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Türkei-Urlaub: Klassenfahrt mit tödlichem Ende

Eigentlich sollten die Realschüler aus Lübeck auf ihrer Reise die türkische Kultur kennen lernen. Doch die Klassenfahrt artete in ein Trinkgelage aus. Für den 21-jährige Rafael N. endete der Alkohol-Exzess tödlich.

Von Özlem Gezer und Uli Hauser

Es duftet nach Zitronen und Zedern, nach Orangen und Pinien. Die über 2000 Meter hohen Gipfel des Taurusgebirges sind mit Schnee bedeckt, doch in den Tälern und an der Küste machen sich Frühlingsgefühle breit. Jetzt ist die perfekte Zeit, in der Stille der Vorsaison an der türkischen Riviera entspannte Tage zu verbringen. Die Discotheken sind noch nicht geöffnet, es ist die Zeit für lange Strandspaziergänge ohne Dauerberieselung von den Pool-Anlagen.

Doch für Rafael N. 21, einem Realschüler aus Lübeck, endete der Ausflug in den Frühling tödlich. Er starb am vergangenen Donnerstag, nachdem er mit Methylalkohol versetzten "Wodka" getrunken hatte. Zwei seiner Kumpel ringen auf der Intensivstation des privaten "Anadolu Hospital" in Antalya immer noch mit dem Tod. Der Zustand vier weiterer Mitschüler, darunter ein Mädchen, hat sich dagegen stabilisiert.

Ende einer Klassenfahrt: Eigentlich sollten die elf Schülerinnen und Schüler einer Lübecker Berufsschule Land und Leute kennenlernen. Die türkischen Klassenkameraden wollten ihren deutschen Freunden ihre schöne Heimat zeigen. Penibel bereiteten sie sich auf die einwöchige Reise vor, die sie nach Kemer führte, einem beliebten Badeort an der türkischen Riviera. Für knapp 400 Euro pro Person, inklusive Flug, fanden sie ein preiswertes Hotel, das "Anatolia Beach". Ein schmuckloser Bau, eher zweckmäßig als einladend. Das Haus kann sich nicht messen mit den Luxus-Herbergen und Fünf-Sterne-Hotels um die Ecke: dafür aber lockt es mit einem "All Inclusive"-Angebot. Frühstück, Mittagstisch und Abendessen sind im Preis drin. Ebenso wie die Getränke an der Bar des Hauses, Bier, Raki und Wodka. Und das von 10 bis 23 Uhr.

Alkohol statt Kultur

Diese Bar wurde, zumindest für die deutschen Schüler, zur größten Sehenswürdigkeit ihres Trips. Sie kippten und becherten fröhlich in sich hinein, während ihre türkischen Mitschüler sich bemühten, ihnen ihr Land vorzustellen. Denn Kemer und Umgebung bieten ein Ausflugsziel nach dem anderen. Im nahen Myra kam, der Legende nach, der heilige Nikolaus zur Welt. Am Fuß der Berge verläuft mit dem Lykischen Weg einer der schönsten Fernwanderstrecken der Welt. Der Pfad bietet herrliche Blicke auf Klippen, Buchten und das schimmernde Blau des Mittelmeers.

Hier lag das antike Lykien, der südwestliche Teil Kleinasiens. Das Land ist heute noch voll mit Erinnerungen an die Zeit der Römer und Griechen, ein Paradies für Archäologen und Lateinlehrer. Im trojanischen Krieg kämpften die Lykier auf trojanischer Seite, jetzt kämpfen ihre Nachfahren um ihren Ruf. Denn die Schreckensmeldungen über gepantschten Alkohol reißen nicht ab.

Bereits vor vier Jahren starben allein in Istanbul 15 Menschen nach dem Verzehr von minderwertigem Schnaps. Im vergangenen Jahr kamen über 20 Zecher in der gesamten Türkei ums Leben. Immer wieder hebt die Polizei Schwarzbrennereien aus.

