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Trauerfeier für Tuğçe Albayrak: "Gott, nimm den Hass aus den Herzen"

Mit einer bewegenden Trauerfeier haben über tausend Menschen Abschied von Tuğçe Albayrak genommen. Türken und Deutsche gedachten einer mutigen jungen Frau, die ihre Courage mit dem Leben bezahlte.

Von Frank Brunner, Bad Soden-Salmünster

Auf den Friedhof im hessischen Bad Soden-Salmünster, nur wenige Schritte von einer kleinen Kapelle mit dem christlichen Kreuz, findet Tuğçe Albayrak ihre letzte Ruhe. An diesem Mittwoch haben sich Familie und Freunde von der 23-jährigen, türkischstämmigen Studentin verabschiedet.

Tuğçe Albayrak hatte am 15. November zwei jungen Mädchen geholfen, die in einem Offenbacher Fastfood-Restaurant von mehreren Männern belästigt wurden. Einer der Männer, ein 18-Jähriger, soll vor dem Restaurant auf Tuğçe Albayrak gewartet und sie mit einem Schlag traktiert haben. Die junge Frau stürzte zu Boden und blieb bewusstlos liegen. Schwere Hirnverletzungen diagnostizierten die Ärzte; am vergangenen Freitag beendeten die Ärzte die lebenserhaltenden Maßnahmen. Der mutmaßliche Täter wurde festgenommen und sitzt in Untersuchungshaft. Ihm wird Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen.

Sarg zwischen türkischer und deutscher Flagge

"Wir sind bestürzt und traurig, wir wollen nicht, dass sich Menschen so etwas antun", sagte der Trauerredner bei der Beerdigung in Bad Soden-Salmünster. Hunderte Menschen hatten sich um das Grab versammelt und gedachten der mutigen jungen Frau. "Tuğçe ist hier in Saalmünster geboren worden, sie ist hier zur Schule gegangen, hier war sie Klassensprecherin und hier wird sie jetzt beerdigt", erinnerte der Trauerredner am Mittwochnachmittag. "Wir danken dir, lieber Gott, für jeden Tag, den du uns mit Tuğçe geschenkt hast", schloss er sein Gebet. Direkt neben ihm standen der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und der türkische Botschafter in Deutschland, Hüseyin Avni Karslıoğlu. Bouffier wirke sichtlich betroffen, als er mit Karslıoğlu und einem Imam an der Spitze des Sarges lief, den junge Muslime vom Friedhofseingang zum Grab trugen.

Die Trauerfeier hatte gegen Mittag in der Moschee des türkisch-muslimischen Dachverbandes im hessischen Wächtersbach begonnen. Vor dem Gotteshaus hatten die Gemeindemitglieder eine türkische und eine deutsche Fahne gehisst. Viele junge Menschen waren gekommen, um Abschied zu nehmen; einige ältere muslimische Frauen weinten. Die Trauergäste trugen kleine Bilder von Tuğçe an ihren Jacken. "Tuğçe 1991 - ∞", stand darunter. Sie werde nicht vergessen, sie lebe in den Herzen der Menschen weiter, sollen das Geburtsdatum und das Zeichen für Unendlichkeit symbolisieren. Vor der Moschee lag ein Trauerkranz aus roten Rosen. "Es hätte auch meine Tochter sein können", steht auf der Schleife. Kurz vor ein Uhr wird der Sarg mit Tuğçe vor der Moschee aufgebahrt. "Unser Prophet Mohammed hat gesagt, begeht gute Taten, Tuğçe hat Zivilcourage gezeigt". "Wir gedenken Tuğçe und bitten um Gottes Barmherzigkeit und Gnade", sagte der Imam bei der muslimischen Trauerfeier.

Viele Türken dankbar für die Anteilnahme

Anschließend fuhren die Trauergäste mit Sonderbussen zum Friedhof ins nahgelegene Bad Soden-Salmünster. In einem der Busse sitzt Abdulkadir Karaoglan. Der Diplom-Volkswirt lebt seit 45 Jahren in Deutschland. "Meine Kinder sind hier geboren, in der Türkei haben wir kaum noch Verwandte" erzählt er. Abdulkadir Karaoglan ist ein freundlicher älterer Herr, der erkennbar um Fassung ringt. Es sei gut, dass sie in Deutschland begraben werde, sagt er. Hier habe sie gelebt, hier soll sie nun ruhen.

Karaoglan kannte Tugce aus einem Restaurant, in dem die Studentin neben ihrer Ausbildung an der Hochschule gekellnert hatte. "Nur wenig Menschen zeigen solche Courage", betont Karaoglan. "Dass Tuğçe an andere Menschen dachte, sieht man auch daran, dass sie einen Organspenderausweis besessen habe: "Das ist in Deutschland und in der Türkei eher unüblich." Der Tod Tuğçe und die Reaktionen würden in seiner alten Heimat sehr aufmerksam verfolgt, erzählt er weiter. "Es ist gut, dass die Deutschen so sehr Anteil nehmen", sagt er. Es sind Worte, die man häufig hört an diesem Tag. Viele Menschen in der türkischen Gemeinde sind dankbar, dass sie die Möglichkeit haben, Abschied zu nehmen. Als der Bus hält, steigt Abdulkadir Karaoglan aus, geht gebeugt zum Friedhof.

Dort warteten die Menschen in eisiger Kälte - Türken, Deutsche, türkischstämmige Deutschen mit Rosen, Kerzen und kleinen Blumengebinden - um Tuğçe Albayrak die letzte Ehre zu erweisen. Viele mit Tränen in den Augen. Es war ein Bild von besonderer Symbolkraft, dass Muslime und Christen gemeinsam auf einem christlichen Friedhof trauerten. Und es war ein berührender Abschied. Still wurde es, als der Geistliche versuchte, die Freunde und Angehörigen zu trösten. "Wir bitten dich, Gott, dass deine Engel Tuğçe mit hinüber nehmen in dein Reich, wir bitten dich, dass du den Hass aus den Herzen der Menschen nimmst", betete er.

"Tuğçe hat selbst nach ihrem sinnlosen Tod die Menschen vereint", sagt Fadime Öztürk. Die 40-Jährige sitzt nach der Trauerfeier in der kleinen Teestube im Erdgeschoss der Wächtersbacher DITIP-Moschee. Hier treffen sich die muslimischen Trauergäste zur Stunde. An der Wand hängen übergroß die türkische und die deutsche Fahne und Fotografien aus Anatolien. Der kleine Raum ist voll, etwa 40 Frauen und Männer diskutieren aufgewühlt über den Tod der Studentin. "Wir leben in einer zunehmend egoistischen Gesellschaft und deshalb ist es beeindruckend, dass sie einfach so helfen wollte", sagt Fadime Öztürk. Mit sechs Jahren kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland. Seit vielen Jahren arbeite sie als Krankenschwester. "Es ist gut", sagt Fadime Öztürk, "dass so viele Menschen auf dem Friedhof waren."

Dort war der Geistliche, inmitten der Trauer, zu einer großen Geste fähig. "Ich werde auch den Täter in mein Gebet einschließen", sagte er ganz am Ende seiner Rede und fügte hinzu: "Möge er seine Tat bereuen und verstehen, was er angerichtet hat".

  • Frank Brunner