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Uli Edel über Christiane F.: "Eine blitzgescheite Frau mit Charisma"

Sein Film "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" machte Uli Edel berühmt. Im Interview mit stern.de sagt er, was ihn an Christiane F. fasziniert und wem er den Kinoerfolg auch zu verdanken hat.

Herr Edel, erinnern Sie sich gern an Christiane F.?
Ja, natürlich. Es ist über 30 Jahre her, dass wir den Film gemacht haben. Aber ich werde immer wieder auf die " Kinder vom Bahnhof Zoo" angesprochen. Auch ganz junge Leute bewegt der Film, fast wie damals. Christiane hatte ja auch eine unglaubliche Geschichte.

Wo trafen Sie sich?
Schon vor dem Dreh war ich in Jahr in Berlin. Christiane hat uns die Schauplätze gezeigt und hat die Kontakte gemacht zu ihren alten Freunden. Sie hat uns sehr geholfen. Und sie ist ein außergewöhnlicher Mensch, blitzgescheit. Eine Frau mit Charisma.

Hatten Sie daran gedacht, Christiane F. die Hauptrolle in dem Film selbst spielen zu lassen?
Die Überlegung war mal da, ich habe sie aber verworfen. Vor mir sollte ein anderer Regisseur den Film machen, er wollte die Hauptrolle mit einer 26-jährigen Schauspielerin besetzen. Das hielt ich für völlig verfehlt. Es musste ein junges Mädchen sein, sonst wäre Christiane F. nur eine drogensüchtige Prostituierte gewesen. Die Geschichte war aber so erschütternd, weil sie ein Kind war. 1980 war die echte Christiane auch schon 18, fünf Jahre älter als die Christiane im Film.

Schließlich spielte Natja Brunckhorst die Rolle.
Zu Beginn der Dreharbeiten war sie 13, eine Schülerin aus Berlin-Zehlendorf.

Ein "Fohlen in Mädchengestalt: schmalhüftig, langhalsig, langmähnig", schrieb der "Spiegel", als der Film 1981 in die Kinos kam. "Das Mädchen ist 14 Jahre alt. Seine Lippen sind trotziger gewölbt als bei der jungen Brigitte Bardot. Sein Augenaufschlag ist eine Mischung aus Pippi Langstrumpf und Greta Garbo. Ein Kindweib, eine Nabokov-Nymphe..."
Der ungeheure Erfolg des Films war ihr zu verdanken.

4,7 Millionen Besucher strömten in die Kinos.
Ein Erfolg, der so nie kalkuliert war. Das kam völlig überraschend.

Was macht Natja Brunckhorst heute?
Sie ist Schauspielerin, Produzentin, vor allem aber Drehbuchautorin, manchmal schicken wir uns Mails, dann berichtet sie von ihrer Tochter.

Nach dem sensationellen Lauf in Deutschland und Europa war auch Amerika interessiert. Mit Christiane F. reisten Sie zum Filmstart in die USA. Waren die Partys dort so wild, wie sie in ihrem neuen Buch "Mein zweites Leben" schreibt?
Ich kenne das Buch noch nicht. Wir waren in New York und Los Angeles. In L.A. hat sie Nina Hagen und die Radiolegende Rodney Bingenheimer kennengelernt und war dann mit den beiden viel unterwegs.

Sie schreibt, sie habe mit Bernd Eichinger auf einem Flug von München nach Berlin drei Lines Kokain gezogen. Welche Drogen hat sie mit Ihnen geteilt?
Ich bin clean geblieben, aber wir hatten auch so eine Menge Spaß. Wir sprachen beide ziemlich schlecht Englisch, haben aber auf allen Kanälen große Interviews gegeben.

Keine besonderen Vorkommnisse?
Doch, eines Morgens stand vor dem Hotel in großes Polizeiaufgebot. Wir wohnten im "Chateau Marmont" in West-Hollywood. Als wir nachfragten, stellte sich heraus, dass John Belushi in einem Bungalow des Hotels in der Nacht an einer Überdosis gestorben war.

Dem Blues-Brothers-Schauspieler wurde ein Speedball zum Verhängnis, eine Mischung aus Kokain und Heroin.
Da habe ich Christiane F. zum ersten Mal panisch gesehen. Sie wollte sofort ausziehen. Wir wechselten dann das Hotel.

Bekamen Sie damals Vorwürfe zu hören, Ihr Film würde zum Drogenkonsum verführen?
Schon während der Dreharbeiten hatte das angefangen. In Talkshows wurde diskutiert, wie gefährlich es wäre, die Drogenszene vor Kameras auszubreiten. Die Psychologen, die sich da empörten, waren dieselben, die den Film später in ihren Therapiesitzungen verwendeten. Denn der Film zeigt beispielhaft den Verlauf einer Sucht. So hatte das zuvor niemand gezeigt und auch danach lange nicht.

Spielten denn Drogenabhängige mit?
Der Verdacht wurde mehrfach geäußert, stimmt aber nicht. Bis auf eine Ausnahme: Stella, die Freundin von Christiane, die uns auch bei vielem beraten hat, taucht in einer Szene am U-Bahnhof Kurfürstendamm für drei Sekunden als Statistin im Hintergrund auf.

Der Film wirkt sehr wirklichkeitsnah.
Wir haben auch weitgehend mit der Handkamera gedreht, fast alles an Originalschauplätzen. Zum Beispiel in öffentlichen Toiletten, in denen wir beim Herrichten für die Aufnahmen einige Male gebunkerte Drogen gefunden haben. Eines Morgens mussten wir auch einen Rettungswagen rufen, weil da ein Junge mit einer Überdosis lag.

Haben Sie noch Kontakt zu Christiane F.?
Über die Jahre habe ich mich immer wieder nach ihr erkundigt. Als sie 1985 für einige Monate ins Gefängnis Moabit kam, habe ich sie dort besucht. Vor sechs Jahren war ich in Berlin für die Dreharbeiten zum Film "Der Baader-Meinhof-Komplex". Da besuchte sie mich und erzählte mir auch, dass Stella tot sei. Sie kam dann noch mehrmals.

Schreckte sie die RAF-Thematik nicht ab?
Im Gegenteil. Stella und sie hatten im Gefängnis Moabit Brigitte Mohnhaupt kennengelernt, die dort zur gleichen Zeit einsaß. Die hat die jungen Frauen mit ihrer starken Persönlichkeit ziemlich beeindruckt. Aber danach habe ich von Christiane F. nichts mehr gehört. Jetzt bin ich gespannt auf das Buch.

Peter Meroth