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Transsexualität: Die Opernsängerin, die im dunklen Bariton singt

Die Opernsängerin Lucia Lucas lebte mehr als 30 Jahre im Körper eines Mannes. Sie hat den Bariton eines Mannes. Auf der Bühne steht sie meist: als Mann.

Von Barbara Opitz

Transsexualität: Lucia Lucas in der Rolle ihres Lebens

Eine Stunde brauchen die Maskenbildner, um Lucia Lucas in den Mann zurückzuverwandeln, der sie nie war

Als er auf einmal nicht mehr Lucas Harbour war, an einem Samstag im Mai 2014, haben alle gestaunt.

Lucas Harbour, der mit dem kantigen Kinn und den starken Oberarmen, so kannten sie ihn. Ein richtiger Mann. Wie ein Baum, so viel Kraft. Wie er auf die Bühne stürmte, diese Wucht. Und erst die Stimme. Donnernd, mit diesem gewissen Extra, dem metallischen Klang. Eine Heldenstimme. Der Baritonist Lucas Harbour war einer der Stars an der Karlsruher . Und er war Kollege, Freund. Ehemann.

Lucia Lucas, wie er ab jenem Samstag im Mai 2014 hieß und die sie eigentlich schon immer war, wählte für den Opernball ein schwarzes Kleid mit ein wenig Spitze. Knöchellang, zurückhaltend. Kein Plüsch, kein Pomp, nichts Übertriebenes. Früher war sie immer in die Vollen gegangen, sobald sich die Gelegenheit ergab, ein Maskenball etwa, eine Halloweenparty. Hatte sich in eine Femme fatale verwandelt, sexy, mit Netzstrümpfen und rubinroten Lippen.

"Das gehört sich nicht für einen Jungen"

Aber das hier war kein Maskenball, kein Spaß. Ein Opernball ist wichtig. Sich zeigen, sich vor den anderen präsentieren. Den Kollegen und dem Publikum, den Politikern und Wirtschaftsmenschen der Stadt. Unter schweren Kronleuchtern, im warmen Licht, lächeln, kreisen, tanzen. So ein Opernpublikum ist anspruchsvoll. Den Lidstrich hatte sie ganz fein gezogen, die dunkelblonden Haare schon länger wachsen lassen. Sie trug an diesem Abend eine Wasserwelle, so wie .

Sie hatte schon immer geahnt, was mit ihr los war, spätestens seit ihr als Kind erklärt wurde, dass Jungs nicht mit Puppen spielten, damals in , wo sie aufwuchs. Wie das denn aussehe, hatten die Eltern gesagt und ihr über den Kopf gestreichelt.

Lucia Lucas in Wuppertal mit ihrer Ehefrau Ariana. Mit 17 begegnete diese dem 22-Jährigen mit dem markanten Kinn und den starken Oberarmen. 2009 heirateten sie in Chicago

Lucia Lucas in Wuppertal mit ihrer Ehefrau Ariana. Mit 17 begegnete diese dem 22-Jährigen mit dem markanten Kinn und den starken Oberarmen. 2009 heirateten sie in Chicago

Rosa. Die Farbe hatte eine magische Anziehungskraft auf sie gehabt, im Spielzeugladen, der Glitzer, der Tüll. Prinzessinnen, Feen, Barbies. Sie bekam stattdessen Lego geschenkt, damit konnte man nicht viel falsch machen. Sie hatte sogar einen besten Freund, einen Kumpel, wie Jungs das so haben. Aber irgendwie hatte sie dann doch immer lieber mit dessen Schwestern gespielt. Und wenn der Vater wieder sagte, dass sie für einen Jungen viel zu lange Haare habe, dann beschlich sie ein beklemmendes Gefühl. Jedes Mal saß sie auf dem Friseurstuhl wie ein Tier in der Falle, die Füße reichten kaum bis zum Boden.

