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Prozess in Münster: Tod auf der "Gorch Fock" - die offenen Fragen im Fall Jenny Böken

Vor acht Jahren ging die 18-jährige Jenny Böken auf dem Segelschulschiff "Gorch Fock" über Bord und ertrank. Die genauen Todesumstände sind bis heute ungeklärt. Nun wird der Fall erneut vor Gericht verhandelt - mit einer Zeugin, die den Schiffsarzt belastet.

Marine-Kadettin Jenny Böken an Bord des Segelschulschiffes Gorch Fock

Marine-Kadettin Jenny Böken an Bord des Segelschulschiffes Gorch Fock

Im September 2008 ereignet sich in der Nordsee ein Drama: Die 18-Jährige Jenny Böken geht vor Norderney während ihrer Nachtwache auf dem Segelschulschiff "Gorch Fock" über Bord und ertrinkt. Die Leiche der Marine-Kadettin aus Nordrhein-Westfalen wird erst elf Tage später, nachdem die Suche bereits abgebrochen worden war, von der Besatzung eines Fischereiboots entdeckt.

Der tödliche Sturz war ein tragisches Unglück, so die Erkenntnis der Kieler Staatsanwaltschaft damals. Tatsächlich bleiben die genauen Umstände bis heute im Dunkeln. Warum musste Jenny Böken sterben? Diese Frage treibt ihre Eltern nach wie vor um. Deshalb befasst sich das Oberverwaltungsgericht in Münster nun erneut mit dem Fall. Die Eltern von Jenny Böken haben die Bundesrepublik auf 20.000 Euro Entschädigung verklagt. 

Trägt der Schiffsarzt eine Mitschuld am Unfall? 

Um das Geld gehe es ihnen allerdings nicht, sagten sie dem Norddeutschen Rundfunk (NDR). Uwe und Marlies Böken kämpfen seit Jahren für Klarheit über den Tod ihrer Tochter. Sie machen den Schiffsarzt mitverantwortlich für den Unfall, weil er gesundheitliche Beschwerden der Kadettin nicht beachtet habe.

Bökens Dienstherr bestreitet das und lehnt eine Zahlung ab. Die Klage wurde schon einmal abgewiesen, nun sind Uwe und Marlies Böken in Berufung gegangen. Der Vorsitzende Richter warnte zum Prozessauftakt am Mittwoch vor zu hohen Erwartungen. Die Verhandlung werde die genauen Todesumstände von Böken nicht aufklären können, sagte er. Vielleicht kann aber etwas mehr Licht ins Dunkel gebracht werden - denn es gibt eine neue Zeugin, deren Aussagen den Schiffsarzt belasten.

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Gewissensbisse: Zeugin meldet sich bei den Eltern

Was ist in der Nacht vom 3. auf den 4. September 2008 passiert? Die 18-jährige Sanitätsoffiziersanwärterin war zur Wache auf der "Gorch Fock" eingeteilt. Während Jenny Böken auf dem Ausguck stand, herrschte Windstärke 7, also starker Wind. Unter "besonderer Lebensgefahr" habe der Einsatz jedoch nicht gestanden, hatte ein Gericht schon früher geurteilt.

Das sehen die Eltern anders: Die Schiffsführung habe in jener Nacht keine Sicherungsmaßnahmen angeordnet, sagte der Anwalt zum NDR. Jenny Böken habe deshalb weder eine Rettungsweste getragen noch sei sie eingehakt gewesen. Genau dieser Punkt muss nun wieder geklärt werden: Nur wenn die besondere Gefahr festgestellt wird, hätte die Klage Erfolg.

Uwe und Marlies Böken geht es jedoch vor allem um die Schuldfrage des Schiffsarztes. Hat er gesundheitliche Beschwerden von Jenny Böken falsch eingeschätzt? Relevant dürften hier die Aussagen einer neuen Zeugin sein: Die Assistentin des Schiffsarztes meldete sich laut NDR lange nach der Todesnacht bei den Eltern.

Jenny Böken soll ständig eingeschlafen sein

Sie sagte ihnen, sie plagten Gewissensbisse. Nach Angaben der Frau kam Jenny regelmäßig zu ihr. Ein Problem sei dabei immer wieder Thema gewesen: Die Kadettin soll in allen möglichen Situationen eingeschlafen sein, sogar bei Schießübungen. Jennys Krankenakte sei täglich erweitert worden, sagte die Assistentin. Der Schiffsarzt dagegen gab bei seiner Vernehmung an, von alldem nichts gewusst zu haben.

Nach dem tödlichen Unfall habe die Assistentin die Krankenakte sichern wollen. Diese sei jedoch nicht mehr da gewesen. Jene Akte, die später bei den Ermittlungen aufgetaucht sei, sei lückenhaft gewesen. "Hier ist einfach die Akte manipuliert worden", sagte Uwe Böken dem NDR. Die Assistentin gab zudem an, sich schon früher als Zeugin angeboten zu haben - das habe der Schiffsarzt allerdings nicht gewollt. Er und der ehemalige Kapitän sagen in dem Fall erstmals vor Gericht aus. Insgesamt hat das Gericht neun Zeugen geladen.

kis mit DPA