Todesfall Dörflein "Ein Urtyp von einem Mann"


Im Internet bekunden Fans ihr Beileid, im Zoologischen Garten in Berlin legen die Menschen Blumen und Briefe nieder - Trauer um Thomas Dörflein, den wohl berühmtesten Tierpfleger der Welt, der am Montag plötzlich an einem Herzinfarkt verstarb. stern.de war am Eisbärengehege.
Von Anne Meyer

Auf den ersten Blick ist an diesem Morgen im Berliner Zoologischen Garten alles so wie immer, Aufregung herrscht hier nicht. Es ist sogar etwas weniger Betrieb als sonst, bei 13 Grad und Nieselregen haben nur wenige Besucher den Weg in den Zoo gefunden. Und doch ist seit heute alles anders, denn der berühmteste Tierpfleger der Welt, Knuts Ziehvater Thomas Dörflein, ist tot. Er brach am 22. September in der Wohnung einer Bekannten zusammen, alle Wiederbelebungsversuche des Notarztes waren vergeblich. Dörflein starb an einem Herzinfarkt.

"Es war wie ein Hammerschlag vors Gesicht", so Kurt Klunkat über den Moment, als er vom Tod Dörfleins erfuhr. Der Rentner machte sich gleich frühmorgens auf den Weg zu Knut, "um dem Pfleger die letzte Ehre zu erweisen." Vor dem Gehege des Eisbären haben sich fast mehr Pressevertreter als Zoobesucher versammelt. Während Knut herumtollt und einen Kürbis verspeist, legt eine Dame im beigefarbenen Trenchcoat weiße Rosen nieder. Sie ist wie alle anderen in den Zoo gekommen, um des verstorbenen Tierpflegers zu gedenken, um Blumen und Briefe niederzulegen. Es sind allesamt Berliner, die hier sind, viele von ihnen kommen regelmäßig in den Zoo, besitzen eine Jahreskarte. So wie Klunkat. Der 68-jährige Rentner kannte Dörflein von seinen vielen Zoobesuchen. Einmal lud er den Pfleger mit dessen Lebensgefährtin zum Essen in einen türkischen Imbiss ein. "Er hatte eine Liebe zu den Tieren und so ein ehrliches Entgegenkommen, das kann man mit Geld nicht kaufen", sagt Klunkat. "Sein plötzlicher Tod ist ein Schock."

Er wirkte auf alle fit und gesund

Die Besucher sind sich einig, dass Dörflein immer fit und gesund gewirkt habe. Niemand hat je etwas davon gehört, dass der Tierpfleger krank sein könnte. Auch dem Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz war von einer Krankheit nichts bekannt. "Er hat sich frei genommen, weil er am Dienstag am Knie operiert werden sollte", sagt er zu stern.de. Mehr sei ihm nicht bekannt. "Thomas Dörflein war über zwanzig Jahre bei uns. Wie sind alle betroffen und tief betrübt", so der Zoodirektor. Wenn die Familie einverstanden sei, "werden wir sicher in großer Zahl zu seiner Beisetzung gehen." Nach Informationen von stern.de litt Dörflein unter Blasenkrebs, was aber nicht die Todesursache war. Auch Zoo-Stammgast Christian Heidt wechselte ab und zu ein paar Worte mit Dörflein, doch auch ihm fiel in letzter Zeit nichts auf. Heidt wischt sich ein paar Tränen aus den Augen. "Er hat sich wirklich in seine Arbeit reingekniet", sagt er.

Klunkat will allerdings in letzter Zeit eine Veränderung bei Dörflein bemerkt haben. "Das Betriebsklima war nicht so, wie es hätte sein müssen", glaubt er. Dass er nicht mehr zu seinem Zögling ins Gehege durfte, nicht mehr mit ihm spielen und schwimmen konnte, darunter habe Dörflein sehr gelitten. Obwohl seine Vorgesetzten es ihm verbaten, weil der Eisbär zu kräftig und gefährlich geworden war, schlich sich der Tierpfleger ab und zu heimlich zu Knut. Auch damit war es aber irgendwann vorbei. "Er hat es nicht ausgesprochen, aber man ihm angemerkt, wie hart das für ihn war", so Klunkat. "Dabei hatte er mit seinen 26 Jahren Berufserfahrung doch viel mehr Kenntnis als jeder Zoodirektor der Welt", ereifert er sich.

"Ein Urtyp von einem Mann"

Knut nimmt indessen ein Bad und blickt dabei die Zuschauer an. Wie sein Kopf so aus dem Wasser ragt, sieht er tatsächlich sehr putzig aus. Die mittlerweile eingetroffene Kindergartengruppe freut sich. "Knuti, Knut!", rufen sie, und die Stimmung ist plötzlich geradezu ausgelassen. Ob der Eisbär wohl merkt, dass sein Ziehvater gestorben ist? "Tiere haben einen siebten Sinn", glaubt Klunkat. "Knut blickt sich auch die ganze Zeit suchend um, sehen Sie?" Auch Susanne N., die eben drei Rosen niedergelegt hat, sorgt sich um Knut. "Er braucht jetzt dringend einen Spielkameraden", findet sie. Als der Tod Dörfleins bekannt wurde, riefen sofort ihre Schwester und eine Freundin an. "Wir sind alle geschockt", sagt sie.

Der Tod des Tierpflegers ist Gesprächsthema Nummer eins unter den Berlinern. Was hatte Thomas Dörflein nur an sich, dieser stille Mann mit der hohen Stirn und dem völlig unmodischen Pferdeschwanz? Auch bei dieser Frage sind die Besucher sich sofort einig. "Man muss ihn erlebt haben", sagt Susanne N. "Wenn er bei den Tieren war, hat er nicht links, nicht rechts geguckt. Er ruhte in sich, ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der so konzentriert war." Der ganze Medienrummel war ihm egal, er war so ungekünstelt, sagen sie, und davor zögen sie den Hut. Eine junge Frau aus Prenzlauer Berg, die vom Weinen eine ganz rote Nase bekommen hat, geht allerdings noch weiter: "Er war so ein Urtyp von einem Mann", sagt sie, "so wie man sich einen Bärenzüchter in Alaska vorstellt."

Thomas Dörflein ist mithilfe von Knut zum Frauenschwarm geworden. Es gebe verschiedene Frauengruppen, die sich einmal im Monat an Knuts Gehege treffen, erzählt Susanne N. Aus der ganzen Welt seien die Frauen angereist, als der Eisbär Geburtstag hatte. Ob diese Frauengruppen immer noch kommen, jetzt, wo der umschwärmte Pfleger nicht mehr lebt? Im Kondolenzbuch, das die Zoodirektion im Internet eingerichtet hat, haben bereits viele Menschen, Frauen zumeist, aus ganz Europa ihr Beileid bekundet. Nach ein paar Stunden gab es schon über 300 Einträge, mit jeder Minute kommen neue hinzu. Ein Trauernder hat einen ganz besonderen Wunsch für Dörflein. "Im nächsten Leben", schreibt er, "wird seine Seele bestimmt in einem Eisbären wiedergeboren."


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