HOME

Tod in der Südsee: Die Angst sitzt tief

Auf der Südseeinsel Nuku Hiva ist der Mord am deutschen Weltumsegler Stefan Ramin immer noch das Thema Nummer Eins. Die Staatsanwaltschaft schließt Eifersucht als Motiv mittlerweile aus.

Von Kuno Kruse, Nuku Hiva

Die beiden deutschen Weltumsegler Stefan Ramin und Heike D. trugen Pampelmusen in der Hand, als sie von dem großen Wasserfall zurück zur Bucht Hakatea gingen, in der ihr Katamaran vor Anker lag. "Sie erzählten uns, ein junger Mann habe ihnen die Früchte auf dem Weg geschenkt", sagt Teiki Hoatini, der mit seiner Frau am Eingang des Tals von Hakau'i lebt. Der Polynesier mit der beeindruckenden Tätowierung im Gesicht wunderte sich. "Hier gibt es keine jungen Männer. Meine Frau und ich sind die einzigen jungen Menschen im Tal."

Es war um die späte Mittagzeit des 9. Oktober, als seine Hunde anschlugen, weil Stefan Ramin und seine Freundin Heike D. an seinem Haus vorbeikamen, dem Tag der Katastrophe auf der Südseeinsel Nuku Hiva. Stefan Ramin war am Abend von einem Jagdausflug mit dem Marquesaer Henri Haiti nicht mehr zurückkehrt. Heike D. wurde dann unter dem Vorwand, ihr Freund habe sich das Bein verletzt, von dem Mann in das Tal gelockt, überfallen und an einen Baum gefesselt.

Sie konnte sich befreien und fliehen. Rannte durch die Dunkelheit dem Geräusch der Brandung folgend in Richtung Strand, und schwamm zum Boot von Freunden, deren Positionslichter sie sehen konnte.

Drei Tage nach Ihrer Rettung fand die Polizei in einer abgelegenen Schlucht die Leiche von Stefan Ramin, fast vollständig verbrannt. Der Fall machte Schlagzeilen. Die Bild-Zeitung erklärt Stefan Ramin zum Opfer eines Kannibalen.

Leben in Angst

Teiki Hoatini fiel dann dieser Mann wieder ein, der am Vortag, ein Gewehr über der Schulter, an seinem Haus vorbeigeritten war. Teiki Hoatini kannte ihn nicht, er lebte nicht in dem abgelegenen Tal, sondern war ein Verwandter der alten Frau, die ein kleines Stück weiter wohnte. Sie war an dem Wochenende nicht da, und er, ein Großneffe, sollte sich um die Tiere kümmern. Das taten sonst Teiki Hoatini und seine Frau Kua.

Die beiden Marquesaer waren erschrocken, als abends die Polizei in ihre Bucht einlief. So etwas hatte es in Hokatea noch niemals gegeben. Seitdem lebt Teiki Hoatinis Frau Kua in Angst. Denn noch immer ist der mutmaßliche Mörder Henri Haiti auf der Flucht. Sie ist verstört, wie fast alle Bewohner der Insel. Noch niemals hatte es in ganz französisch Polynesien eine solche Gewalttat gegen einen Touristen gegeben. Teiki Hoatini und seine Frau sind die einzigen, die noch im Tal geblieben sind. Ihre Nachbarn sind zu Verwandten in den Ort gegangen.

Die große Verstörung bringt Gerüchte in Umlauf. Die Menschen suchen nach Erklärungen, für das für sie Unfassbare, finden kein Motiv. Hartnäckig hält sich, Stefan Ramin und sein mutmaßlicher Mörder hätten sich aus Taiohae, dem einzigen richtigen Dorf auf der Insel, gekannt. Die Segler lagen dort schon ein paar Tage vor Anker. Versuche, den Gerüchten nachzugehen, führten zu keiner Quelle. Vielleicht nur ein Versuch, ein anderes Motiv zu finden, als einen Raubmord. Denn der ist auf ihrer Insel, auf der 2600 Menschen leben, undenkbar.