Das Gefühl für die eigene Person hat immer auch mit den anderen zu tun. Um sich seiner selbst zu vergewissern, braucht es immer ein Austarieren zwischen dem "Ich" und dem "Die". Bei Lucia aber wurde es vor allem eine Sache der anderen. "Das gehört sich nicht für einen Jungen" – wie oft hat sie diesen Satz gehört.

Unter der Matratze lagen die Kleider der Stiefmutter

Sie gewöhnte sich daran, bestimmte Dinge nur für sich zu tun, heimlich. Privatangelegenheiten einer Acht-, Neun- oder Zehnjährigen. Der Rest war für die anderen bestimmt. Das funktionierte und war gar nicht so schlimm. Nur wenn man ihr auf die Schliche kam, stieg in ihr Scham auf. Etwa wenn sie die Schminktasche der Mutter gefunden hatte und kurz darauf Lippenstift und Lidschatten ungeschickt verteilt auf ihrem Kindergesicht leuchteten.

Und tatsächlich schlimm wurde es, nachdem sie zum Vater gezogen war. Die Eltern hatten sich getrennt. Ein neuer Lebensabschnitt, Highschool, ein eigenes Zimmer. Und dann das. Als sie nach Hause kam, sie war 13, da saß der Vater in ihrem Zimmer. Er hob die Matratze hoch und legte alles frei, was Lucia im Innern war. "Was soll das?" Er brüllte nicht, er zischte die Worte leise. Unter der Matratze lagen die Kleider der Stiefmutter, die Lucia aus der Wäsche gezogen hatte. Um zu probieren, wie es sich anfühlt, ein richtiges Mädchen zu sein.

Sie hatte sie studiert, die Mädchen. Hatte gesehen, dass sie waren wie sie.

In Wuppertal singt Lucia Lucas den Grafen von Monterone in Verdis "Rigoletto"

In Wuppertal singt Lucia Lucas den Grafen von Monterone in Verdis "Rigoletto"

In ihrem Umfeld, in dieser Zeit, wusste kaum einer, dass es Menschen gibt, die im falschen Körper geboren werden. Der Vater hatte sowieso wenig Ahnung von Lucia. Er dachte, es sei ein Fetisch. Dabei war es viel einfacher: Immer wenn Lucia Frauenkleider trug, ganz für sich allein, dann kam Ruhe über sie. Das Gefühl, bei sich zu Hause zu sein, so sagt sie es. Der Vater befahl Lucia dennoch, zurück zur Mutter zu ziehen, noch in derselben Woche.

Transsexualität: Sie macht eine "Geschlechterreise"

Eine Geschlechtsumwandlung ist ein langer Prozess. Deshalb spricht Lucia Lucas von einer Geschlechterreise. Heute, gut drei Jahre nach jenem Tag im Mai 2014, trägt sie langes, dichtes Haar. Ihre Haut ist glatt, ihre Bewegungen sind rund. Wenn sie lacht, wirft sie die Locken in den Nacken, ihre Stimme klingt dabei ein wenig schrill. Sie hat sich angewöhnt, heller zu sprechen, das komme von ganz allein, sagt sie, wenn man als Frau lebe, "eine Kopfsache". Am liebsten trägt Lucia Jeans und eng anliegende Tops, das Haar offen, manchmal locker hochgesteckt.

Nur vor den Aufführungen wird es Strähne für Strähne eingerollt, mit Spangen dicht an die Kopfhaut geknipst und mit einem engen Netz umspannt. Geht es um die Musik, ist Lucia alles andere egal. Die Maskenbildnerin an der Wuppertaler Oper hat viel zu tun, sie in einen Mann zurückzuverwandeln, in den Grafen von Monterone aus Verdis Oper "Rigoletto".

