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Tsunami: Wie Elefanten Urlauber retteten

Am Morgen des 26. Dezember ist es noch still im thailändischen Khao Lak. Dann brüllen plötzlich die Elefanten und fliehen, bepackt mit Touristen, auf die Hügel, andere Urlauber laufen einfach hinterher. Die Flucht rettete Mensch und Tier.

Das Wesen von Elefantenführer Kritseda Sahangam, 20, ist so stoisch wie das der Tiere, die er seit seiner Kindheit kennt. Seit drei Generationen hat seine Familie bereits mit den mächtigen Tieren zu tun. "Elefanten sind stolz und stark", sagt Sahangam, "manchmal sind sie auch schlauer als Menschen", meint er und lacht. Über seiner vollen Oberlippe sprießt ein Flaum. Sein Gesicht ist rund und seine Augen wirken nachdenklich. Vor drei Jahren hat er sich dem Camp "8 Elephants" in Tabla Mu, am südlichen Zipfel der Feriengemeinde Khao Lak, angeschlossen. Rund fünf Mal täglich macht er die einstündige Tour zu 1500 Bath (30 Euro) durch den dichten Regenwald hoch zu den Wasserfällen. Inzwischen hat er auch sein eigenes Tier. Tongdang, ein indischer Elefant, ist das Geschenk seines Großvaters. 15 Jahre alt und, wie Sahangam sagt, das Liebste, was er besitzt.

Er bringt die Tiere hoch zu den Wasserfällen, wo sie ihre abendliche Dusche nehmen. Danach bringt er ihnen einen Stapel Ananasblätter und legt sich gegen 20 Uhr auf die schmale Matte in seiner sporadisch zusammengenagelten Bambushütte mit Palmendach. Er schaltet das Radio ein, damit er einschlafen kann. Der Sender "Speed FM" spielt bis zur Sendepause um Mitternacht folkloristische Lieder aus Thailand. Die Musik gefalle ihm nicht immer, sagt er. Aber sie sei immer noch besser als das Schnarchen der Elefanten, das bisweilen ohrenbetäubend sei oder das Brummen der Lastwagen, die auf der angrenzenden zweispurigen Küstenstraße über Khao Lak und Takuapa hoch nach Ranong durch die milde tropische Nacht rauschen.

26. Dezember, 4 Uhr

Kritseda Sahangam ist müde. Das Radio hat gerade wieder angefangen zu senden. Es ist Wunschkonzert. Er verlässt die Hütte und raucht eine Marlboro. Der Himmel ist schwarz, die Tiere dösen noch. Entgegen seiner Gewohnheit legt er sich wieder hin und lauscht der Musik. Bis fünf Uhr ist der Sonntag still und angenehm. Dann brüllen plötzlich die Elefanten. Er stürzt aus der Hütte und beobachtet, wie sich einige der Tiere auf ihre Hinterbeine stellen, die Mäuler weit aufgerissen und die Rüssel nach oben gestreckt. "Ich habe so etwas noch nie gesehen", sagt er. "Ich wollte sie beruhigen, aber sie waren völlig außer sich. Hätte ich mich ihnen genähert, hätten sie mich zertrampelt."

Er blickt hinauf zum Himmel, der allmählich zu dämmern beginnt. Alles ist normal. Gegen sechs Uhr beruhigen sich die Elefanten wieder. Sahangam bringt ihnen Futter, setzt sich auf die Veranda des kleinen Büros und beobachtet, wie sich die Sonne über dem tropischen Regenwald zum Zenit empor schiebt.

Gegen acht Uhr, zur selben Zeit, als vor der Küste Indonesiens die beiden Kontinentalplatten aneinanderreiben und eines der verheerendsten Seebeben seit der Geschichtsschreibung auslösen, fangen die Elefanten wieder zu brüllen an. "Es war schlimmer als beim ersten Mal", sagt er. Die Tiere trampeln auf den staubigen Boden, winden ihre Köpfe und versuchen sich von ihren Ketten zu befreien, mit denen sie an kniehohe Baumstümpfe gebunden sind. "Es war, als würden sie um ihr Leben fürchten", erzählt Sahangam. "Aber es war keine Gefahr auszumachen." Eine halbe Stunde dauert das Gezeter, dann kehrt zum zweiten Mal die Ruhe zurück ins Camp der "8 Elephants". Der Himmel ist blau und das Meer ruhig.

Um neun Uhr legt sich Sahangam wieder in sein Bett. Touristen sind noch keine da. Das thailändische Fernsehen zeigt einen koreanischen Liebesfilm. Es geht um eine Frau, die entführt wird und sich in ihren Kidnapper verliebt. Sahangam mag solche Filme.

