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Tödliche Schweinegrippe: Mexiko-Stadt - im Griff der Grippe

Die Angst vor der tödlichen Schweinegrippe beherrscht Mexikos Hauptstadt. Verzweifelt versucht die Regierung, mit Soldaten und Gesichtsmasken die Seuche aufzuhalten - doch schon meldet auch New York erste Krankheitsfälle.

Von M. Knecht, M. Ruch und K. Werner

Es ist heiß an diesem Wochenende, seit Tagen liegen die Temperaturen schon bei 28 Grad oder darüber. In der Luft über den Straßen und Plätzen der Millionenmetropole hängen Staub und Smog - und nun auch Angst.

Hier, im Großraum von Mexiko-Stadt, leben 22 Millionen Menschen, es ist eine der größten Städte der Welt. Doch die Straßen sind an diesem Sonntag wie ausgestorben. Statt des sonst chaotischen Verkehrs sind die Fahrbahnen leer. Wer doch das Haus verlässt, trägt Mundschutz. Tapabocas werden die blauen Masken mit Gummiband genannt, "Bedecke den Mund". Polizisten und Soldaten der Armee patrouillieren an U-Bahn-Höfen und Busstationen, sie stoppen Passanten, die keine Tapabocas tragen, und verteilen sechs Millionen dieser Masken gratis.

Die blauen Stofffetzen sind mittlerweile zum Wahrzeichen einer Stadt geworden, in der sich seit Tagen die Angst ausbreitet. Ende vergangener Woche hörten die Menschen von der unheimlichen, neuen Krankheit, von der Schweinegrippe. Sie hörten von dem mutierten Virus und von den Toten. Seitdem herrscht hilflose Furcht.

Jedes Husten könnte ein Symptom sein

Jedes Husten, jedes Niesen könnte ein Symptom dieser todbringenden Seuche sein. Die Apotheken sind längst leer gekauft. "Wir haben eine Epidemie, und es gibt nichts, um sich zu schützen", klagt Héctor Rodríguez. Er ist von Apotheke zu Apotheke gelaufen. Gefunden hat er nichts. Keinen Mundschutz, kein Vitamin C, keine Grippemittel, kein Desinfektionsspray. Aus dem Nationalen Institut für Atemwegserkrankungen in Mexiko-Stadt hat ein Dieb 1500 Mundmasken gestohlen. Findige Händler sicherten sich Tausende der gratis verteilten Tapabocas und verscherbeln sie für umgerechnet 3 Euro an der Straßenecke. Ein lukratives Geschäft, auch wenn die Polizei die Händler inzwischen festnimmt.

Bislang sind in Mexiko 103 Menschen an der Grippe gestorben. Wie viele der Opfer durch den mutierten Schweinegrippeerreger vom Typ H1N1 infiziert waren, ist bislang unklar. Bisher war der Virus bei 20 der Todesfälle nachgewiesen worden. Insgesamt werden 1614 Grippekranke in Hospitälern behandelt. Über 60 Prozent der Patienten seien auf dem Weg der Besserung, sagt der Gesundheitsminister. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht "Potenzial für eine Pandemie", eine übergreifende Ausbreitung der Krankheit über Länder und Kontinente. Verdachtsfälle gibt es bereits auf der ganzen Welt. In den USA sind ebenfalls schon Menschen mit dem Virus infiziert. Weltweit kündigen Regierungen Vorsichtsmaßnahmen an.

Bereits Ende März beobachten die mexikanischen Gesundheitsbehörden ein ungewöhnliches Ansteigen bei der Zahl der Grippeerkrankungen: Sie zählen dreimal mehr Fälle als gewöhnlich. Doch die Beamten halten das für Ausläufer der üblichen Grippewelle, geeignete Tests für den bislang unbekannten Grippestamm haben sie keine. Den ersten Todesfall registrieren sie am 13. April im Bundesstaat Oaxaca. Erst fünf Tage später schicken sie Laborproben in die USA und lassen Gesundheitsinspektoren die Krankenhäuser nach auffälligen Patienten absuchen.

Beängstigende Parallele zur spanischen Grippe

Was sie finden, ist furchterregend. Normalerweise zählen bei Grippeerkrankungen eher die Schwachen, Anfälligen zu den Opfern. Diesmal tötet das Virus offenbar vor allem Kranke im Alter zwischen 20 und 40 Jahren - wie während der Spanischen Grippe, die 1918 wütete und weltweit mehr als 20 Millionen Menschen das Leben kostete. Eine beängstigende Parallele. Am Donnerstag vergangener Woche dann die Gewissheit. Bei Armado Ahued, dem Gesundheitssekretär von Mexiko-Stadt, klingelt am Nachmittag das Telefon. Aus den USA und Kanada melden sich Virenforscher, Seuchenexperten. "Es waren die wichtigsten Labore auf diesem Gebiet", sagt Ahued. "Und sie sagten uns, dass es sich um ein neuartiges Virus handelt." Mexiko ist Hort eines mutierten Virus vom Stamm H1N1, das offenbar von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.

Vor dem Nationalen Institut für Atemwegserkrankungen, wo die schwersten Fälle behandelt werden, stehen bewaffnete Sicherheitsleute. Sie versperren den protestierenden Familienangehörigen den Weg, denn Besuche sind nicht erlaubt. Zu hoch ist die Ansteckungsgefahr. Édgar Mondragón, der sichtlich gestresste ärztliche Direktor, versucht zu beschwichtigen - ohne Erfolg. Zehn Menschen kämpften drinnen ums Überleben, sagt er, 15 seien in den letzten Stunden gestorben, wahrscheinlich an der Schweinegrippe. Sicherheit bringen erst Labortests.