Nachdem die "Bild"-Zeitung den Krimimalfall bereits in einer Geschichte über einen Fall von Kannibalismus zur Sensation gemacht hatte, legte sie vergangene Woche mit einer neuen Wendung des Falles nach: "Offenbar dreht es sich um das älteste Motiv der Menschheitsgeschichte: EIFERSUCHT!" Der Verdächtige, Henri Haiti, habe sich in Heike D. verliebt und falsche Hoffnungen gemacht.

Über die schwierige Suche nach dem mutmaßlichen Mörder lesen Sie auf der nächsten Seite.

"Keinerlei Verdachtsmoment gegen Heike D."

Er bittet in Deutschland klarzustellen, dass er diese Aussage nie getan habe, auch keine ähnliche, im Gegenteil: "Es besteht keinerlei Verdachtsmoment gegen Heike D. Nichts, was in diese Richtung führt." Auch eine von der "Bild"-Zeitung zitierte Besitzerin eines Cafés, die von einem gemeinsamen Grillen der beiden Deutschen mit Henri Haiti erzählt haben soll, streitet die Schilderungen ab. Tatsächlich waren zwei Reporter des Blattes auf die Insel gereist. Ihr Problem: Sie sprachen kein Französisch.

Seit 19 Tagen sucht nun eine Spezialeinheit der französischen Gendarmerie die Insel nach dem Flüchtigen ab. Die Männer in schusssicheren Westen und Helmen mit Nachtsichtgeräten hatten ihn schon einmal im Zielfernrohr eines Gewehres. Sie konnten erkennen, dass er nach wie vor mit einen Gewehr bewaffnet war. Aber er konnte wieder entwischen.

Inzwischen ist der Mann im Wald zum Kinderschreck geworden. Aber auch viele Erwachsene wagen sich kaum noch in die Berge. Die Angst sitzt bei allen tief. Und die Verstörung. Es ist, als hätte sich ein Trauma über die ganze Insel gelegt.

Kamera speichert Tag und Uhrzeit

"Was nie passiert ist, fürchtet man nicht", sagt Teva Quesnot, staatlicher Repräsentant auf der Insel Nuku Hiva. "Aber was einmal passiert ist, vor dem hat man Angst, dass es wieder passieren könnte." Das sei es, was die Polynesier so tief in ihrem Selbstverständnis erschüttere.

Quesnot ist berichtet worden, dass man den Flüchtigen einen Tag nach der Tat im Ort gesehen hätte. Er hätte sich heimlich ein zweites Pferd besorgt.

Staatsanwalt José Thoes, ein Franzose, gibt, im Gestus des alten Kolonialherren, nicht viel auf das, was die Polynesier sagen. Die Menschen würden sich häufiger im Tag irren.

Tatsächlich ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht auszuschließen, dass Henri Haiti versucht haben könnte, den Leichnam mit dem Pferd wegzuschaffen. Der Fundort des Feuers, in dem Stefan Ramin verbannt wurde, ist aber auch mit einem der kleinen, trittfesten Pferd der Insel nur schwer erreichbar. Es ist auch kaum vorstellbar, dass eine Leiche dort hingeschafft worden ist. Alles spricht dafür, dass es sich bei der engen Schlucht auch um den Tatort handelt.

Der ermittelnde Staatsanwalt José Thores kann allerdings noch nicht sagen, wann Stefan Ramin getötet wurde. Die Pathologen versuchen, dieses zu ermitteln, was nicht einfach ist.

Sicher ist: Am Mittwoch fanden Polizisten die Stelle, an dem er verbrannt wurde. Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass Henri Haiti auch Stefan Ramin ersteinmal gefangen genommen hat, so wie später seine Freundin Heike. Für wahrscheinlich hält der Staatsanwalt das allerdings nicht. Sicher sei auch, dass er Sonntag um 11 Uhr lebte. Da hatte seine Freundin Heike D. die letzten Fotos gemacht, von ihm, gemeinsam am Weg mit seinem mutmaßlichen Mörder. In der Hand die Pampelmusen. Die Kamera speichert Tag und Uhrzeit.

Gegendarstellung der Axel Springer AG

print