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TV-Kritik zu "Maybrit Illner": Die Stunde der weisen alten Männer

Welterklärer auf Kuschelkurs: Das Publikum bei Maybrit Illner feierte die altersmilde Einigkeit von Helmut Schmidt und Joachim Gauck in der Eurokrise. Kritik mussten die Medien einstecken.

Von Christoph Forsthoff

"Braune Armee Fraktion": Maybrit Illner bot den Zuschauern in ihrer Talkshow neue Perspektiven auf den Terror von rechts

"Braune Armee Fraktion": Maybrit Illner bot den Zuschauern in ihrer Talkshow neue Perspektiven auf den Terror von rechts

Eine Sternstunde der Talk-Kultur? Ein großes Plädoyer für Europa? Ein Lehrstück zweier weiser, alter Männer über die Bedeutung der Ratio in krisenhaften Zeiten? Am Ende traf wohl alles auf den Auftritt von Joachim Gauck und Helmut Schmidt bei Maybrit Illner zu, ohne dass nun wirklich Antworten auf aktuelle, drängende politische Fragen gefunden worden wären. Und doch war es eben keine verpalaverte Stunde, die sich der Bundespräsident und der Alt-Kanzler da zu der Frage "Warum noch an Europa glauben?" gegenüber gesessen hatten: Zwar kaum wirklich streitend – dafür sind sich die beiden Staatsmänner trotz kleiner Meinungsunterschiede dann doch zu einig in ihren europäischen Leitgedanken –, aber dafür mit einer Mischung aus analytischen Fähigkeiten und klaren Worten, die aufhorchen ließ.

Und das nicht allein das vorwiegend junge Publikum, das an diesem Abend einmal nicht im ZDF-Hauptstadtstudio Platz genommen hatte, sondern im Berliner Radialsystem, sonst eher ein Ort für die kulturelle Avantgarde – als hätten die TV-Macher noch das Querdenkertum der Protagonisten unterstreichen wollen … Nein, auch die politische Klasse dieser Republik horchte hoffentlich auf, als Schmidt konstatierte, die Fähigkeit der heutigen Regierenden, "junge Menschen zu beeindrucken, (ist) gegenwärtig etwas kleiner geworden" – was allerdings für alle Bereiche gelte, da die Gesellschaft im Zuge der Neuen Medien oberflächlicher geworden sei. Und dann aber sogleich zeigte, dass er auch mit seinen 93 Jahren noch keineswegs in ein "Früher war alles besser"-Lamento zu verfallen pflegt: "Das muss aber nicht so bleiben", stellte der Sozialdemokrat fest – ja: "Das darf nicht so bleiben."

Ein positives (Weiter-)Denken, das charakteristisch war für die rhetorische Krisenbewältigung der Beiden. Der Raubtierkapitalismus als Bedrohung unserer Zukunft? Zweifellos – und doch sei jede Ordnung zu missbrauchen, so Gauck; entscheidend sei nun die Verständigung darüber, wie viel Kontrolle gegenüber dem Finanzsystem durchzusetzen ist. Warum die Europäische Zentralbank (EZB) sich denn erst jetzt zum Kauf von Staatsanleihen durchgerungen habe, hinterfragte Illner das ewig lange Zögern der Politiker und Banker – doch statt Kritik zu üben, lobte Schmidt die Währungshüter, die ihre Aufgabe der Inflationsbegrenzung bislang "in fabelhafter Weise erfüllt" hätten; und ansonsten gelte: "Wir müssen mit den Tatsachen leben."

"Wir müssen uns dringend zusammenschließen"

Dass Gauck lobende Worte ausgerechnet für die Kanzlerin und ihren harten Sparkurs fand, mochte manchen überraschen. "Angela Merkel führt die Debatte doch stellvertretend für andere", meinte der Bundespräsident und zeigte sich überzeugt, dass es überall in Europa leitende Akteure gäbe, die Merkels Kurs folgen. Und unterstrich doch nur einmal mehr, wie sehr dieses Staatsoberhaupt in sich und seinen Überzeugungen ruht. Und damit zu klaren Überzeugungen fähig ist – ebenso wie sein Gesprächspartner: Schmidt warnte nämlich nicht allein vor dem Glauben an eine "Demokratie durch Volksbefragungen" – "Komplizierte Fragen der weltweiten Finanzmisere lassen sich nicht mit ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ beantworten" – sondern angesichts einer stetig wachsenden Weltbevölkerung und einer gleichzeitig schrumpfenden und alternden Bevölkerung in Europa auch vor einem Bedeutungsverlust der Alten Welt. "Wir müssen uns dringend zusammenschließen", forderte er und schreckte für dieses Ziel selbst nicht vor der Aufgabe nationalen Kulturgutes zurück. "Wahrscheinlich ist es das Beste, wenn wir alle Englisch sprächen, aber das werden die Franzosen nicht zulassen."

Mag sein, dass Illner mit ihren geschickt immer wieder auf das europäische Projekt hinlenkenden Fragen eine kontroversere Diskussion ausschloss. Doch angesichts jener sich tagtäglich im europäischen Hickhack und Kleinststreitigkeiten verlierender Politiker tat dieser Blick auf das lohnenswerte Ziel Europa wohl, ja verdeutlichte endlich einmal wieder das Einzigartige des europäischen Gedankens. Dafür verzichten wir dann auch gern einmal einen Talk lang auf das unterhaltsame Element des Ereiferns und Beschimpfens.

Christoph Forsthoff