Erst Jahre später erkannte Ariana, dass sie eigentlich eine Beziehung mit einer Frau führt

Erst Jahre später erkannte Ariana, dass sie eigentlich eine Beziehung mit einer Frau führt

Sie pudert das Gesicht, trägt eine klebende Wachsschicht auf und verteilt den Bart – drei Millimeter langes Echthaar – vorsichtig mit dem Pinsel. Unter die Augen schminkt sie tiefe Schatten, die Brauen verdichtet sie mit dunkler Quaste, um auf der Bühne die Gesichtszüge gröber wirken zu lassen. Eine Stunde dauert die Prozedur, bis die Männerperücke aufgezogen und angedrückt wird und Lucia Lucas die wirren Haare des Grafen ins Gesicht fallen. Sie schlüpft in das Korsett, das ihr die Brust abdrückt, und in die Unterhose, die vorn ein wenig ausgestopft ist, eine Art Wonderbra für Männer, der ihr das Gefühl gibt, sie habe dort unten etwas. Um sich besser zu erinnern, wie es ist als Mann.

Die einzige Heldenbaritonistin weltweit

Wenn Lucia sich ein letztes Mal prüfend betrachtet, sieht sie nicht ihr Selbst dort im Spiegel. Nur den Grafen. Eine Rolle. "Ich sehe gut aus!", sagt sie dann. Auf der Bühne wirft sie kraftvoll den Umhang von sich, steht breitbeinig, erhebt die Faust in drohender Gebärde, ihre Stimme ist wuchtig, sie donnert so, dass die ersten Stuhlreihen im Zuschauerraum vibrieren. Ein Heldenbariton. Eine Heldenbaritonistin, die einzige weltweit. Auf der Bühne einen Mann zu spielen fällt ihr nicht schwer. "Oh bitte", sagt sie, "come on!" Sie habe schließlich lange genug trainiert, einen Mann zu spielen. "Es ist die Rolle meines Lebens."

Nach der Sache mit ihrem Vater hatte sie eigentlich beschlossen, ein Mann zu bleiben. Obwohl die Mutter schon früh verstand, ein klein wenig zumindest: irgendwas mit schwul. "Ich werde dich immer lieben", sagte sie. "Aber dieses Leben ist so schwer." In diesem "Aber" schwang eine Bitte. Oder eine Drohung. Doch Lucia stand gar nicht auf Männer. Sie stand erst mal auf gar nichts. Sexualität ist nicht so wichtig, solange man nicht weiß, was man ist. Wer man sein darf.

Damals hieß Lucia noch Lucas Harbour. Das Kind ahnte früh, was mit ihm los war

Damals hieß Lucia noch Lucas Harbour. Das Kind ahnte früh, was mit ihm los war

Was die Mutter sagte, leuchtete ihr dennoch ein. Ein Mann zu bleiben schien einfacher. Vor allem, als die Musik in Lucia Lucas' Leben trat. Opernbesucher sind anspruchsvoll, all die wichtigen Leute einer anderen Generation. Sie würden nicht verstehen. Die Oper ist heute keine provozierende Kunst mehr, kein gesellschaftliches Ventil wie das Theater. Sie ist Unterhaltung, es geht um Genuss, um Schönheit. Ein Bariton gesungen von einer Frau? Eine Baritonistin? Das passte nicht, das konnte es nicht geben, hatte Lucia gedacht.

Lucas war ein sexy Teufel. Sie knutschten

Und die Musik ist etwas Großes. Man ordnet sich ihr unter. Lucia Lucas sagt Sätze wie: "Ich bin eine Opernmaschine." Sie benutzt oft das englische Wort "career". Ehrgeizig ist sie, Profi durch und durch. Keine Diva. Oper ist ein hartes Business. An die 50 Vorstellungen hat sie als Lucas Harbour in Karlsruhe innerhalb eines Jahres gesungen, gefeiert von Publikum und Kollegen. Geht es um die Musik, dann macht ihr Stress nichts aus. Musik ist Erleuchtung, war immer schon alles für sie. Auch dann noch, als Ariana in ihr Leben trat.

