt und immer was zum Fressen kriegt, sondern wenn Herrchen oder Frauchen mit ihm rausgeht und dem Hund das Hundegemäße abfordert. Letztlich: Der Mensch will gefordert werden. Wird er das nicht, ist er unglücklich."

Sarrazin ist gefordert, Meyer überfordert. Schlusswort Sarrazin: In der Rückschau seien die härtesten Zeiten seines Lebens doch die besten gewesen. Authentischer könnte das Bekenntnis zum Zündeln nicht sein.

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