HOME

Toiletten-Notstand: Der Lokus im Fokus

Für die meisten Fragen des Lebens gibt es Interessenvertretungen, nun haben Lobbyisten auch die Toilette entdeckt. Denn: 2,6 Milliarden Menschen müssen ohne Klos auskommen - ein Umstand, den die "World Toilet Organization" ändern will.

Von Niels Kruse

Das Thema, um das es im Folgenden gehen wird, ist gleichermaßen delikat wie banal. Und zudem von einer Vielschichtigkeit, die man dieser alltäglichen Verrichtung kaum zugetraut hätte.

Es fängt schon mit der Bezeichnung an. Zumindest in der deutschen Sprache gibt es kaum ein wirklich brauchbares Wort dafür. Eines, das man ruhigen Gewissens beim Großtanten-Geburtstag in die Gesichter der Verwandten rufen würde. Kurz gesagt: Es geht um den Toilettenbesuch.

Die im vergangenen Jahr gegründete "German Toilet Organization" (GTO) hat zu diesem Ort menschlicher Grundbedürfnisse nun eine Fülle erstaunlicher Fakten gesammelt: Laut GTO haben 2,6 Milliarden Menschen, das sind 42 Prozent der Weltbevölkerung, keinen oder nur unzureichenden Zugang zu Toiletten. Allein 700 Millionen Inder müssen ihr Geschäft im Freien verrichten - an Mauern und Bahngleisen, beobachtet von wohlhabenden Landleuten und staunenden Touristen.

Zudem sterben 50 Millionen Menschen jährlich an Durchfallerkrankungen, die nicht zuletzt aufgrund unhygienischer sanitärer Bedingungen übertragen werden. Und auch die Lungenkrankheit Sars kann sich ihren Weg in den menschlichen Körper über Klosetts bahnen.

Selbst in entwickelten Ländern wie Deutschland sei der Zustand öffentlicher Örtchen nicht immer ideal: Nur 30 Prozent aller Raststättentoiletten sei hygienisch unbedenklich, hat der ADAC herausgefunden. "Abgesehen davon, dass es für Frauen und Behinderte zu wenige oder nur ungeeignete öffentliche WCs gibt", wie Thilo Panzerbieter, Vorstand von GTO, sagt.

1,3 Milliarden Menschen mit Toiletten versorgen

Die GTO und deren Dachverband "World Toilet Organization" wollen diesen Umständen ein Ende setzen und haben sich das sportliche Ziel gesetzt, bis 2015 mit Hilfe von Bürgern, Sponsoren und Staaten 1,3 Milliarden Menschen Zugang zu einem Abort zu ermöglichen.

Um die Dringlichkeit ihres Anliegens zu verdeutlichen, wurde jetzt auf dem Potsdamer Platz in Berlin eine Ausstellung unter dem Namen "Toilette bedeutet Würde" eröffnet. Zu sehen sind 35 Figuren, die ihr Geschäft "geschützt" durch Blumenkübel, Einkaufstüten und Regenschirme verrichten - versehen mit der Frage: "Wo würden Sie sich verstecken?"

Es mag mit dem allgemeinen Unwillen zu tun haben, über das Thema zu sprechen, dass auf das Unterfangen der "Toilet Organization" vor allem mit Heiterkeit reagiert wird. Die Lobbyisten schert das nicht: "Wir werden oft ausgelacht", sagt GTO-Gründer und Bauingenieur Panzerbieter, "aber wir lachen dann mit". Wichtig sei es ihm, das "hinderliche Toiletten-Tabu" zu brechen - und wenn es sein muss, mit bizarren Beispielen über die weltweit unterschiedliche Klo-Kultur.

Wie benutzt man ein Dixi-Klo?

Als der Tsunami Ende 2004 große Teile Ostasiens überflutet hatte, überschlugen sich westliche Organisationen mit Hilfslieferungen, unter anderem auch in Form sanitärer Anlagen. In einigen Gebieten Sri Lankas standen plötzlich Batterien von Dixi-Klos. Die Helfer hatten angenommen, dass die Flut den Bewohnern auch die Toiletten weggespült hatten. "Doch dem war nicht so, die meisten Sri Lanker hatten vorher keine WCs und wussten nicht, wie man sie benutzt", so Uschi Eid, UN-Beauftragte für Wasser und sanitäre Grundversorgung.

Es sind kulturelle Eigenheiten wie solche, über die die Toiletten-Organisation ebenfalls aufklären will. Jack Sim, Gründer des Weltverbandes, versucht über ein neues "College" deshalb Aufklärungsarbeit leisten und seine Studenten erstmal über die grundsätzliche Benutzung informieren.

Und selbst die kann von Land zu Land variieren. So ist das Wasserklosett zum Beispiel schon mehr als 400 Jahre alt und entsprechend weit verbreitet, aber längst nicht für jede Region der Welt geeignet. Für wasserarme Gebiete eignen sich eher Trocken-WCs und die funktionieren nun einmal anders als Toiletten mit Spülung.

Probleme mit dem Abwasser

Dort aber, wo mit Entwicklungshilfegeldern sanitäre Wasseranlagen installiert werden, werde zu wenig über die Entsorgung der Fäkalien nachgedacht, beklagt die UN-Wasserbeauftragte Eid. So werde zwar für einen Zufluss gesorgt, das so genannte Abwassermanagement aber vernachlässigt - entweder aus Gedankenlosigkeit oder aus Tabugründen; über unreines Abwasser spreche man halt nicht. "Dabei eignen sich menschliche Fäkalien als wertvolle Rohstoffe für Bewässerung, Düngemittel und für die Energiegewinnung", so Uschi Eid. Ein entsprechendes ökologisches Hilfsprogramm namens Ecosan gibt es schon.

Sexy, soviel ist den Lobbyisten klar, wird das Toiletten-Thema trotz ihrer Bemühungen wohl nie so recht. "Wassertrinkende Kinder kann man gut vermarkten, Klos weniger", sagt Thilo Panzerbieter. Weltverbandschef Jack Sim aber sinniert schon über einen Welttoilettentag. Als Datum schwebt ihm der 19. November vor. Auch die UN-Sanitätsbeauftragte Eid ist begeistert und hat versprochen, das Ansinnen im New Yorker UN-Hauptsitz persönlich vorzutragen.

Themen in diesem Artikel