Mexikos Hauptstadt im Ausnahmezustand

Mexikos Hauptstadt ist im Ausnahmezustand, das öffentliche Leben wie gelähmt. Seit Freitag sind die Schulen, Kindergärten und Universitäten in Mexiko-Stadt und dem angrenzenden Bundesstaat Mexiko geschlossen. Mehr als 500 Großveranstaltungen fallen aus, Diskotheken bleiben geschlossen, 70 Prozent der Bars und Restaurants ebenfalls. Der Fußballverband lässt drei Geisterspiele im berühmten Aztekenstadion und dem Olympiastadion austragen - ohne Zuschauer. Und die Erzdiözese der Hauptstadt sagt alle Gottesdienste ab, wie zuletzt vor 83 Jahren bei Ausbruch des Bürgerkriegs. Es genüge der Glaubenspflicht, die Messe am Radio zu verfolgen

Die Regierung greift zu drastischen Maßnahmen. "Um jeden Preis" müssen weitere Ansteckungen vermieden werden, sagt Präsident Felipe Calderón. Er erlässt weitgehende Notmaßnahmen, zieht das Militär in die Hauptstadt. Polizei und Gesundheitsinspektoren dürfen verdächtige Personen ins Krankenhaus einweisen und isolieren, deren Wohnungen kontrollieren, Geschäfte schließen und alles unternehmen, um Menschenansammlungen zu unterbinden. In der Metro kontrollieren Gesundheitsinspektoren verdächtige Personen: Wer viel hustet und nach Fieber aussieht, wird zum Aussteigen gezwungen und zur Untersuchung mitgenommen. Gerade noch war der Krieg gegen die Drogenkartelle in Mexikos Norden das bestimmende Thema im Land. Nun zieht sich eine neue Front durch die Hauptstadtregion - und es geht gegen einen unsichtbaren Gegner. Die nächsten 72 Stunden werden nun zeigen, wie gefährlich die Epidemie wirklich ist, heißt es aus Mexikos Gesundheitsministerium. Die Meldungen verheißen nichts Gutes.

Spanien, Neuseeland, Großbritannien, Frankreich, Argentinien - zahlreiche Staaten melden inzwischen Verdachtsfälle. Fast stündlich bestätigen die USA, Mexikos nördlicher Nachbar, Patienten, die sich mit dem neuen Erreger infiziert haben. Am Abend sind es 20 Fälle in fünf Bundesstaaten: Sieben in Kalifornien, je zwei in Kansas und Texas, einer in Ohio, acht in New York. "Wir sehen jetzt möglicherweise erst den Anfang eines weitreichenden Ausbruchs", sagt Jason Eberhard Phillips, der Leiter der Gesundheitsbehörde in Kansas. "Wir befürchten weitere Fälle, die nicht so harmlos sein könnten wie die, die wir bisher kennen." Und Richard Besser, Chef des Centers for Disease Control, der zentralen US-Behörde in Atlanta, sagt: "Die Menschen im ganzen Land sind besorgt, und wir sind es auch. Wenn wir jetzt weitersuchen, werden wir weitere Fälle finden." Bislang ist noch keiner der Infizierten in den USA gestorben, doch die Behörden befürchten auch dies.

Mundschutz gegen die Verbreitung der Grippe

Seit der Vogelgrippe im Jahr 2005 reagieren die US-Amerikaner sensibel auf Grippeerkrankungen. Die Behörden versuchen daher vor allem, übertriebene Sorgen zu beschwichtigen. Sie befürchten, dass der Betrieb in den Krankenhäusern erheblich beeinträchtigt werden könnte, wenn Patienten mit harmlosen Erkältungen aus Furcht vor der Schweinegrippe massenhaft die Kliniken stürmen. "Das Letzte, was New York jetzt brauchen kann, ist eine Grippepanik", so die Gesundheitsbehörde der Stadt. In New York richten sich an diesem Sonntag alle Blicke auf die katholische St. Francis Preparatory School im Stadtteil Queens. Acht Schüler haben sich hier mit dem Virus infiziert. Mindestens 15 Schüler waren gerade in Mexiko, zum Feiern, beim Spring Break in Cancún. Dort haben sie sich wohl mit der Seuche infiziert.

30 weitere Verdachtsfälle aus dem New Yorker Stadtteil Bronx werden überprüft. Hier und in Queens leben viele Einwanderer und Saisonarbeiter aus Mexiko, die regelmäßig zwischen den USA und Mexiko hin- und herfliegen. "Die wichtigste Botschaft an die Öffentlichkeit: Wenn Sie husten oder niesen, halten Sie ihren Mund bedeckt", sagt Thomas Frieden, der Gesundheitsbeauftragte von New York, eindringlich in die Fernsehkameras. Und New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg riet Bürgern, die sich krank fühlten, zu Hause zu bleiben und nicht zur Arbeit zu gehen. "Wir haben hier immer Grippe, und vielleicht ist es nicht ernster als sonst", sagte er. "Aber niemand kann das jetzt sagen." Vielleicht ist New York nach Mexiko-Stadt die nächste Millionenmetropole, in der ein Mundschutz vorübergehend zum Wahrzeichen wird.

FTD