Mehr als ein Jahr schlichen sie umeinander herum. Immer die Augen des anderen im Blick, da war so ein Flackern, ein Sich-gesehen-Fühlen. Ariana war 17, Lucia, die damals noch Lucas hieß, war schon 22 und hatte dieses markante Kinn und diese starken Arme. Ein Bild von einem Mann. Beide studierten in Sacramento Musik. Als Lucas die Kommilitonen zu einer Halloweenparty einlud, kam Ariana als Fee verkleidet. Lucas war ein sexy Teufel. Sie knutschten.

Früher war Lucia Lucas "ein Bild von einem Mann"

Früher war Lucia Lucas "ein Bild von einem Mann"

Ein paar Monate nach der Party wurde Ariana von einem Freund gewarnt. "Der trägt heimlich Kleider", sagte er. Ariana sprach Lucas sofort darauf an. "Was heißt das? Und was ist, wenn wir in zehn Jahren verheiratet sind und Kinder haben, und du willst dann eine Frau sein?" Lucas antwortete: "Niemals!" Das Thema war abgeschlossen. Das dachte sie wirklich.

Als Lucia für den "Masters of Opera" in das 2000 Meilen entfernte Chicago zog, war die Sehnsucht groß. Aber die "career" ging vor. Lucia hatte Zeit zum Nachdenken. Und manchmal erwischte sie sich dabei, sich vorzustellen, sie sei ein Weltstar. Wichtig genug, um zu zeigen, wer sie war. Wer so gefeiert wurde, so groß war, dem würde nichts passieren. Auch nicht in der Oper.

Heute überlegt Ariana, ob sie vielleicht schon immer mehr auf Frauen stand

Als Ariana endlich nachkam, hatte sich etwas verändert. Ariana war Lucias Herzensmensch geworden. Ihr konnte sie sich zeigen. Und so trug sie ab und an daheim, auch wenn Ariana dabei war, Frauenshorts, die ganz kurzen. Oder enge Tops. Da war es wieder, dieses Zu-Hause-Gefühl. Sie redeten nicht viel darüber. Es entwickelte sich einfach. Kurz vor ihrer Hochzeit muss es gewesen sein, 2009, und ein paar Monate bevor Lucia nach Deutschland ging, als Ariana plötzlich genau hinsah, plötzlich die echte, die wirkliche Lucia entdeckte. Wer sie war. Sie hatten einen schönen Tag, lagen abends zusammen im Bett. Ariana wusste jetzt, dass ihre Liebesbeziehung eine zwischen Frauen war. Heimlich, privat. Dieses "Mr und Mrs Harbour" war fortan nur noch für die anderen bestimmt. Heute, in den ganz ehrlichen Momenten, überlegt Ariana sich, ob sie vielleicht schon immer mehr auf Frauen stand.

Heute, nach ihrer "Geschlechterreise", fühlt sich Lucia Lucas endlich in sich zu Hause:

Heute, nach ihrer "Geschlechterreise", fühlt sich Lucia Lucas endlich in sich zu Hause:

Das Stipendium an der Deutschen Oper Berlin war eine Chance. Es folgte ein Vertrag in Heidelberg. Dann Karlsruhe. Diese Begabung, dieser Ehrgeiz. Lucia hatte als Lucas Harbour viel erreicht auf den Bühnen, sogar auf den großen, etwa in Turin. Opernmaschine.

Lucia war dennoch nicht berühmt genug, um schockieren zu dürfen. Kein Weltstar. Vielleicht würde sie nie einer sein.

"Wenn du aus einem engen Raum heraustrittst, siehst du alles besser", sagt Lucia. Sie sagt das mit diesem amerikanischen "R". Im November 2013, als die Karlsruher Oper ein Gastspiel in Daegu, Südkorea, gab, war sie raus aus dem Alltag, raus aus Karlsruhe. Jede Nacht skypte sie mit Ariana daheim in Karlsruhe, stundenlang. Lucia ging es nicht gut. Ariana war es, die es ansprach. "Du musst zu einem Spezialisten gehen und dich erkundigen." Für Lucia war das, als würde Ariana sagen: "Mach es!" Es war ein zauberhafter Moment.

