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Säureangriffe in Uganda: Die Opfer sind entstellt fürs Leben - die Täter bleiben ungestraft

Säureangriffe sind in Uganda nicht ungewöhnlich. Zornige Ehemänner, eifersüchtige Zweitfrauen - der Angriff dauert nur Sekunden, doch die Folgen währen ein Leben lang. Die Täter werden nur selten bestraft.

Silvier Nambirige aus Uganda trägt eine Maske nach einem Säureangriff

Silvier Nambirige wurde von ihrem Ex-Ehemann in Uganda mit Säure angegriffen. Sie trägt eine Maske und hat Sehschwierigkeiten.

Gloria Kankunda war im dritten Monat schwanger, als ein Unbekannter sie mit ätzender Säure überschüttete. Sie nannte ihr Kind "Miracle". Es sei ein Wunder gewesen, dass das Mädchen überlebte, sagt Kankunda. Bei dem Angriff wurden 70 Prozent ihres Körpers verätzt und ihr Gesicht entstellt. Kankunda trägt heute ein künstliches Auge.

Man riet ihr, abzutreiben, um ihr eigenes Leben zu retten, wie die heute 33-Jährige erzählt. "Ich sagte ihnen: "Wenn ich sterben muss, dann lasst mich mit meinem Kind sterben"". Kankunda vermutet, dass eine der vielen Frauen ihres Ehemanns hinter dem Angriff steckte.

Kankunda leitet heute ein Zentrum für Überlebende von Säureangriffen (CERESAV) in der ugandischen Hauptstadt Kampala. Jedes Jahr betreut die Organisation rund 60 neue Opfer, zumeist Frauen. "Es gibt jedoch weitaus mehr Fälle", sagt Kankunda. Der Großteil der Opfer überlebe die Angriffe nicht, verlässliche Opferzahlen gebe es aber keine.

Gloria Kankunda hat ein zernarbtes Gesicht. Sie ist die Leiterin des Zentrums für Überlebende von Säureangriffen in Uganda

Gloria Kankunda ist die Leiterin des Zentrums für Überlebende von Säureangriffen in Kampala. Sie war im dritten Monat schwanger, als sie vor sechs Jahren mit Säure angegriffen wurde. Bei dem Angriff wurden 70 Prozent ihres Körpers verletzt.

"Ich träumte davon, auf der Stelle zu sterben"

An einem Januarmorgen 2012 überschüttete ihr Freund Linneti Kirungi mit Säure. "Er wollte mich vor meinem Schulabschluss heiraten, doch ich weigerte mich", sagt Kirungi. Ihre linke Körperhälfte ist heute voller Narben, sie verlor ein Ohr. Sie denke oft darüber nach, wie sie früher ausgesehen habe und wie sie jetzt aussehe, mit all den Narben. "Als ich mein Ohr verlor, träumte ich davon, auf der Stelle zu sterben", sagt Kirungi.

In vielen Fällen stecken zornige Ehemänner oder eifersüchtige Zweitfrauen hinter den Säureangriffen, wie die Hilfsorganisation "Acid Survivors' Foundation Uganda" erklärt. Die mutmaßlichen Angreifer sind oftmals schnell wieder auf freiem Fuß, sagt Kankunda. In ihrem Fall sei rasch ein Verdächtiger festgenommen worden. Sie lag aber im Krankenhaus und konnte keine Zeugenaussage machen. "Der Angreifer wurde freigelassen", sagt sie.

Die Polizei räumt ein, dass die strafrechtliche Verfolgung von Tätern bei Säureattentaten schwierig sei. "Wir haben hin und wieder Verdächtige festgenommen", sagt Polizeisprecher Patrick Onyango. Normalerweise würden sie des versuchten Totschlags angeklagt. Gerichte entschieden sich jedoch zumeist zu einer Belangung der Täter wegen schwerer Körperverletzung. "Die Gesetze sind schwach."

Linneti Kirungi aus Uganda fehlt ein Ohr nach dem Säureangriff

Linneti Kirungi wurde 2012 von ihrem damaligen Freund in Uganda mit Säure überschüttet. Er hatte sie vor ihrem Schulabschluss heiraten wollen, doch sie hatte sich geweigert. Bei dem Angriff verlor sie ein Ohr, ihre linke Körperhälfte ist seither voller Narben.


Die Opferhilfe CERESAV fordert deswegen ein Gesetz, das Säureangriffe jeder Form explizit verbietet und harte Strafen vorsieht. Ein 2015 verabschiedetes Gesetz zur Regulierung von giftigen Chemikalien sei in Fällen von Säureangriffen nicht anwendbar, erklärt Kankunda. Es behandle unter anderem Tränengas, aber nicht die vielfach bei den Angriffen verwendete Schwefelsäure. Diese kann als Bestandteil von Autobatterien an Tankstellen oder auch in Drogerien gekauft werden.

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"Er wurde verhaftet, jedoch später freigelassen"

Das Gesicht der 22-jährigen Silvier Nambirige wurde bei einem Säureangriff durch ihren besitzergreifenden Ex-Ehemann entstellt. Heute trägt sie eine Maske und hat Sehschwierigkeiten. "Er wurde verhaftet, jedoch später freigelassen", erzählt die zweifache Mutter. Als sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, habe er sie am Telefon gefragt, ob sie "geheilt" worden sei. "Ich weiß nicht, ob er mich damit verspotten wollte", sagt Nambirige.

Viele Betroffene werden von ihren Partnern, Familien und der Gesellschaft verstoßen. Das Aussehen schrecke Ehepartner ab, sagt Kirungi. Sie engagiert sich nun als Freiwillige bei CERESAV. Oftmals seien Angehörige auch mit der Verantwortung überfordert, denn "die Kosten für die medizinische Behandlung sind hoch". Manche Opfer sähen in ihrer Verzweiflung im Suizid den einzigen Ausweg.

Die Direktorin des Zentrums zur Prävention häuslicher Gewalt, Tina Msuya, sieht neben dem rechtlichen auch ein soziales Problem. Die Akzeptanz von Gewalt in der Gesellschaft sei viel zu hoch, erklärt Msuya. Es gebe in Uganda ein Sprichwort: "Wenn ein Mann seine Frau schlägt, ist das ein Zeichen seiner Liebe." Diese Kultur der Straffreiheit und der einfache Zugang zu den gefährlichen Säuren seien das Grundproblem, sagt Msuya. "Das muss aufhören."

Henry Wasswa / DPA
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