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Toni Krahl: "Wir waren voller Hoffnung"

Der Sänger der Rockgruppe City, Toni Krahl, über den Prager Frühling, dessen gewaltsames Ende im August 1968 und die Schikanen, die Langhaarige in der DDR erlebten.

Von Toni Krahl

Mein Vater war damals Korrespondent in London, meine Mutter durfte mit. Ich nicht. Ich musste in der DDR bleiben, untergebracht in einem Kinderheim. So kam es, dass ich diesen merkwürdigen Tag im brandenburgischen Nest Cöthen erlebte. Die Erzieher waren irre aufgeregt und wir Kinder ahnungslos. Bis zum Mittag, da ließ der Heimleiter uns antreten und redete über "antifaschistische Schutzmaßnahmen an der Grenze". Es war der 13. August 1961, der Tag des Mauerbaus, und ich war gerade elf.

Die Verluste waren für mich überschaubar: ein paar Matchbox-Autos weniger, das war's. Bis ich zwei Jahre später eine Platte der Beatles hörte: "Love Me Do". Es war wie eine Explosion, danach wurde alles anders. Zu den Beatles kamen die Stones, die Kinks. Und ein neues Outfit. Ohne Parka, Jeans und Blümchenhemden war man von gestern. Die Haare mussten über die Ohren gehen - mindestens.

Haare schneiden - mit Gewalt

Das war zu viel. Für die Erwachsenen waren wir "Gammler", für die Staatsmacht "feindlich-negativ eingestellte Elemente". Und für die Volkspolizei Freiwild. Es reichte, dass ich mit harmloser Beatlefrisur und Parka an irgendeiner Straßenecke stand, schon bremste eine Funkstreife neben mir. Ausweiskontrolle! Mitkommen aufs Revier! Weil angeblich mein Aussehen nicht mit dem Passfoto übereinstimmte. Ich hatte Glück, dass mein Vater mich da rausholte. Vielen Jungs wurden die Haare wieder "ordentlich" geschnitten - mit Gewalt, von der Volkspolizei. So fingen wir an, über Recht und Unrecht, Freiheit und Unfreiheit nachzudenken. Wir begannen zu lesen: die Verfassung, Camus, Salinger, Biermann. Wir hatten das Gefühl, eine neue Zeit bricht an. Die Revolution waren wir, die junge Generation. Und ich gehörte dazu! Mit meiner schwarzen Musima-Eterna-Gitarre, abgekauft von Henry Hübchen - damals Mitschüler, heute Schauspieler. Und mit meiner ersten Band "√-4", die sich abmühte, den Stones möglichst nahezukommen. Andere Beatgruppen kopierten die Beatles oder Animals.

Den Staatsorganen wurde es zu bunt, und sie reagierten wie gehabt: mit Verboten. Viele Bands durften nicht mehr auftreten, Langhaarige oft nicht in Klubs oder Milchbars, Filme und Bücher blieben unveröffentlicht. Mitten in diesen stickigen Mief wehte plötzlich ein frischer Luftzug aus der ΠSSR. Der Prager Frühling. Dort hatte die Reformerriege um Alexander Dub‡ek damit begonnen, dem Sozialismus die Freiheit zu geben. Meine Freunde und ich wurden hellhörig und fuhren mit dem Zug nach Prag. Uns empfing eine Atmosphäre voller Toleranz, Liberalität, Offenheit. An den Kiosken gab es Westzeitungen, an Ständen wurden Beatplatten verkauft, und auf dem Wenzelsplatz saßen Jugendliche, die diskutierten oder einfach irgendwelche Songs sangen. Wir waren fasziniert, voller Hoffnung. Und am Tag nach unserer Rückkehr konnten wir in den DDR-Zeitungen wieder lesen, wie schlimm das da alles ist.

"Staatsfeindliche Hetze"

Dann kam der 21. August 1968, der Tag, an dem sowjetische Panzer in Prag einrollten. Ich war erschüttert, sprachlos, wütend. Meinen Freunden und mir war sofort klar: Das darf nicht unwidersprochen bleiben. Gleich am nächsten Tag sind wir in die ΠSSR-Botschaft gegangen, um unsere Solidarität mit Dub‡ek zu bekunden. Am Abend haben wir dann kleine Zettel in Jugendklubs verteilt, auf denen wir zu einer Schweigedemonstration vor der sowjetischen Vertretung aufriefen. Treff: 25. August, 17 Uhr, Unter den Linden. Und da standen wir dann. Etwa 80 Jugendliche und mindestens so viele Stasi-Leute. Kurz vor dem "Zugriff " sind wir abgehauen. Es half nicht. Drei Wochen später musste ich "zur Klärung eines Sachverhalts" ins Polizeipräsidium am Berliner Alex. Nach 15 Stunden Verhör wurde Haftbefehl erlassen. Als die Zellentür hinter mir zuknallte, dachte ich noch, das kann nur ein, zwei Tage dauern.

Es dauerte länger. Ende November wurde ich wegen "staatsfeindlicher Hetze" zu drei Jahren Haft verurteilt. Die Westpresse berichtete darüber und machte die Genossen so nervös, dass ich kurz vor Weihnachten entlassen wurde, auf Bewährung. Und das alles für einen Aufruf zum Schweigen.

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