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Tuberkulose: Die Schwindsucht kehrt zurück

Die Seuche galt als besiegt. Die Zahl der Menschen, die an Tuberkulose starben, sank stetig. Doch inzwischen werden wieder 1,7 Millionen Menschen im Jahr Opfer der ansteckenden Lungenkrankheit, vor allem in armen Ländern. Der Erreger ist heute stärker denn je. Die üblichen Mittel dagegen helfen oft nicht.

Von Bettina Sengling

Manchmal bindet sich der Arzt eine Plastikschürze um, die bis auf den Boden reicht, er setzt sich eine Maske und eine große Plastikbrille auf. Wie ein Fleischer sieht er aus, denkt Swetlana. Sie fürchtet das, was nun kommt. Der Arzt schiebt einen dünnen Schlauch durch ihre Nase, in ihre Kehle hinein, tief in die Bronchien. Durch ihn spritzt er Schmerzmittel in die Lungen und ein Antibiotikum. Swetlana hustet, röchelt und spuckt danach, eine kleine Flasche füllt sich mit Schleim und Eiter.

Viele Patienten halten den Eingriff nicht aus, so schmerzhaft ist er. Und Swetlanas Arzt hofft, dass er gut geschützt ist: gegen die Bazillen in ihrer Lunge, gegen die Krankheit, die in ihr wohnt, gegen die Seuche, die den Tod bringen kann.

Harmlos hatte das Ganze mal angefangen. Swetlana Sacharowa, 39, hustete im Großraumbüro, sie hustete zu Hause bei ihren Kindern, sie hustete abends neben ihrem Mann. Sie nahm Saft dagegen und hustete weiter: im Bus, bei ihren Freunden, bei den Pressekonferenzen, zu denen die Redaktion sie schickte. Swetlana ist Journalistin, sie leitet das Ressort "Soziales" der "Tomsker Woche", einer Zeitung in Sibirien. Wochenlang ließ sie sich nicht einmal einen Tag krankschreiben. Doch irgendwann klang der Husten anders: als hätte er sich tief in den Lungen festgebissen.

Schatten auf der Lunge

Ihr Mann brachte sie in das Krankenhaus, in dem er selbst als Chirurg arbeitet. Seine Kollegen waren ratlos. Sie fanden einen Schatten auf Swetlanas Lunge - aber wovon? Vielleicht Krebs, dachten sie. Tage verstrichen. Swetlana hustete weiter. Schließlich, inzwischen waren Monate seit dem ersten Husten vergangen, saß sie einem Lungenarzt gegenüber. "Meine Sonne", sagte er freundlich. "Sie müssen davon ausgehen, dass Sie Tuberkulose haben."

"Tuberkulose?", schoss es Swetlana durch den Kopf. "Ich?" Sie konnte es nicht glauben. Arme und Obdachlose bekamen diese Seuche, nicht Leute wie sie. Der Arzt erklärte ihr, dass die Krankheit tatsächlich meist die Schwächsten trifft, die Unterernährten, die schon vorher Kranken. Aber eben nicht immer.

Swetlana war sofort klar, dass sie ansteckend war, seit Monaten schon. Und sie begriff, dass die Erreger überall in ihrer Stadt verborgen waren und Menschen infizieren konnten.

Denn die Tuberkulose ist wieder auf dem Vormarsch, nicht bloß in Russland - und sie ist heute besonders gefährlich. In der Sowjetunion noch hielt man die Lungenseuche quasi für besiegt. Die Vorsorge war straff organisiert. Im Kollektiv marschierten die Werktätigen zum prophylaktischen Röntgen. Zwar gab es in jeder Stadt eine Tuberkulose-Klinik, aber viel zu tun hatte sie nicht. "Warum wollen Sie sich ausgerechnet mit Tuberkulose beschäftigen?", mussten sich junge Ärzte vor 30 Jahren fragen lassen. "Die Krankheit gibt es in ein paar Jahren überhaupt nicht mehr!"

Die "Weiße Pest"

Auch weltweit hatten Ärzte die Krankheit längst zu Grabe getragen. Der Sieg über die Seuche galt als Erfolgsgeschichte. Jahrhunderte hatte die "Weiße Pest" den Tod über die Kontinente getrieben. Sie raffte im alten Ägypten vermutlich Pharaonen hinweg, sie wütete in der Antike, sie tötete Franz von Assisi, Frédéric Chopin und Franz Kafka. Hilflos verschrieben Ärzte noch bis ins 20. Jahrhundert Lichtbäder, Diät und frische Luft gegen den Lungenfraß. Im Jahre 1880 starb jeder Siebte an Tuberkulose, damals auch Schwindsucht genannt. Wenig später entdeckte der deutsche Mediziner Robert Koch einen "säurefesten, fiedelbogenartig gekrümmten Bazillus", den Krankheitserreger. Anfang der 50er Jahre kamen schließlich Antibiotika auf den Markt, mit denen sich die Seuche behandeln ließ. Forscher interessierten sich nun kaum mehr dafür. Die Tuberkulose schien besiegt.

