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Trinkvideos im Internet: Und alle schauen zu

Getrunken, gebrochen, zusammengeklappt: So genannte "Saufvideos" auf Internetplattformen wie Youtube, Sevenload oder Myvideo sind bei vielen Jugendlichen Kult. In Netzwerken und Foren tauschen sich Minderjährige über ihre Trinkgewohnheiten aus. Wegen der hohen Zahl der Beiträge kommen die Betreiber mit dem Entfernen kaum hinterher.

Von David Meiländer

Eine Plastiktüte. "Ich habe Dir etwas mitgebracht", sagt Oliver. Er und Alexander haben sich heute schick angezogen, im Partnerlook: Schwarzes Jackett, gleichfarbige Anzughose, weißes Hemd. Dabei wollen sie sich eigentlich nur ordentlich betrinken. Vor der Kamera. Mehr als 30 kleine Schnapsfläschchen sind in der Tüte. Als sie klirrend auf den weißen Couch-Tisch fallen, blickt Alexander konsterniert auf den Tisch "Ist das jetzt ernst?", fragt er.

So oder so ähnlich beginnen sie alle: Internetvideos, in denen sich Erwachsene und Jugendliche beim Betrinken filmen. Digitalisierte Mutproben, an deren Anfang immer die Skepsis steht. Von ihnen gibt es tausende im Netz - nicht nur auf Videoportalen wie Youtube, Myspace oder Sevenload, sondern auch auf kleineren Seiten: "Saufcommunities" werden sie genannt. Nicht alle Filme werden stark geklickt, aber einige erreichen weit mehr als 100.000 Abrufe. Das von Oliver und Alexander gehört dazu. Kaum eines wird so häufig gesehen und diskutiert.

"Lass mich mal aus deinem Bauchnabel trinken."

Alexander hat sein Hemd mittlerweile aufgeknöpft, das Jackett zerknüllt neben sich geworfen. Sein Bauch quirlt aus der Hose. Vor ihm auf dem Tisch liegen die leer getrunkenen Schnapsflaschen. Grinsend starrt er an die Decke. Da kommt Oliver eine Idee: "Lass mich mal aus deinem Bauchnabel trinken."

Psychologen und Jugendarbeiter beobachten solche Bilder mit Sorge. Sie fürchten, dass junge Leute von ihnen zum Alkoholkonsum animiert werden. Der Kriminologe Christian Pfeiffer sprach in dieser Woche deshalb sogar von einer "Jugendgefährdung". Filme, die Alkohol verherrlichen, müssten gesperrt werden. Jugendliche könnten sich die Videos und deren Darsteller zum Vorbild nehmen - so wie Alexander und Oliver.

Wer verträgt mehr?

Nicht selten sind die Protagonisten der so genannten "Saufvideos" minderjährig. Für die beiden gilt das nicht. Sie sind nicht nur erwachsen, sie sind hochbezahlte Fernsehmoderatoren. Der eine heißt mit Nachnamen Pocher und startet im Herbst seine neue Sendung bei Sat1, der andere tritt unter dem Pseudonym "Elton" im Unterhaltungsprogramm von ProSieben auf. Eines der beliebtesten Saufvideos bei Youtube ist ein Ausschnitt aus der mittlerweile eingestellten Sendung "Rent a Pocher". Ein Selbstversuch. Wer verträgt mehr? Damit den beiden nichts passiert, sitzt wenige Meter entfernt ein Arzt. Ab und zu misst er ihren Puls.

Gleich in mehreren Versionen haben Internet-Nutzer den Film auf den Videoplattformen wie Youtube oder Myvideo eingestellt. Der Sender gibt sich machtlos. "An diesem Material hat ProSieben keine Rechte mehr", erklärt dessen Sprecher Christoph Körfer gegenüber stern.de. Darüber hinaus will er sich nicht äußern.

Videos mit Menschen, die kaum noch laufen können

Auch Jonas, 18 Jahre alt und Schüler in Bonn, hat das Video gesehen. "Das ist sicherlich nicht das härteste, was man finden kann, aber das lustigste", sagt er. "Bei vielen Filmen knallen sich die Leute aber so zu, dass sie danach kaum noch laufen können."

So wie in diesem Video, vermutlich entstanden im vergangenen Januar irgendwo in der Nähe von Magdeburg: Drei Jugendliche stehen auf einem gepflasterten Weg, hinter Ihnen nur weites Feld, ein paar Meter entfernt ein Gewässer. Das dunkelblaue Auto parkt direkt daneben. 60 Euro haben sie eingesetzt. Wer am meisten trinkt, gewinnt. Das Spektakel dauert nicht lang. Nach vier Bieren und drei Minuten ist Schluss. Der erste Kandidat schwächelt. Als er im Gras kniet und sich erbricht, endet das Video. "Mich persönlich animiert das nicht, hat es auch früher nie getan", sagt Jonas. "Aber ich sitze dann schon vor dem Bildschirm und denke: Respekt. Soviel hätte ich nicht vertragen."

"Komasaufen? Warum nicht?"

