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Übergewicht: Fette Zeugnisnoten

Dicke Kinder in der Schule sind keine Seltenheit mehr. In Arkansas wird das Gewicht im Zeugnis festgehalten. Kein schöner Anblick für Schüler und Eltern.

Von Anne Gottschalk

Jedes Jahr das gleiche Dilemma. Die Zeugnisausgabe steht an - für die meisten Schüler ist das schon kein Grund zum Jubeln, außer über den Beginn der Sommerferien. Und wenn dann neben der Zwei in Biologie und der Drei in Mathe auch noch der Bauchumfang benotet wurde, zwickt das gewaltig am Hosenbund. Der Body Mass Index - das Verhältnis von Körpergröße und Gewicht steht nun als dicke Note im Zeugnis neben dem Namen des Schülers. Der "Fettbrief", wie das neue Notenblatt betitelt wird, ist seit diesem Jahr normal - zumindest in Arkansas.

Kinder immer häufiger Diabetiker

Der US-Bundesstaat ist damit Vorreiter in der systematischen Gewichtsüberwachung seiner Schüler. Nicht umsonst - in Arkansas ist jeder vierte Schüler zu dick. Neun Prozent der unter Fünfjährigen werden als fettleibig eingestuft. Die Zahl der Kinder, die am Diabetestyp 2 erkrankten, hat sich in den vergangenen zehn Jahren in Arkansas verneunfacht.

Früher wurde die Erkrankung als Altersdiabetes bezeichnet - heute ist sie eine häufige Folge von Übergewicht bei Kindern. Damit liegt Arkansas auf Platz zwei - nur im Bundesstaat Mississippi leben noch mehr übergewichtige Amerikaner. Nicht nur die Kinder werden somit einmal jährlich mit ihrem Gewicht und dem aktuellen Bauchumfang konfrontiert, sondern auch ihre Eltern. Falls ihr Kind zu dick ist, können sie eine Ernährungsberatung in Anspruch nehmen. "Viele Eltern begreifen nicht, welche Risiken eine Fettleibigkeit bereits im Kindesalter birgt.", sagt der Direktor der Gesundheitsbehörde von Arkansas, Fay Boozman. Dieser Auseinandersetzung mit der Disziplin ihrer Kinder und vor allem ihrer eigenen stehen die meisten Eltern eher skeptisch gegenüber.

Viele befürchten, ihre Kinder könnten Hänseleien ausgesetzt werden. Auch die Lehrerschaft ist nicht unbedingt begeistert von soviel staatlicher Kontrolle. Als "nicht angemessen" bezeichnet College-Direktorin Nancy Rousseau aus Little Rock den "Fettbrief". Die Behörden sehen jedoch genau diese Schwarz-auf-Weiß-Konfrontation als wirkungsvoll an, damit Eltern nicht länger die Augen verschließen können vor dem bedrohlichen Gesundheitszustand ihrer Sprösslinge.

Sinkende Agrarpreise begünstigen Supersize-Portionen

Gesundheitsexperten in den USA sind sich einig, dass falsche Essgewohnheiten in der Kindheit "antrainiert" wurden. Fernsehen, Computerspiele, zu wenig Bewegung und Fast Food - die üblichen Verdächtigen. Sie machen das Leben für Eltern wie Kinder zwar bequemer und leichter, im Endeffekt dann aber doch schwerer. Auf das menschliche Übergewicht reagiert die Industrie mit riesigen Frühstücksportionen und XXL-Särgen für diejenigen, die mit den Pfunden leben und sterben wollen. Nach Ansicht von Ökonomen ist der seit Jahrzehnten sinkende Preis für Agrarprodukte eine Ursache für die immer größeren Portionen, mit denen die Konsumenten zu einer immensen Kalorienaufnahme verführt werden. Nicht selten sollen mit einem üppigen Frühstück aus Rühreiern, Speck, Würstchen, Bratkartoffeln und Pfannkuchen mit Sirup mehr als 1500 Kalorien verzehrt werden.

Fettleibigkeit wird Rauchen als Todesursache Nr. 1 ablösen

Das eigentliche Problem der US-Regierung sind jedoch die jährlich steigenden Ausgaben im Gesundheitsbereich. Im vergangenen Jahr kostete die USA die Fettleibigkeit vieler Amerikaner umgerechnet 60 Milliarden Euro. Übergewichtige und Fettleibige neigen eher zu Herzerkrankungen, Diabetes, Krebs und anderen chronischen Krankheiten, heißt es in einer Studie des Forschungsinstituts RTI International und der Gesundheitsbehörde CDC. Im Jahr 2005 wird voraussichtlich Fettleibigkeit und Bewegungsmangel das Rauchen als Todesursache Nr. 1 ablösen. Gesundheitsexperten sehen daher die Erhöhung der Steuern auf Fette und Zucker als sinnvoll um der Fettleibigkeit der Amerikaner zu begegnen. Das heißt, die Dickmacher werden einfach teurer. Außerdem sollen Kranken- und Lebensversicherungen nach Gewicht gestaffelte Tarife einführen.