Doch jetzt ist der Killer zurückgekehrt. 2006 erkrankten nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 9,2 Millionen Menschen an der Schwindsucht. 1,7 Millionen erlagen ihr, kaum weniger als der Immunschwäche Aids. Denn die Tuberkulose hat aufgerüstet. Die Erreger haben sich verändert, und immer häufiger stehen Ärzte heute wieder hilflos da. Gegen mutierte Krankheitsstämme des Tuberkelbazillus sind die Standardantibiotika stumpf geworden. Nach Schätzungen ist weltweit mindestens jeder 20. Kranke mit den neuen Bakterien infiziert. Und gegen die bedrohlichste Form - XDR genannt - kommen Antibiotika kaum an.

Von optimaler Versorgung können die meisten Kranken nur träumen. In Deutschland und anderen Industriestaaten sind die Zahlen niedrig und rückläufig. Die Seuche greift überall dort an, wo ihre Opfer keine Kraft mehr haben. Sie wütet in Afrika, wo HIV-Infektionen und Unterernährung die Menschen so schwächen, dass der Bazillus leichtes Spiel hat. In manchen afrikanischen Ländern sind fast 80 Prozent aller Tbc-Kranken auch mit dem Aidsvirus infiziert. In Südafrika hat die Polizei inzwischen ein Krankenhaus für Todgeweihte mit Stacheldraht gesichert, damit niemand ausbricht.

Armut lockt die Seuche an

Die Seuche verbreitet sich, wo Menschen auf engem Raum miteinander leben, in Indien, China, Indonesien oder Thailand. Sie grassiert überall dort, wo der Einsatz teurer Antibiotika so wahrscheinlich ist wie ein Geldregen. Denn wer an einer resistenten Form erkrankt, braucht zwei Jahre lang Medizin im Wert von mehreren Tausend Euro. Und er muss das Glück haben, einen kompetenten Arzt zu treffen, der selbst das Glück hat, für seine Untersuchungen über moderne Labortechnik verfügen zu können.

Der Killer fällt auch dort ein, wo die Gesundheitssysteme nicht funktionieren, wie in Russland, Albanien oder Moldawien. Für die Ausbreitung der Epidemie ist ein bisschen Therapie nämlich schlimmer als gar keine. "So brutal das klingen mag, aber: Bleibt ein Mensch unbehandelt und stirbt er, ist es eine Tragödie. Wird er falsch oder zu kurz behandelt, werden die Erreger resistent gegen die Medikamente. Der Patient ist nicht geheilt, er erleidet einen Rückfall und verbreitet womöglich eine neue Form der Krankheit", sagt Dmitrij Paschkewitsch von der WHO in Moskau.

Inzwischen liegt die Quote der Neuerkrankungen in Russland knapp 14-mal, in manchen Regionen sogar 25-mal höher als in Deutschland. Chaos und Armut in den 90er Jahren haben dafür gesorgt, dass die mutierten Erreger das ganze Land eroberten, von Kaliningrad bis Wladiwostok. Denn ein Tuberkulosekranker muss vier oder fünf verschiedene Tabletten nehmen - mindestens ein halbes Jahr. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion standen jedoch die Pharmakombinate still. Mal waren nur zwei Präparate da, mal gar keins. Oder auch fünf, aber nur für einen Monat lang. Waren die Medikamente verbraucht, kam kein Nachschub. Gleichzeitig ließ die Not die Seuche überall aufflammen. Als Brutstätten galten vor allem überfüllte Untersuchungsgefängnisse, in denen sich Kranke und Gesunde oft Zellen teilten.

Viele Fälle resistenter Tbc

Die Folgen sind katastrophal, auch in den ehemaligen Teilstaaten der Sowjetunion. Nirgendwo wurden bislang so viele Fälle resistenter Tuberkulose entdeckt. In Aserbaidschan etwa kann nur noch knapp jeder zweite Kranke mit herkömmlichen Medikamenten behandelt werden, in Usbekistan gut jeder vierte. Auch Kasachstan und Moldawien gehören zum Krisengebiet. Und in Russland müsste mindestens jeder fünfte Tbc-Kranke die neuen Reservepräparate bekommen.