Um zehn Uhr stapft eine japanische Familie durch den trockenen Staub des Lagers. Sie buchen die einstündige Tour hoch zu den Wasserfällen. Vater, Mutter und drei Kinder nehmen auf dem Rücken von Tongdang Platz. Auf einem zweiten Elefanten, den Sahangams 18-jähriger Bruder führt, reiten die beiden Brüder des Vaters. Sie überqueren die große Hauptstraße und nehmen einen kleinen Weg entlang der großen Ferienresorts, die edel und großzügig entlang des Strands von Khao Lak angelegt sind. Die Japaner wollen sich mit Sahangam über die Elefanten unterhalten. "Was wissen die schon", denkt er sich und schweigt. Er ist schlecht gelaunt, weil er das Ende des Films nicht mehr mitbekommt.

26. Dezember, 10:06 Uhr

Sahangam merkt, wie sein Elefant wieder unruhig wird. Langsam fängt er an, seinen Kopf hin und her zu schwenken. Das Tier hält kurz inne und fängt erneut an zu brüllen. Was los ist, will die Familie wissen. Sahangam schweigt weiter. Er kann es sich selbst nicht erklären. Dann rennt der Elefant los. Die Japaner schreien vor Angst. "Ich konnte ihn nicht mehr kontrollieren", sagt Sahangam. Der Elefant kreuzt die Straße und biegt ab in den kleinen Weg, der zu den Wasserfällen in den Bergen führt. Zwei Minuten rennt das tonnenschwere Tier brüllend den steilen Berg hinauf. Dann bleibt es stehen. Der Elefantenführer befiehlt seinen Kunden, abzusteigen und zu Fuß weiter dem Weg zu folgen. Dann springt er selbst herunter und befestigt den Elefanten mit einer Kette an einer großen Palme. Von der Anhöhe aus beobachtet er, wie sein Bruder unten an der Straße den zweiten Elefanten in Schach hält und mit einem Arm nacheinander drei Touristen auf den Rücken hebt. Jetzt rennt er auch los. Weitere Touristen folgen dem Tier. Warum wissen sie nicht genau, werden sie anschließend sagen. Sie haben nur bemerkt, dass das Meer sich in Sekundenschnelle ungewöhnlich weit zurückgezogen hat. "Sie sind dem Instinkt der Elefanten gefolgt", meint Sahangam.

26. Dezember, 10:45 Uhr

Gemeinsam mit dreißig Touristen, seinem Bruder und den beiden Elefanten steht Sahangam vor einer Hütte auf einem sicheren Hochplateau. Er beschließt wieder abzusteigen, um nach dem Camp zu schauen. Das Wasser hat nur das leicht erhöhte Büro und seine Bambushütte verschont. Das kleine Haus, das er für sich und seinen Bruder im Oktober zu bauen angefangen hatte, ist verschwunden. Verschwunden ist auch einer von den acht Elefanten. Er setzt sich in den Pickup seines Chefs und fährt hinüber zum "Bang Khao Lak Resort". Sein bester Freund arbeitet dort als Küchenjunge. Um 11 Uhr trifft er ein. Im Garten steht völlig verstört eine europäische Familie. Der Vater hält schützend seine Arme um die Frau und seine beiden Kinder. Um sie herum liegen drei tote Körper. Woher die Familie genau kommt, weiß er nicht. "Farang", sagt er, "Ausländer". Von seinem besten Freund Sak, dem Küchenjungen, ist nur das Motorrad geblieben. Er nimmt die Familie auf seinem Pickup mit. Sie verbringen die Nacht gemeinsam auf der Hütte in den Bergen.

27. Dezember, 6:00 Uhr

Um sechs Uhr morgens steigt Sahangam mit den Tieren und einigen Touristen zur Küste ab. Er will den vermissten Elefanten finden. Sechs Stunden sucht er die Gegend ab. Zwanzig Kilometer entfernt auf einer Anhöhe schräg gegenüber vom "Bang Niang Resort" steht der Elefant. Es ist Mittag. Er reitet auf dem Tier zurück zum Camp. Es dämmert bereits, als er sein Zuhause erreicht. Er läuft hoch zu dem kleinen Büro, nimmt einen blauen Edding und schreibt damit an die geweißelte Wand: "Sonntag, 26. Dezember, 10 Uhr und 10 Minuten: Erinnerung an den Tag, an dem das große Wasser kam."

Christian Parth
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