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TV-Kritik zu "Hart aber fair": Schmerzhafter Wandel einer homophoben Gesellschaft

In einer sehenswerten "Hart aber fair"-Runde liefern sich Frank Plasberg und seine Gäste Wortgefechte bis zur Schmerzgrenze. Die Hauptrolle spielt die Mutter eines schwulen Sohnes.

Von Ina Linden

Als sie auftritt, ist alles vergessen. Die hitzige Diskussion um Sexualität, Toleranz und einem Adoptionsrecht für schwule Paare, die Meinung von Theologe Martin Lohmann, Sexualität bestehe nicht darin, "wie wilde Tiere übereinander herzufallen" und die Vorwürfe von Entertainer Ralph Morgenstern ("Sie wollen, dass wir uns verstecken"). Als die Frau mit den kurzen grauen Haaren und dem gestreiften Pulli über das Outing ihres Sohnes spricht, verpufft das Gezeter zu einem Wölkchen. Einem rosaroten.

Es sind Sätze wie "Ich konnte damit nicht umgehen", die zeigen, wie hart es für die bodenständige Frau vor Jahren gewesen sein muss, zu akzeptieren, dass ihr Sohn schwul ist. Mit anrührender Offenheit spricht Irmgard Franken über ihre Angst, der damals 19-Jährige könne sich mit HIV infizieren und von dem Selbstvorwurf, in der Erziehung versagt haben zu müssen. Sie habe daran gedacht, dass Tim doch eine Frau haben müsse und habe Monate gebraucht, um mit dem Outing klarzukommen. In die Sendung sei sie gekommen, weil sie überzeugt sei, dass "Schwule und Lesben noch nicht so geachtet werden, wie sie sein sollten." Derbe Sprüche und unflätige Bemerkungen müsse sie sich auf Veranstaltungen immer noch anhören.

Irmgard Frankens Auftritt ist nicht nur deshalb so stark, weil ihr jeder abnimmt, wie sie gelitten hat. Sie steht für Millionen Deutsche, die nach den ersten größeren Christopher-Street-Days in den 90er-Jahren ihren Schreck überwinden mussten. "Wir haben nicht auf der Stirn stehen, dass wir Eltern eines schwulen Sohnes sind", sagt Franken.

Hitzige Diskussion um gelebte Sexualität

Der Wandel von Frau Franken spiegelt wider, wie stark die Gesellschaft in den vergangen zwei Jahrzehnten mit einer lange von Kirche und Staat anerzogenen Homophobie gekämpft hat - und wie weit sie schon gekommen ist. Talk-Gäste und CDU-Mitglieder wie die Journalistin Birgit Kelle, die einen schwul-lesbischen Weihnachtsmarkt mit dem "Ballermann" vergleicht, und Martin Lohmann, der den katholischen Fernsehsender K-TV leitet, wirken neben Franken wie Relikte aus einer längst vergessenen Zeit. Wenn Lohmann Moderator Morgenstern unterstellt, er sei schwul, da er wahrscheinlich "schlechte Erfahrungen mit Heterosexualität" gemacht habe, mag man seinen Ohren kaum trauen. Da verzeiht man Frank Plasberg fast seinen Ausflug ins Unfaire, als er Lohmann fragt, der den Sex zwischen Mann und Frau als Schöpfungsauftrag auslegt, ob er nur ein einziges Mal mit seiner Frau geschlafen habe.

Die hitzigen Diskussionen um gelebte Sexualität und Rollenbilder zeigen, dass es bis zu einer völligen rechtlichen Gleichstellung der eingetragenen Lebenspartnerschaft mit der klassischen Ehe noch ein weiter Weg ist. Zum Thema Adoptionsrecht gibt auch der offen schwule Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann zu, dass das Thema seine Partei noch ein bisschen "überfordert". Kaufmann hatte jüngst zusammen mit zwölf Parteikollegen einen Antrag zur steuerlichen Gleichbehandlung von Lebenspartnerschaften eingebracht, den Kanzlerin Angela Merkel als zentralen Diskussionspunkt für den CDU-Parteitag angekündigt hat. Abgesehen vom Adoptionsrecht entkräftet Kaufmann jedoch in sachlich-sympathischer Art die "Hart-aber-Fair"-Einspieler zu schwulenfeindlichen Aussagen aus der Partei ("Mir wird speiübel") mit der Erklärung, es handele sich um Einzelfälle, und im Allgemeinen bekäme er auf sein Outing eine gute Resonanz.

Emotional - aber nicht beleidigend

Bei der Frage, ob Kinder bei Vater und Mutter aufwachsen müssen, um sich normal entwickeln zu können, kochen die Gemüter hoch, ohne dass es eine Lösung geben kann.

Sängerin Lucy Diakovska wirft in die Runde, lesbische Frauen machten sich mehr Gedanken um eine gute Kindererziehung als viele heterosexuelle Paare, die Kinder einfach mal so in die Welt setzten. Sie bleibt damit ebenso im Bereich der Spekulation wie Birgit Kelle, die darauf beharrt, Kinder hätten es "verdient", mit Vater und Mutter aufzuwachsen. Schließlich ist sich die Talkrunde einig, dass es zu wenige aussagekräftige Studien darüber gibt, wie Kinder in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung aufwachsen.

Frank Plasberg schafft es, Emotionen aufkommen zu lassen, ohne den Beteiligten genug Zeit zu lassen, sich ernsthaft gegenseitig zu beleidigen. In seinem stärksten Moment fragt der CDU-Mann Kaufmann, ob sein eingebrachter Antrag für die CDU-Führung womöglich nur eine Rampe darstellt, um ihn abzuschmettern zu können und so ihre wertkonservative Seite zu zeigen. Es bleibt spannend, wie offen die Partei die Debatte tatsächlich austrägt.