Jetzt rächt sich auch, dass Forscher weltweit die Tuberkulose zu wenig beachtet haben. So gibt es noch immer keine wirksame Impfung. Neue Medikamente sind nicht in Sicht. "Nach 1970 trat Funkstille in der Forschung ein", klagt der Direktor des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie, Stefan Kaufmann. "Noch immer verlassen wir uns weitgehend auf die Diagnostik, Therapie- und Präventionsmaßnahmen, die damals entwickelt wurden."

Denn auch die Grundlagen der Tuberkulose sind wenig erforscht. Jeder Dritte ist weltweit mit dem Erreger infiziert - doch die meisten merken davon ein Leben lang nichts. Ein gesundes Immunsystem fängt die Erreger zwar ab, doch die sterben nicht. Stress, Unterernährung und Alkohol können die Krankheit noch Jahre später auslösen. Warum jedoch der eine krank wird, wenn er in der U-Bahn angehustet wird, während sich ein anderer nicht ansteckt, obwohl er mit einem Kranken zusammenlebt, kann niemand erklären. Auch Swetlana Sacharowas Familie, ihre Freunde und Kollegen sind gesund geblieben. "Dabei habe ich etwa ein Jahr lang an offener Tuberkulose gelitten", sagt sie. "Meine Krankheit war weit fortgeschritten."

Umzug ins Krankenhaus

An einem kalten Tag im Februar zog Swetlana in das Tuberkulose-Hospital von Tomsk, vier zweistöckige Häuser in einem Pinienwald am Stadtrand. Wer sie betritt, muss eigentlich eine Maske tragen. Doch selbst die Ärzte haben sich das abgewöhnt. "Wir sind längst immun", sagen sie.

Jeder zweite Patient der Tomsker Tuberkulose-Klinik hat Alkoholprobleme, viele nehmen Drogen. Die Behandlung ist für die Ärzte ein Kampf. Viele halten die monatelange Therapie nicht durch. Manche randalieren in den Acht-Bett-Krankenzimmern. Die Chefärztin Galina Janowa würde solche Patienten am liebsten rauswerfen. "Aber was sollen wir machen, wenn sie noch ansteckend sind?"

In Russland kann niemand in die Quarantäne gezwungen werden, anders als in Deutschland. Hier werden Tuberkulosepatienten auch gegen ihren Willen in zwei spezielle Kliniken eingewiesen. Haut einer ab, trotz Stacheldraht und Gittern, rückt die Polizei mit Hundestaffeln und Hubschrauber aus. Solchen Aufwand kann sich in Russland niemand leisten.

Die Patienten laufen überall herum

"Wir können die Patienten nicht mit Handschellen ans Bett fesseln", sagt Sergej Mischustin, einer der führenden Tuberkulose-Ärzte von Tomsk. Kranke kaufen im Dorf Wodka und Zigaretten ein, übernachten zu Hause, und manche verschwinden ganz. Der Versuch, die Klinik von der Polizei bewachen zu lassen, scheiterte schon vor Jahren: "Die Polizisten weigerten sich, ins Krankenhaus zu kommen und uns bei den Auseinandersetzungen mit den Patienten zu helfen", sagt Janowa. "Sie hatten wahrscheinlich Angst, sich anzustecken."

Bis vor Kurzem brach in Tomsk jeder dritte Patient die Therapie ab. Inzwischen ist es nur noch jeder elfte, weit weniger als im Landesdurchschnitt. Der Kampf gegen die Seuche funktioniert hier vorbildlich. Ein Suchdienst, "Sputnik" genannt, spürt verschollene Patienten wieder auf. Erscheint ein Kranker nicht zur Nachbehandlung, fährt eine Krankenschwester mit Bodyguard Bekannte, Familie und Trinkkumpanen ab, damit der Patient seine Tagesdosis Tabletten bekommt. Wer regelmäßig zur Medikamentengabe kommt, wird mit Lebensmitteln belohnt. "In anderen Regionen", sagt Mischustin, "lachen sie uns aus für diesen Aufwand."

Swetlanas Krankenzimmer ist spartanisch wie eine Gefängniszelle: vier Betten, vier Tischchen, das Gemeinschaftsklo auf dem Gang. In einem Nachbarbett liegt eine junge Drogenabhängige, aus deren zerstochenen Venen den Krankenschwestern keine Blutabnahme mehr gelingt. Im anderen ringt Marina, eine Lehramtsstudentin, um ihr Leben. Sie hat sich im Studentenwohnheim infiziert. Seit drei Jahren liegt sie im Krankenhaus, abgeschottet vom Leben. Ihr Vater hat ihr einen Herd ins Krankenzimmer gestellt. Nach dem ersten Tag wusste Swetlana, warum. Das Krankenhausessen ist ungenießbar. Swetlanas Familie schleppt seither Töpfe mit Suppe und Fleisch heran, für Swetlana und ihre Zimmergenossinnen.