Wie viel jeder Einzelne verträgt, darüber tauschen sich Jugendliche im Internet aus. In Foren oder in Schülernetzwerken wie Schueler.cc. "Komasaufen? Warum nicht?", schreiben sie darin und zeigen Fotos, auf denen sie sich mit Bier- oder Schnapsflaschen zu sehen sind. Wie ernst das alles gemeint ist, lässt sich nur schwer erkennen. Johannes Becker ist Sozialarbeiter in Köln. In seinen Jugendwerkstätten kümmern sich Lehrer, Werk- und Sozialpädagogen um Heranwachsende, die aus der Bahn geraten sind: Sei es wegen eines schlechten Schulabschlusses oder weil sie ihre Wut nicht im Zaum halten können. "Alkohol ist oft ein Mittel, um seinen Freunden etwas zu beweisen", sagt er. "Bei uns in den Werkstätten ist der Alkoholkonsum streng verboten, aber natürlich machen es die Jugendlichen immer wieder in ihrer Freizeit. Wir versuchen, den Jugendlichen zu helfen, sich unter Kontrolle zu halten." Immer klappt das nicht. Vor zwei Jahren etwa habe sich ein Mädchen auf einer Fahrt besinnungslos getrunken. "Einige wenige haben auch echte Probleme." Das Phänomen der Internetvideos sei ihm bekannt. "Dass die sich gegenseitig bei den verschiedensten Dingen filmen und das ungefragt ins Internet stellen, ist schon mal passiert. Da ging es aber nicht um Alkohol." Das Phänomen der Trinkvideos sei ihm aber durchaus bekannt.

"Die größte Saufcommunity ist Youtube"

Auch Tobias K. kann sich noch an die Zeit erinnern, als er seinen Freunden etwas beweisen wollte. "Aber später hat es einfach nur Spaß gemacht", sagt der heute 29-Jährige. Zum Beispiel bei seinem ersten Urlaub in Palma de Mallorca vor neun Jahren - dem Ort, wo sich Trink- und Feierwillige treffen. Krentscher baute eine Internetseite. "Frei-saufen.de", hieß sie - später auch erreichbar unter mitsaufen.de. Unter dem Slogan "Feiern bis der Arzt kommt" tauschten sich etwa 1000 Mitglieder über Trinkspiele, Biersorten und ihre Alkohol-Exzesse aus. Fotos inklusive. "Jugendliche hat es bei uns nicht gegeben", beteuert der 29-Jährige, der sein Geld mittlerweile komplett mit Internetseiten verdient. "Und Einnahmen hatte ich mit der Seite auch nicht." Kaum ein Kunde sei bereit gewesen, in diesem Umfeld zu werben. Nachdem ein Fernsehsender über ihn berichtete, nahm er das Angebot vom Netz. "Ich will in die aktuelle Diskussion nicht mit reingerissen werden", sagt er. "Meine Seite war ziemlich klein. Die größte Saufcommunity ist Youtube."

Tatsächlich kommen andere deutschsprachige Seiten mit der Idee von Tobias K. meist auf nicht mehr als 1000 Benutzer, einige schränken ihre Zugriffszahlen sogar ein, indem sie sich an freiwilligen Jugendschutzfiltern wie "ICRA" beteiligen. Wer das Programm dieser Organisation auf seinem Rechner installiert, kann jugendgefährdende Seiten auf seinem Rechner sperren. "So können Eltern ihre Kinder vor diesen Angeboten schützen", sagt die Vorsitzende der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, Elke Monssen-Engberding. Wer zusätzlich noch den Filter ihrer Behörde installiere, verfüge über einen weitreichenden Schutz. "Wir haben schon einige Trink-Seiten auf den Index gesetzt." Welche das sind, verrät sie nicht.

Zwischen Jugendschutz und Zensur

Youtube gehört wahrscheinlich nicht dazu. "Saufvideos" findet man darauf dennoch zu Genüge - und das obwohl das Unternehmen auch gegenüber stern.de erklärt: "Videos, in denen der exzessive Konsum von Alkohol durch Minderjährige gezeigt wird, verstoßen gegen die Nutzungsbedingungen und werden unverzüglich von der Plattform entfernt, sobald Youtube Kenntnis von diesen Videos erhält." Das passiert allerdings nur, wenn Nutzer der Seite Filme als "anstößig" melden. "Jeder in der Branche weiß, dass Youtube viel mehr Leute einstellen müsste, um einen vernünftigen Jugendschutz zu garantieren", sagt Tobias K.

Ein unscharfes Bild, kahle Kellerwände, laute Musik, ein Kasten Bier. Der eine ist blond, trägt ein rosafarbenes, ärmelloses Shirt. Der andere einen dunklen Pullover. Sie trinken schnell. Im Akkord öffnen sie die Flaschen mit ihrem Öffner. Es zischt. Nach zwei Minuten sackt der erste zusammen. Wieder einmal. Verloren.

Ob solche Videos tatsächlich jugendgefährdend sind, darüber sind sich die Videoportale nicht einig. Bei der Prosiebensat1-Tochter Myvideo hält man eine Löschung nicht immer für sinnvoll - manche Videos würden Jugendliche auch vom Alkoholkonsum abschrecken. Geklickt würden sie ohnehin kaum. Der Kölner Betreiber Sevenload sieht das anders, zweifelt aber an der Praktikabilität. "Wir selbst sehen in den 'Saufvideos' eine Gefahr für Kinder und Jugendliche und sind sehr bemüht, jugendgefährdende Inhalte vom öffentlichen Bereich unserer Plattform fernzuhalten", sagt Unternehmens-Sprecherin Barbara Berger. Problematisch sei aber die Frage, ab wann ein Video jugendgefährdend sei. "Das zu unterscheiden, ist sehr schwierig, weil wir dann Gefahr laufen, eine Zensur zu betreiben."