HOME

TV-Kritik: "Das Leid kann niemand ermessen"

Am Dienstag zeigte das ZDF die Sendung "37º Spezial": "Was geschah mit Karolina?". Für stern.de hat sich der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes Heinz Hilgers den aufwühlenden Bericht angeschaut. In seiner TV-Kritik schreibt er: "Dieser Film macht nicht nur betroffen, sondern schockiert."

Der Film zeigt einen der unfassbaren Fälle von Kindesmisshandlung mit Todesfolge, die sich nach meinem subjektiven Eindruck in Deutschland in den letzten Jahren und Monaten immer häufiger ereignen. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer hat dieser Film nicht nur betroffen gemacht, sondern auch schockiert. Andere haben nach dem Film noch lange in stummer Trauer verharrt. Trotz der grausam realistischen Darstellung kann niemand das Leid ermessen, das Karolina in ihrem kurzen Leben wirklich ertragen musste.

Der Film berichtet auch richtig, dass mehr als eine Millionen Kinder in unserem Land regelmäßig mit Gegenständen geschlagen oder gar misshandelt werden. Es wird zu Recht auch auf die Gefahr hingewiesen, dass Kinder, die eine solche Tortur überleben, als Erwachsene gefährdet sind, selbst Täterinnen oder Täter zu werden. Richtig ist sicher auch, dass es eine Vielzahl von Fällen gibt, in denen die Tat von dem "neuen Freund" der Mutter des Kindes ausgeht. Auch sind Kinder in Milieus mit Prostitution und Drogenabhängigkeit besonders gefährdet. In der letzten Sequenz des Films wird dann auf einen vergleichbaren Fall im Nachbardorf verwiesen und damit der Eindruck erweckt, als käme Kindesmisshandlung nur in Patchwork-Familien oder in diesem Milieu vor.

Die Armut trägt zur Häufigkeit der Fälle bei

Dieser Eindruck ist nicht richtig: Viele Erwachsene, die mit Kindern zusammenleben, kümmern sich liebevoll um jedes einzelne Kind, obwohl sie selbst nicht der leibliche Vater oder die leibliche Mutter sind. Sie versuchen, den Kindern eine gute Lebensperspektive zu geben und sparen sich häufig das Letzte vom Mund ab, damit es den Kindern einmal besser geht.

Andererseits kommt auch in Familien, in denen beide leiblichen Eltern mit den Kindern zusammenleben seelische und körperliche Gewalt, Misshandlung und sogar schwere Misshandlung mit Todesfolge vor. Hier sind vielfach Überforderung, Verzweiflung bis hin zur psychischen Erkrankung die Ursachen für das schreckliche Verhalten eines oder beider Elternteile. Die zunehmende Armut von jungen Familien mit Kindern hat das Risiko anwachsen lassen und trägt zur Häufigkeit der Fälle bei.

Mir ist deshalb folgende Anmerkung wichtig: Bund, Länder und Kommunen müssen in einer konzertierten Aktion mehr für einen wirksamen Kinderschutz tun. Der Bund muss der zunehmenden Kinderarmut wirksam entgegentreten. Länder und Gemeinden müssen Netzwerke früher Förderung bilden, in denen Bildung, Gesundheitsvorsorge, Familien- und Jugendhilfe zusammenwirken, um einer aufkommenden Überforderung rechtzeitig entgegenzuwirken. In manchen deutschen Städten, z. B. in Dormagen, gibt es hierfür ermutigende Beispiele, über die auch im ZDF schon berichtet wurde. Solche Beispiele vermitteln Hoffnung, werden hoffentlich Nachahmer finden und sind dann wirksamer als immer neue Gesetze.