Endlich über sich selbst bestimmen

Lucia hatte im Grunde schon gewusst, dass sie nicht mehr darauf warten wollte, ein Weltstar zu werden. Sie war 33, bald schon würde es in die "Alte-Männer-Richtung" gehen, wie sie es nennt, bald würden die Geheimratsecken kommen und all das. Am nächsten Tag schlenderte Lucia durch die Straßen von Daegu. Sie hatte auf einmal Hunger auf Salat, wollte gut zu sich sein. Sie kaufte sich allerlei Düfte und Cremes. Abends stieg sie in die Wanne und legte sich eine Gesichtsmaske auf. Sie fand das Gefühl grandios, über sich selbst zu bestimmen.

Wer als Transmensch Hormone bekommen will, diese feinen Substanzen, die einen anders riechen, die Haut von einem Tag auf den anderen weicher erscheinen und die Schokolade so viel süßer schmecken lassen, der muss eine Zeit lang als das andere Geschlecht leben. Nicht nur für sich, sondern vor den anderen. So ist in Deutschland die Regel.

Den Auftritt auf dem Opernball an jenem Abend im Mai 2014, an dem sie für die anderen auf einmal nicht mehr Lucas Harbour war, hatte sie genau geplant. Ariana und Lucia gingen in Karlsruhe einkaufen, ein Riesenspaß. 300 Euro gaben sie für Schminke aus. Und es musste das schwarze Kleid mit der Spitze sein, Lucia hatte es bei Karstadt entdeckt. Sie waren aufgeregt, und an dem Morgen jenes Maitags kam die Angst dazu. "Rauskommen", wie es Lucia nennt, sich vor den anderen offenbaren. Ein einziger Moment, und es gibt kein Zurück. Alles war so neu, zu Hause vor dem Spiegel standen jetzt zwei Frauen. Ariana trug einen Anzug, Ariana trug sonst nie Anzüge, auch wenn dieser tailliert war, mit weit ausgeschnittenem Dekolleté. Sexy.

An den Stimmbändern eines ausgewachsenen Mannes richten weibliche Hormone nicht mehr viel an

Die anderen nahmen zuerst Ariana wahr. "Oh, wow, siehst du gut aus", sagten sie. Erst ein paar Sekunden später erkannten sie Lucas Harbour, der nun Lucia war. "Oh, wow!", sagten sie wieder.

Es hatte sich gut angefühlt, auch in der Zeit danach. Der Intendant hatte sie umarmt, noch einmal nachgefragt – wegen ihrer Stimme, der Rest sei Privatsache. "Da ändert sich nichts", hatte Lucia geantwortet. An den Stimmbändern eines ausgewachsenen Mannes richten weibliche Hormone nicht mehr viel an. Doch die Oper ist eine eigene Welt, das Publikum anspruchsvoll. Und als ein Kollege zur Begrüßung grölte, "die größten Eier hat Lucia", sollte das sicher lustig sein. Lucia aber fand das nicht so.

Sie begab sich auf ihre Reise. Zwei Jahre. Zwei Jahre, in denen Lucia viele Ärzte besuchte, Internisten, Psychologen, Hormonspezialisten, Chirurgen. Das Gesicht war ihr das Wichtigste. Den Bartansatz ließ sie sich lasern. Ein Schönheitschirurg in Antwerpen trug anschließend einen Teil ihrer Oberaugenknochen ab. An der Stirn ein dünner Schnitt, die Haut zog er nach oben, um die Brauen zusätzlich zu erhöhen. Zuletzt formte er Lucias Haaransatz zu einem weichen Oval, so wie es die meisten Frauen haben. Formte das "M" weg, das bei Männern mit den Jahren immer deutlicher wird. Mit ihrer recht kurzen Nase hatte Lucia immer schon Glück. Auch ihren Adamsapfel sah man nie. Für die Geschlechts-OP kam Lucias Mutter aus den USA angereist. "Ich werde dich immer lieben", hatte sie schließlich gesagt. Zusammen flogen sie nach Thailand, dort operiert ein Spezialist mit einer besonderen Methode, dank derer sich am Ende alles so natürlich anfühlt.

