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Winnemuth-Kolumne: Mit Elfen im Seelenknast - über Malbücher für Erwachsene

Malbücher für Erwachsene erreichen Millionenauflagen. Da darf man mit Recht fragen, ob die Käufer noch alle Stifte im Schrank haben, findet unsere Kolumnistin.

Die Hand eines Mannes, der eine Kuh-Figur in einem Malbuch ausmalt

Malbücher und Mal-Zeitschriften für Erwachsene liegen im Trend - sehr zum Unverständis unserer Kolumnistin

Wenig verblüfft mich mehr als moderner Zeitvertreib, auf den sich zeitgleich Menschen ganz unterschiedlicher Kulturen verständigen können. Bedürfnisse, die alle vereinen, Freiwilligkeiten, auf die sich eine unerwartete Mehrheit einigen kann. Damit meine ich plötzlich aufflackernde und sich ebolamäßig verbreitende Obsessionen wie Tamagotchi, Rubik’s Cube, Sudoku, World of Warcraft – nennen wir sie kurz UGMs, unerklärliche globale Megatrends, vor denen alle Forscher, die auf –ologen enden, nur noch die Ratlosigkeits-Vokabel "Phänomen" zücken können.

Das diesjährige Phänomen sind Malbücher für Erwachsene, der stern berichtete bereits. Die Verkaufszahlen sind verstörend, allein das süßliche Bäumchen-und-Blümchen-Werk "Mein verzauberter Garten" hat sich bislang neun Millionen Mal verkauft, und das in 40 Ländern. Monatlich kommen Dutzende neue Vorlagen mit Motiven wie Elfen, Eulen oder Kätzlein hinzu und mit grundsätzlich magischen und verzauberten Titeln wie "Fantasievolle Fabelwesen" oder "Traumfänger: Die Reise eines Seelenvogels" ("Die Rückseite ist leer. So können Sie ein Bild erstellen, das sich perfekt zum Einrahmen und Aufhängen eignet" – gute Güte, auch noch aufhängen, den Schrott?). Anfangs lief der Absatz vornehmlich online, an der Kasse wollte man sich damit nicht erwischen lassen. Inzwischen sind alle Dämme gebrochen, die ersten Ausmalzeitschriften erscheinen, die Tische in den Buchhandlungen biegen sich, und ein Malbuch zu kaufen scheint auch nicht viel peinlicher, als "50 Shades of Grey" mit sich herumzutragen.

Die brechen so oft ab, menno!

 Lustig wird es ja immer dann, wenn mit Rechtfertigungen für offenkundig Infantiles hantiert wird, wenn das komplett Sinnfreie einem höheren Sinn dienen soll. Sudoku versprach Gehirntraining – stattdessen ergab sich, dass man durch viel Sudoku-Lösen in nichts besser wurde außer im Sudoku-Lösen. Die Malbücher hingegen haben sich als Allzweck-Therapeutikum gegen die Zumutungen der Moderne alle einschlägigen Vokabeln (Zen/Achtsamkeit/Entspannung/Meditation) draufgebappt: Sie bieten Mandalas, damit man sich auch im Ostwestfälischen wie ein tibetischer Mönch fühlen kann, sie tragen Versprechen wie: "Komm zur Ruhe: Mit friedvollen Bildern vom Alltag entspannen" oder "Meditation: Mit wundervollen Bildern alle Sorgen gehen lassen" und verheißen Kreativität ohne die geringste Begabung – Hauptsache, man malt immer schön innerhalb der Linien. Das einzige Talent, das man benötigt: regelmäßig die Buntstifte nachspitzen. Und selbst das überfordert einige, wenn man den Amazon-Rezensionen der Faber-Castell-Box mit 48 Farben trauen kann: Die brechen so oft ab, die doofen Stifte, menno!

Natürlich wird der Untergang des Abendlandes auch dieses Mal ausbleiben, Kulturpessimisten können also ruhig den Rotstift stecken lassen. Letztlich ist der Malbuch-Hype nur eine Art analoger Egoshooter für Frauen, ein Ballerspiel mit Buntstiften – die Zeit wird mit pinkfarbenen Knüppelchen totgeschlagen statt mit einer Uzi niedergemäht. Aber auffällig ist es schon, mit welchen immer irreren Hilfsmitteln sich die Leute geradeaus Gesellschaft und Zurechnungsfähigkeit verabschieden. Wie willig den Ratschlägen gefolgt wird, bitte das Hirn abzuschalten und sich hospitalistisch in die Selbstsedierung zu kritzeln, das sei so gesund gegen den Stress und für die Psyche und so. Wie verzweifelt Trost gesucht wird in einer als trostlos empfundenen Welt, Beschäftigungstherapie, um die Einzelhaft im Seelenknast auszuhalten. Ach, schon gut. Ich gehe jetzt eine Elfe ausmalen. Oder ein Einhorn.

Die Kolumne von Meike Winnemuth finden Sie immer donnerstags im aktuellen stern. Dieser Text wurde im Heft Nr. 46 vom 6.11.2015 veröffentlicht.

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