Die Angst der Industrie vor einer Prozesswelle von Fettleibigen führt zu immer neuen Initiativen. Die Fast-Food-Kette McDonalds startete im März dieses Jahres ihre "Salads Plus" - Kampagne mit kalorienarmen Gerichten, informiert über den Nährwert der einzelnen Produkte und bietet Fitnessprogramme an. Die neuen Angebote würden gut angenommen werden, so Alexander Schramm, Pressesprecher von McDonalds Deutschland. Die Alternativen zu Pommes und Burger seien auf Wunsch der Kunden hinzugekommen. Für den deutschen Fast-Food-Ableger mag das wohl gelten. In Amerika will der Großkonzern potentiellen Klägern lieber den Wind aus den Segeln nehmen. Demnach soll in einem McDonalds-Restaurant in Seattle im US-Bundesstaat Washington jeder Gast, der das Schokoladendessert "The Bulge" bestellt, schriftlich versichern, dass er weiß, wie viel Kalorien er zu sich nimmt?

Seltsamerweise bekam der Big Mac, einer der beliebtesten Burger von McDonalds, den Segen von zwei französischen Ernährungsexperten - zur selben Zeit, als die Fast-Food-Kette ihre neue Kampagne startete. In ihrem neuen Ratgeber "Savoir Manger" berichten die Autoren Jean-Michel Cohen und Patrick Serog von der Erkenntnis, das Eiweiß-Fett-Verhältnis des Big Macs sei ausgewogener als in der Quiche Lorraine - einer französischen Spezialität.

In Frankreich setzte McDonalds im vergangenen Jahr 2,2 Milliarden Euro um - fast genauso viel wie in Deutschland, das aber 20 Millionen mehr Einwohner hat. Damit ist Frankreich der erfolgreichste Ableger des Burger-Imperiums. Im Land der Haute Cuisine hat die Regierung schon die Notbremse gezogen. Denn auch die Franzosen werden immer dicker. Fast jedes sechste Kind ist übergewichtig oder fettleibig. Die Lebensmittelindustrie wird künftig zur Finanzierung von Aufklärungskampagnen herangezogen und in den Schulen sollen Süßigkeitenautomaten gänzlich verboten werden. Die Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, die rasante Zunahme von übergewichtigen Kindern zu stoppen, und die Quote von erwachsenen Franzosen von zehn auf acht Prozent zu reduzieren.

Kinder sollen schon früh lernen sich richtig zu ernähren

Schätzungsweise 200.000 Menschen sterben in Westeuropa jährlich an den Folgen von Fettleibigkeit, so Bundesernährungsministerin Renate Künast. Im Juni startete Künast mit der Industrie, Gewerkschaften, Sport-Vertretern und anderen Interessenverbänden die "Plattform für Ernährung und Bewegung". Ziel sei unter anderem, die Lebensmittel dem modernen Lebensstil anzupassen, der vor allem von Bewegungsmangel geprägt sei, sagte Künast im ARD-"Morgenmagazin". Zugleich wolle sie darauf hinwirken, dass Kinder schon früh lernen, sich richtig zu ernähren und ausreichend zu bewegen. Dies gehöre in den Erziehungs- und Bildungsauftrag von Kindergarten und Schule, sagte die Grünen-Politikerin. Sieben bis acht Prozent der Kinder und Jugendlichen leiden Angaben ihres Ministeriums zufolge an Fettleibigkeit, jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche habe Übergewicht.

Ernährungsbedingte Krankheiten belasten das ganze Gesundheitssystem. Sie kosten die Krankenkassen und damit Beitragszahler enorme Beträge - in Deutschland circa 55 Milliarden pro Jahr. Die deutschen Krankenkassen reagieren mit Fitnessprogrammen und Vorbeugungsmaßnahmen, die den Blick für gesunde Lebensführung schärfen sollen. Besonderer Wert wird dabei auf die Kassenpatienten von morgen gelegt. Um Spätfolgen zu verhindern und bereits übergewichtigen Kindern das Abnehmen zu erleichtern, bietet beispielsweise die Betriebskrankenkassen der Gruppe BKK Neun Plus in Hannover ein umfassendes Ernährungs- und Bewegungsprogramm an. Neben gemeinsamen Kochen und Einkaufen, stehen auch Sport, Rollenspiele und Entspannungsübungen auf dem Programm. Das Programm wird von Ärzten, Psychologen, Diätassistenten und Sportpädagogen überwacht. "Ziel ist eine langfristige Umstellung der Ess- und Bewegungsgewohnheiten", erläutert Simone Wiening. "Dabei muss die ganze Familie beteiligt werden, sonst macht das keinen Sinn." Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin (DGKJ) leiden etwa 15 Prozent der deutschen Kinder und Jugendliche an Übergewicht.

Der amerikanische Journalist Greg Critser zieht in seinem Buch "Fat Land" einen drastischen Vergleich für das Problem der Wohlstandsgesellschaft: Die USA seien weit mehr von Übergewicht bedroht als von Terroristen. 300.000 Tote fordere die Fettsucht jährlich. Das sind hundertmal mehr als bei den Anschlägen vom 11. September starben. Das Prinzip der Supersize übe eine Terrorherrschaft aus.