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Umfrage zur NS-Vergangenheit: Österreicher schocken mit Umfrage zur Nazi-Zeit

Es ist ein Phänomen, dass in der Rückschau selbst furchtbarste Diktaturen verklärt werden. "Unter Hitler war nicht alles schlecht" - in Österreich sind laut einer Umfrage 42 Prozent dieser Meinung.

Am 13. März 1938 war Adolf Hitler am Ziel. Nachdem er unter Androhung von Krieg den Widerstand Österreichs - bis heute historisch umstrittenen - Bundeskanzler Kurt Schuschnigg gegen den "Anschluss" gebrochen hatte, wurde an jenem Tag ohne Abstimmung im Parlament das "Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich" in Kraft gesetzt. Schon tags zuvor war die Wehrmacht - von Teilen der Bevölkerung frenetisch empfangen - in der Alpenrepublik einmarschiert. Zehntausende jubelten Hitler zu, als er am 15. März auf dem Wiener Heldenplatz "den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich" verkündete. Der Diktator sprach von einer "Befreiung" des Landes, was für ihn bedeutete, Juden und Nazi-Gegner mit drakonischen Mitteln zu verfolgen und zu ermorden.

In wenigen Tagen jährt sich der "Anschluss" Österreichs zum 75. Mal. Die Wiener Zeitung "Der Standard" veröffentlichte zum Jahrestag eine Umfrage, in der es darum ging, wie die Menschen zwischen Salzburg und Wien die Hitler-Diktatur heutzutage beurteilen und welche Chancen eine Partei wie die NSDAP hätte. Von den 502 repräsentativ ausgewählten Bürgern halten es demnach 54 Prozent für "sehr wohl möglich", dass die Nazis genügend Rückhalt hätten, um in Österreich in freien Wahlen erfolgreich zu sein. Vor allem junge und höher Gebildete hätten hier zugestimmt.

Lauter Ruf nach "starkem Mann"

Dem "Standard" zufolge sind 42 Prozent der Österreicher der Meinung "unter Hitler war nicht alles schlecht". 57 Prozent vertreten laut der Umfrage des Linzer Market-Instituts die Gegenthese: "Es gab an der Hitler-Zeit keine guten Aspekte". 39 Prozent der Befragten hielten abermalige Ausschreitungen gegen Juden für "eher möglich", 17 Prozent für sehr wahrscheinlich. Ganze zwölf Prozent hätten Pogromen gegen Juden keine Chance gegeben, 32 Prozent betrachteten sie als "eher nicht wahrscheinlich".

Der Ruf nach einem "starken Mann" an der Spitze des Staates wird in unserem Nachbarland lauter. 61 Prozent der Befragten wünschen sich dem "Standard" zufolge einen solchen Politiker für die Regierung in Wien. Vor allem ältere Menschen sehnten sich nach einer Figur dieser Prägung. Der Zeitung zufolge konnte sich im Juni 2009 lediglich ein Fünftel der österreichischen Bevölkerung sehr oder ziemlich gut vorstellen, "einen starken Führer zu haben, der sich nicht um ein Parlament und um Wahlen kümmern muss".

Die Anhänger eines "starken Mannes" seien diejenigen, die tendenziell Positives in der Nazi-Zeit entdeckten. Die Frage zur Rolle Österreichs beim "Anschluss" ist in der Bevölkerung nach wie vor umstritten: Eine knappe Mehrheit von 53 Prozent meint, der Anschluss sei freiwillig erfolgt, 46 Prozent wiesen ihrem Land die Opferrolle zu. 61 Prozent befänden, es sei genug für die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit ihres Landes getan worden, 39 Prozent machten Nachholbedarf aus. Ähnlich gespalten ist die Meinung, wenn es um die Entschädigung von Nazi-Opfern geht. 57 Prozent meinten, dass "die Opfer dieses Unrechts beziehungsweise deren Nachkommen ausreichend entschädigt worden" seien, 42 Prozent gaben dem "Standard" zufolge an, weitere Zahlungen seien nötig.

Leserstreit um Umfrage

Die Umfrage ist unter den Lesern des "Standard" heftig umstritten, wie das Forum der Webseite zeigt. Die Fragestellungen werden kritisiert, weil sie verschiedene Interpretationen zuließen. Ein Leser schreibt: "Das junge und akademisch gebildete Menschen eine NSDAP heute für möglich halten, zeugt meiner Meinung nicht von Hoffnungen sondern von gelungener Aufklärung und Skepsis, ebenso die Antworten zur Frage nach den Ausschreitungen." Ein anderer formuliert: "Ich halte es für bedenklich, etwas derart undifferenziert zu betrachten, vor allem wenn einem mit "nie wieder" ernst ist, denn derartige Ideologien und deren Anhänger geben ja vor etwas zu verbessern, deshalb gedeihen sie meist in Krisen, suchen sich Sündenböcke und verfolgen kritische Geister, die ihren Erfolg verhindern könnten - und meist gelingen tatsächlich einige Verbesserungen, bevor sie ihre wahre Fratze zeigen." Ein Leserkommentar verweist auf Ostdeutschland: "Da gibts auch Leut die sagen ihnen, unterm Honecker war nicht alles schlecht. Und sie haben Recht. Es war nicht ALLES schlecht. War es im 3. Reich auch nicht."

tso