Methylalkohol führt zu Vergiftungen und Erblindung

Methylalkohol wird aus Synthesegas produziert, als Rohstoffe können Erdgas, Benzin oder Rückstände aus der Erdölaufarbeitung verwendet werden. Aus billigen Abfällen wird so "Whisky", "Wodka" oder "Gin": mittlerweile zeichnen Kaufleute, nicht nur in Kemer, ihr Angebot mit "Echtheitszertifikaten" aus. Der Konsum von Methylalkohol führt nämlich zu sehr schweren Vergiftungen und zur Erblindung. Wie ein Lehrer der Lübecker Schule stern.de gegenüber berichtete, klagten einige Schüler bereits in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft über Augenschmerzen. Als seine Schüler weiter über die Stränge schlugen, verbot ihr Lehrer einem von ihnen, Jean Pierre F., 18, den Genuss von Alkohol.

Immer wieder hatten er und seine Kumpel ihre türkischen Freunde aufgefordert, mitzutrinken. Die aber lehnten ab und waren von den Exzessen schwer genervt. Was hätte man bei 22 Grad Wärme und strahlend blauem Himmel nicht alles machen können in Kemer: Jeepsafari, Rafting, Quadfahren. Oder mit der "Tathali"-Luftseilbahn hoch auf 2365 Meter, zum "Ewigen Feuer".

Stattdessen begannen sie schon morgens, sich mit billigem, verdünntem Alkohol ihren Pegel hochzujagen. Und am Ende des Tages hatte einer von ihnen eine fatale Idee: ein Kellner verkaufte ihnen einen Flasche "Wodka", unter der Hand. Damit zogen die sieben deutschen Jugendlichen in der Mittwochnacht auf ein Zimmer im zweiten Stock. Und versammelten sich zum Todesdrink.

Die Klasse galt als vorbildlich

Was genau passierte, ist bisher noch nicht klar. Einer der Überlebenden berichtete seinem Vater, jeder habe nur ein Glas getrunken. Danach sei ihnen übel geworden und sie seien ins Bett gegangen. Nachdem dann am nächsten Tag der 21jährige Rafael N. nicht mehr auftauchte, ließ der Lehrer vom Hoteldirektor das Zimmer öffnen. Mittlerweile war es fast 18 Uhr abends. Der Realschüler lag tot im Bett, mit seinem Gesicht auf dem Kissen. Erst danach wurden die anderen sechs Zecher in ein dem Hotel direkt gegenüber liegendes Krankenhaus gebracht; sie hatten sich tagsüber zwar schlecht gefühlt, aber waren zum Essen erschienen. Plötzlich brach Panik aus; die Mediziner stellten bei einem von ihnen, John Pierre F. 7,7 Promille fest. Trotzdem soll sich der Schüler, so ist zu hören, "noch auf den Beinen" gehalten haben. Sein Herz allerdings setzte am Samstag aus, er wurde wiederbelebt. "Die Schüler hatten eine ganz tolle Klassenreise geplant", sagt Manfred Königs, Informatiklehrer am Lübecker "Bildungszentrum Mortzfeld".

Hier erhalten Jugendliche eine zweite Chance, einen Schulabschluß zu schaffen. Die Klassenfahrt sollte zu einem Highlight im Schuljahr werden. "Sie haben sich wirklich lange vorbereitet", sagt Informatiklehrer Königs. Auch sein Kollege Albrecht S. habe sich auf einen entspannten Trip gefreut. "Er hatte Klassenfahrten bisher immer abgelehnt, aber diese Reise sofort zugesagt." Manfred Königs zu stern.de: "Diese Klasse galt bisher als vorbildlich. Und mein Kollege als sehr strenger Pädagoge. Wenn jemand zwei Minuten zu spät zum Unterricht kam, musste er eine Stunde nachsitzen." Dass Rafael N. am Donnerstag allerdings stundenlang nicht auftauchte, war dem Lehrer offensichtlich nicht aufgefallen.