Akuter Geldmangel

Der Klinik fehlen Lampen für die Operationsräume, moderne Lasergeräte, Bronchoskope, Beatmungsmasken. Die Ärzte freuen sich, dass das Gehalt inzwischen ohne Verzögerung ausgezahlt wird. Mitte der 90er Jahre mussten sie oft ein halbes Jahr warten. Heute verdienen sie etwa 400 Euro - weniger als manche Bauarbeiter in Moskau.

Es liegt an den Ärzten, dass die Tomsker Klinik trotzdem besonders gute Arbeit leistet. "Wir machen das aus Leidenschaft", sagt der Lungenchirurg Wladimir Roskoschnych, seit 30 Jahren hier. Wie die meisten seiner Kollegen erkrankte er in den 90er Jahren selbst an Tuberkulose. Fast jeder zweite Klinikmitarbeiter hat die Krankheit am eigenen Leib erfahren. Eine Krankenschwester starb auf der Isolierstation. Dieses Jahr hat es den Hausmeister erwischt, der im Sommer die Spucke der Kranken vom Hof kehrt.

Die Klinik ist aber auch deshalb gut, weil sie von ausländischen Hilfsorganisationen unterstützt wird. Bereits 1994 folgte sie unter Anleitung der britischen Organisation "Merlin" den Empfehlungen der WHO: Jeder Patient bekommt sechs Monate lang eine Standardtherapie aus vier oder fünf verschiedenen Antibiotika unter strenger Aufsicht der Ärzte. Patienten bleiben nur etwa zwei Monate lang im Krankenhaus - so lange, bis sie nicht mehr ansteckend sind. "Directly Observed Treatment, Short-course", abgekürzt DOTS, nennt die WHO diese Behandlung. Der Luxus in Tomsk: "Wir haben seit Jahren alle nötigen Präparate", sagt Dr. Janowa.

Junge Mediziner haben Angst

Landesweit sieht das anders aus. Vor allem im Fernen Osten und in den abgelegenen Gegenden Sibiriens ist die Lage desolat. Personal fehlt. Viele Ärzte arbeiten weiter, obwohl sie längst das Rentenalter erreicht haben. Junge Mediziner haben nur selten Lust dazu, randalierende Alkoholiker von Antibiotikatherapien zu überzeugen. Viele fürchten sich vor der gefährlichen Arbeit, nicht einmal Gehaltszulagen bewegen sie dazu, in einem Tuberkulose-Krankenhaus anzufangen.

Die teuren Antibiotika zur Behandlung der resistenten Tuberkulose sind in den meisten Regionen nicht erhältlich, weil zu teuer. Zu günstigen Preisen vermittelt die WHO sie nur an straff organisierte Kliniken, die ein gutes Labor haben und in denen wenige die Therapie abbrechen. Sonst, so fürchtet man, entstehen rasch weitere Resistenzen. Wie viele Patienten so ohne Behandlung bleiben, weiß niemand. Nur gut jeder zweite Tbc-Patient wurde 2006 in Russland geheilt.

Swetlana, die Tuberkulosekranke aus Tomsk, blieb fünf Monate lang im Krankenhaus. Sie ertrug Einsamkeit, Heimweh, Langeweile. Sie schluckte täglich die starken Tabletten, vor denen sich die Kranken überall auf der Welt fürchten. Manchmal wurde ihr schlecht danach, manchmal schwanden ihr die Kräfte. Oft konnte sie nicht mehr richtig schmecken und riechen. Manchmal kam es ihr vor, als stinke das ganze Krankenhaus nach Ratten.

"Wie ein Beobachter"

Sie ertrug Schläuche in ihrer Luftröhre, durch die der Arzt das Antibiotikum spritzte. Sie überstand eine Operation, bei der die Ärzte ihr einen Teil der Lunge entfernten. Jeder Atemzug brannte danach. Und sie lebte in der ständigen Angst, sich im Krankenhaus mit einer resistenten Form der Tbc anzustecken. Abends sah sie oft aus dem Fenster auf die Stadt. Sie blickte auf die erleuchteten Häuser und überlegte, was ihre Kinder wohl machten. "Irgendwann denkst du, das Leben betrifft dich nicht mehr", sagt sie. "Du fühlst dich wie ein Beobachter, der nichts mehr mit dieser Welt zu tun hat."

Inzwischen lebt Swetlana wieder bei ihrer Familie. Sie sitzt wieder an ihrem Schreibtisch im Großraumbüro. Sie fährt Bus und besucht Freunde. Doch etwas ist anders geworden. Hustet irgendwo ein Fremder, kriecht der Schrecken in ihr hoch: "Ich weiß, dass diese Krankheit überall ist. Du läufst ihr nicht weg."

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