Das ist jetzt anderthalb Jahre her. Heute lebt Lucia nicht mehr in Karlsruhe.

Eine Baritonistin – wie kann das sein?

Der neue Operndirektor übernahm schon ein paar Monate nach dem Ball. Er kam direkt aus Moskau, ein Verfechter der alten, traditionellen Oper. Ein Belcanto-Liebhaber, klassische italienische Schule. Man hatte Lucia gleich gewarnt, es könne sein, dass unter diesen Umständen ein Regisseur vielleicht keine Lust habe, mit ihr zu arbeiten. Eine Baritonistin, wie kann das sein? Lucia war sicher, dass dies nicht passieren würde. So viele Regisseure hatte sie kennengelernt. So viele Regisseure mochten sie, den Profi, mochten, wie sie jetzt war. Lucia sagt, sie liebe Regisseure.

Ihr Vertrag wurde 2015 dennoch nicht verlängert. Die Stimme sei auf einmal trocken geworden, hatte man ihr gesagt. Obwohl sie als Lucia Lucas in ihrem letzten Jahr so viele Produktionen gesungen hatte wie noch nie. In einer Rolle, die des Fords in "Falstaff", sang sie sogar so gut wie nie zuvor, sagt sie. Vielleicht lag es ja doch nur an der Belcanto-Sache, meint Lucia. Ihr liege mehr das Dramatische, Wagner oder der späte Verdi. Es war Zeit für etwas Neues.

Sie stürmte mit Wucht auf die Bühne

Ihr Auftritt in Darmstadt, gleich nach der Zeit in Karlsruhe, wurde ein Riesenerfolg, ebenso die Wuppertaler Inszenierungen, "Hoffmanns Erzählungen", "Don Giovanni", zuletzt Verdis "Rigoletto". Bernd Feuchtner, ehemaliger Operndirektor in Salzburg und später auch Chefdramaturg in Karlsruhe, kam eigens von Berlin nach Wuppertal, um Lucia in Sergej Prokofjews Märchenoper "Die Liebe zu den drei Orangen" zu sehen. Sie spielte darin den Magier Celio, diesmal sogar als Frau, in einem roten Abendkleid und schwarzen Seidenhandschuhen. Sehr modern, sehr provokant. Das Spiel mit den Geschlechtern. Wie sie da auf die Bühne stürmte, diese Wucht. Diese tiefe Stimme. Donnernd. Feuchtner sagt, sie beherrsche beide Rollen, die Frau und den Mann. Eine Baritonistin sei eine große Chance für die Opernwelt.

Lucia Lucas lebt jetzt in Wuppertal, Ariana wird ab der neuen Spielzeit in Karlsruhe zu sehen sein. Sie hat dort eine Festanstellung. "Cool" findet Lucia das. Nachts skypen sie, 300 Kilometer voneinander entfernt. Die "career" geht vor.

Lucia Lucas ist Kollegin, Freundin. Ehefrau. Sie wird nicht die einzige Baritonistin bleiben. Die ersten haben sich schon bei ihr gemeldet. Haben sie gefragt, wie man das macht in dieser Opernwelt. Noch sind es wenige. Ein Londoner Sopran ist dabei, ein Mann im Körper einer Frau. Er wird "rauskommen“" sagt Lucia. Mehr will sie nicht verraten. Noch sei es vielleicht zu früh.

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